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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.04.2018

Neue Geschäftsmodelle mit BlockchainGünstiges Angebot - oder Spiel mit dem Risiko?

Von Jutta Schwengsbier

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Eine Zeichnung von zwei Menschen an Computern, die räumlich voneinander getrennt sind, wie eine Strichelung in der Mitte suggeriert. Beide reichen mit der Hand in den Bildschirm und kommen damit auf dem Bildschirm des anderen heraus, wo sie Münzen fallen lassen. (imago stock&people/Eva Bee)
Menschen tauschen Bitcoins mit dem Computer. (imago stock&people/Eva Bee)

Die Blockchain-Technologie verspricht Geschäfte ohne Banken und mit niedrigen Gebühren. Unternehmer werben bereits mit kostengünstigen Angeboten. Doch Krypto-Währungen sind teils enormen Schwankungen ausgesetzt - ein Risiko.

Als das Internet-Zeitalter begann, musste man seinen Computer noch mit ein paar Pfeiftönen über Telefon mit einem anderen Computer verbinden: "Dieses Internet war nicht kommerziell gedacht. Es war eigentlich hauptsächlich dazu da, dass Forscher sich miteinander austauschen."

Wenn ein Informatiker wie Ingo Rübe die Geschichte des Internets erzählt, dann ist es auch eine Geschichte von den Interessen derjenigen, die das Internet gestalten: Wo steht welcher Rechner? Wie verbinden sich Rechner untereinander? Wie zeigen Seiten Informationen an? Wie kann man von einer Seite zur nächsten navigieren? Die ersten Programme, die noch heute das Grundgerüst des Internets bilden, sind alle kostenlos.

Siegeszug der Plattformen

"Dann kam in den 90er-Jahren plötzlich die Kommerzialisierung des Internet", sagt er. "Man musste plötzlich anfangen etwas zu bezahlen. Dann braucht man plötzlich eine Identität im Internet. Dann braucht man plötzlich einen Suchservice, mit dem man überhaupt Webseiten finden konnte. Daraus entstanden ist die so genannte Plattform-Ökonomie. Also Plattformen, die Hersteller und Konsumenten miteinander verbinden."

Es war die Geburtsstunde von Google oder Facebook. Von Plattformen, die heute die weltweite Kommunikation dominieren. Ihr größter Schatz, sagt Ingo Rübe, sind die Daten, die solche Plattformen über uns alle sammeln. Die derzeit aufgebaute neue Blockchain-Architektur des Internets soll den Konzernen diesen Datenschatz wieder entreissen.

"Airbnb lebt davon, dass sie eine große Datenbank haben, in der lauter Wohnungen sind. Das ist ihr Schatz. In einer Blockchain-Welt wäre dieser Schatz öffentlich zugänglich."

Was steckt hinter Blockchain?

Statt alles in einem großen Zentralrechner zu speichern, den nur wenige kontrollieren, arbeitet die Blockchain-Technologie mit einem Netzwerk aus Zehntausenden verbundenen Kleinrechnern. Dieses auf viele Nutzer verteilte Netzwerk gehörte von Anfang an zum Design der Blockchain-Architektur: Alle Prozesse sollen transparent sein und das Internet demokratischer werden.

Geld verdienen wollen die Blockchain-Entwickler natürlich immer noch, erklärt Ingo Rübe und lacht dabei verschmitzt. Als Geschäftsführer von "Botlabs" will er mit Burda Medien sein eigenes Blockchain-Universum aufbauen. Nur Intermediäre,- wie Banken oder wie "airbnb" -, sollen im Blockchain-Internet künftig überflüssig werden. Wie das funktioniert?

Jeder der eine Blockchain baut, kann auf dieser Blockchain eine eigene Währung erfinden. Und diese Währung wird innerhalb der Blockchain verwendet. Und je mehr Menschen das virtuelle Geld dann benutzen, umso wertvoller wird es. Derzeit werden schon rund 1500 solcher Krypto-Währungen von Blockchains gehandelt. Tendenz stark steigend.

Das Ganze sei wie bei einem Volksfest, erklärt Ingo Rübe. Wer da Riesenrad oder Autoscooter fahren will, muss auch erst am Eingang eine Münze kaufen. Später mitfahren darf nur, wer so eine Münze vorzeigen kann.

Jahrmarkt mit täglich neuen Angeboten

Im Moment gleicht die Blockchain-Welt tatsächlich einem Jahrmarkt. Fast täglich entstehen neue Angebote, die mit der Blockchain-Technologie bestehende Konzepte verbessern und andere dadurch vom Markt drängen wollen. Wer am Ende gewinnen wird, ist noch völlig unklar.

"Brickblock" will zum Beispiel Immobilien über einen Blockchain-Marktplatz verkaufen. Investoren müssen erstmal virtuelle Münzen kaufen, sogenannte "Token", die Anteilsscheine von Immobilien repräsentieren. Wer am Ende welchen Anteil an der Immobilie besitzt, wird fälschungssicher und transparent in der Blockchain gespeichert.

Geschäfte ohne Mittelsmann

"Ein Notar, einen Rechtsanwalt. Normalerweise muss man für diese vertrauenswürdigen Parteien in der Mitte immer Gebühren bezahlen. Diese Gebühren können vermieden werden, wenn man Blockchain-Technologie benutzt."

Bei Blockchain-Geschäften sind Notare und Rechtsanwälte überflüssig. Kauf und Verkauf werden direkt auf der digitalen Plattform abgewickelt. Alle notwendigen Verträge zu den Immobiliendeals werden bei einem Träuhänder hinterlegt. Die Daten zum Besitzerwechsel in der Blockchain gespeichert. Im Prinzip funktioniert das wie bei jeder anderen Online-Börse auch. Nur dass bei "Brickblock" alle Transaktionen öffentlich einsehbar sind.

"Ich habe früher ganz traditionell in Immobilien investiert. Es dauert normalerweise sehr lange, bis sie einen Käufer finden. Bei meiner letzte Immobilie brauchte ich sechs Monate, bis ich das Geld tatsächlich erhalten habe."

Weil Kauf und Verkauf der Immobilienanteile sowie Zinszahlungen über die Blockchain automatisch ablaufen, sei der ganze Prozess viel effektiver, wirbt Jakob Drzazga für sein Konzept. Der Immobilienmanager hat "Brickblock" mit gegründet.

Die Branche tritt selbstbewusst auf

"Die Transaktionen sind viel schneller. Sie können auch nur einen Teil der Immobilien, die sie halten, wieder verkaufen."

Ohne Banken, Notare oder Rechtsanwälte einschalten zu müssen, sind Transaktionen über "Brickblock" tatsächlich preiswert. Wer normalerweise in Immobilien investieren will, zahlt fünf bis zehn Prozent Gebühren. Bei Brickblock nur 0,5 Prozent. Wegen der vollautomatisierten Prozesse sind außerdem Investitionen schon ab ein Euro möglich. Damit sei Brickblock, sagt Manuel Gonzales Alzuru, einer der ersten Anbieter für Mikroinvestitionen weltweit. Alzuru ist Marketingleiter bei "Brickblock".

"Mit unserer Technologie kann wirklich jeder am finanziellen System teilnehmen. Nicht nur die Eliten. Für mich ist die Blockchain-Technologie deshalb wirklich revolutionär."

Verluste durch Schwankungen nicht ausgeschlossen

Doch wie das bei revolutionären, neuen Technologien so ist: Der Verkauf ihrer ersten Immobilie ist für "Brickblock" nicht ganz einfach. Viele ihrer Interessenten kennen sich mit Krypto-Währungen noch überhaupt nicht aus und verstehen nicht, warum sie ihre Immobilenanteile mit "Ether" bezahlen sollen statt mit Euro oder US-Dollar.

Nach dem rasanten Kurssturz an den Kryptobörsen schwanken die Kurse der Kryptowährung "Ether" derzeit täglich um bis zu 30 Prozent. Wer seine Euro also in einer digitalen Wechselstube in "Ether" umtauscht, um sie später in Immobilenanteile zu investieren, könnte schon durch die schwankenden Welchselkurse viel Geld verlieren.

Denn es dauert einige Zeit, bis die Kryptowährung von der Wechselstube zunächst im Online-Geldbeutel der Nutzer und dann bei "Brickblock" gelandet ist. Wertverluste des "Ether" in dieser Zeit können die Zinsgewinne vieler Jahre übersteigen. Eine Investition bei "Brickblock" hat im Moment also noch etwas von einem Casino-Besuch. Ob der Automat am Ende mehr oder weniger Geld ausspuckt als den Spieleinsatz, steht vorher nicht fest.

Macht Blockchain die Banken überflüssig? Dieser Frage geht Brigitte Scholtes in ihrem Beitrag nach, den Sie hier hören können:

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