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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.11.2018

Neue Erkenntnisse im "Fall Olof Palme"Stieg Larssons Recherchen werden Wunden öffnen

Jan Stocklassa im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Olof Palme, bei einem Kongress am Tisch sitzend. Im Vordergrund Gläser. (imago / Manel Armengol)
Der 1986 ermordete schwedische Ministerpräsident Olof Palme. (imago / Manel Armengol)

In Schweden gibt es, dank der Recherchen des verstorbenen Bestseller-Autors Stieg Larsson, endlich eine heiße Spur, die zum Mörder des 1986 erschossenen Regierungschefs Olof Palme führt. Der Journalist Jan Stocklassa hat jetzt ein Buch darüber herausgebracht.

Der Schwede Stieg Larsson ist vor allem als Bestseller-Autor seiner Roman-Trilogie "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" in Erinnerung. Vielen seiner Leser ist weniger bekannt, dass der Journalist Larsson ein engagierter Kämpfer gegen Rechtsradikalismus und beharrlicher Rechercheur war, der alle daran setzte, um den Mord an dem sozialdemokratischen Regierungschef Olof Palme (1927-1986) aufzuklären.

Eine Blutlache an dem Platz, an dem Olof Palme erschossen wurde. (picture alliance/AP Images)Eine Blutlache an dem Platz, an dem Olof Palme 1986 erschossen wurde. (picture alliance/AP Images)

Der Journalist Jan Stocklassa hat aus Larssons Recherchematerial ein spannendes Sachbuch über den "Fall Olof Palme" gemacht. Im Interview erzählt er von seinen eigenen Recherchen und was er über den möglichen Mörder Palmes herrausfand.


Das Interview im Wortlaut:

Stephan Karkowsky: 1986 wurde der schwedische Regierungschef Olof Palme ermordet. Seitdem lässt dieser Mord die Schweden nicht los. Die britische Zeitung "The Guardian" sprach gar von einer Obsession, denn aufgeklärt wurde die Tat nie. Jede Nachricht darüber elektrisiert das ganze Land, vor allem, als man im Nachlass des Bestsellerautors Stieg Larson neue Informationen fand. Nach jahrelanger Recherche hat der schwedische Autor und Journalist Jan Stocklassa daraus nun ein spannendes Sachbuch gemacht, über das wir mit ihm selbst sprechen wollen. Herr Stocklassa, good Morning!

Jan Stocklassa: Good Morning!

Karkowsky: Die drei Teile von Stieg Larssons Romantrilogie heißen auf Deutsch "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung". Die Filme dazu liefen als Sechsteiler im ZDF. Viel mehr wissen die meisten Menschen hier nicht über diesen Autor. Was hat ihn denn am Fall Palme so interessiert?

Stocklassa: Es begann damit, dass Stieg Larsson damals schon über Rechtsextremisten in Schweden recherchiert hatte und ein Netzwerk von Rechtsextremen aufgespürt hatte, als der Mord geschah. Und da er einige Leute bereits beobachtet hatte, als der Mord stattfand, ging er davon aus, dass sie vielleicht in den Mord doch involviert waren.

Karkowsky: Was genau wurde denn im Nachlass gefunden? Waren das Notizen, waren das Tagebücher, fertige Skripte? Was war es?

Stocklassa: Nach seinem Tod fand man 20 Umzugskartons voller Materialien mit Artikeln, Notizen, Briefen, auch allgemeinem Material wie Artikel, aber hauptsächlich bestand es aus Notizen, die Stieg Larsson bereits 1987 der schwedischen Polizei übergeben hatte.

Die Spur führte nach Südafrika

Karkowsky: Und was steht drin in diesen Memos? Was war inhaltlich neu?

Stocklassa: Es ging vor allen Dingen um eine sehr wichtige Notiz, die Stieg Larsson der schwedischen Polizei übergeben hatte, und das betraf einen südafrikanischen Mittelsmann des südafrikanischen Geheimdienstes, der wiederum schwedische Rechtsradikale gesucht hatte. Das hatte Larsson der Polizei bereits im Mai 1987 übermittelt.

Karkowsky: Wie hängt das zusammen, Südafrika und der Mord an Olof Palme?

Stocklassa: Olof Palme war ein engagierter Gegner des südafrikanischen Apartheidregimes, und er besaß kurz vor seinem Tod, in den letzten Jahren, ausführliche Informationen über den Waffenhandel Südafrikas mit anderen westlichen Staaten. Und Olof Palme war kurz davor, diese Informationen zu veröffentlichen, kurz vor seinem Tod.

Karkowsky: Und wie genau ist der Zusammenhang zu den schwedischen Rechtsnationalisten?

Stocklassa: Mitglieder des südafrikanischen Geheimdienstes dachten ähnlich wie Rechtsradikale in Schweden, und das nutzte der Geheimdienst für seine Zwecke aus und versuchte, diese schwedischen Rechtsradikalen dazu zu benutzen, Olof Palme nicht nur zu überwachen, sondern eventuell auch den Mord an ihm ausführen zu lassen.

Karkowsky: Wie haben Sie dann, nachdem Sie all das erfahren haben aus dem Nachlass von Stieg Larsson, wie haben Sie dann selbst weiter recherchiert? Was war Ihr erster Schritt?

Stocklassa: Mir ist zunächst klar geworden, dass Stieg Larsson eine sehr konkrete Theorie hatte, wer den Mord ausgeführt hat. Aber er hat vor seinem Tod nicht mehr die Zeit gefunden, sich konkret mit Verdächtigen zu treffen, von denen er meinte, dass sie involviert waren. So übernahm ich diese Aufgabe, mich mit diesen Verdächtigen zu treffen.

"Ich beschloss, selbst nach Nordzypern zu reisen"

Karkowsky: Haben Sie denn in den Unterlagen ganz konkret gefunden, dass er bereits Treffen geplant hatte? Und wenn ja, mit wem?

Stocklassa: In den Notizen von Stieg Larsson tauchten mehrere Namen auf. Da war einmal der südafrikanische Meisterspion Greg Williamson, dann der Mittelsmann, der in Zypern lebte, Bertil Wedin, und diverse schwedische Rechtsextreme. Und so beschloss ich, obwohl einige bereits gestorben waren, aber da sehr viele noch lebten, selbst nach Nordzypern zu reisen, nach Südafrika und auch innerhalb von Schweden.

Karkowsky: Und was haben Sie da rausgefunden bei Ihren Recherchen?

Stocklassa: In Stieg Larssons Hypothese gab es mehrere Lücken. Es war klar, dass es eine Verbindung zwischen dem Mittelsmann in Zypern gab und den schwedischen Rechtsextremen. Aber es musste eine Lücke gefüllt werden, da fehlte mir eine wichtige Verbindung, nämlich, wer eigentlich der Mörder war. Und ich glaube, ich kann jetzt beweisen, dass es eine Verbindung zwischen Bertil Wedin aus Nordzypern mit einem Verdächtigen in Westschweden gibt, der den Mord ausgeführt haben könnte.

Karkowsky: Nun hat es ja viele Theorien gegeben, um den Mord von Olof Palme in den letzten 30 Jahren. Sind Sie sicher, dass Sie jetzt den richtigen Weg gefunden haben? Wird also die Polizei in Kürze diesen Mord tatsächlich aufklären können?

Stocklassa: Ich bin davon überzeugt, dass Stieg Larssons Theorie zusammen mit meinen Recherchen korrekt ist. Ich kann es nur nicht beweisen. Das ist Aufgabe der Polizei, die viele der Informationen bereits 1987 erhalten hat, plus eben diese neuen Tipps von mir. Und es ist an der Polizei, das zu einem Prozess zu führen, in dem diese Beweise vorgebracht werden.

Karkowsky: Und Sie haben ja auch Ihr Material der schwedischen Polizei übergeben, vor etwa einer Woche. Haben Sie schon Nachricht bekommen, was damit jetzt passiert?

Die Polizei war zunächst skeptisch

Stocklassa: Die schwedische Polizei erhielt von mir bereits vor zwei Monaten meine Informationen, und ich hatte ihnen auch schon davor Informationen gegeben. Zunächst reagierten sie sehr skeptisch, aber mittlerweile haben sie konkrete Maßnahmen unternommen, um an den Verdächtigen heranzutreten, ebenfalls auch an Bertil Wedin in Nordzypern.

Karkowsky: Es wird immer geschrieben, kolportiert in den Zeitungen auch, dass Sie durch Zufall an die Recherchen Larssons gekommen sind. Aber war das wirklich so zufällig?

Stocklassa: Es handelte sich um eine lange Serie zufälliger Ereignisse. Aber als wir dann die Eisentür zu diesem Lager öffneten, dachte ich immer noch, ich würde nur wenige Dokumente finden, und war dann total überrascht, ja, richtig sprachlos, dass es sich um 20 Umzugskartons voller Papiere handelte.

Neuer Blick auf Stieg Larsson

Karkowsky: Nun hat Stieg Larsson, genau wie Sie, als investigativer Journalist gearbeitet. Sie beschreiben das wohl auch in Ihrem Buch sehr ausführlich. Lernen wir Romanleser also einen völlig neuen Larsson kennen, vor dem wir dann vielleicht noch mehr Respekt haben?

Stocklassa: Das wichtigste Projekt von Stieg Larsson war es, gegen den Rechtsextremismus in Schweden und Europa zu kämpfen. Das war ein Aspekt, der mir nicht so bewusst war. In zweiter Linie recherchierte er an dem Olof-Palme-Mord, und erst in dritter Linie war er der Romanautor, den wir alle kennen.

Karkowsky: Wir in Deutschland wissen natürlich vom Palme-Mord, wir wissen auch, dass die Schweden seit vielen Jahrzehnten versucht haben, herauszufinden, wer der Mörder ist. Aber wir können wahrscheinlich nicht ansatzweise erahnen, wie bedeutend es wäre, wenn Schweden tatsächlich eines Tages das Ergebnis auf dem Tisch hätte und einen konkreten Täter benennen könnte. Können Sie uns da aufklären?

Stocklassa: Es war eines der wichtigsten Ereignisse in Schweden im 20. Jahrhundert. Ich glaube, wenn der Fall endlich aufgelöst wird, werden neue Wunden geöffnet. Weil es gab viele Skandale damals. Es gab Skandale um die Polizei, um den Staatsanwalt und die Behörden, aber auch um die Medien. Und das alles wird wieder an die Oberfläche gelangen. Aber insgesamt wird es besser sein für Schweden.

Karkowsky: Stieg Larssons Erbe – wer ermordete Olof Palme. Über sein neues Sachbuch gab uns selbst Auskunft der schwedische Journalist Jan Stocklassa. Ihnen besten Dank! Thank you for talking to us!

Stocklassa: Thank you very much!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Jan Stocklassa: "Stieg Larssons Erbe"
Europa-Verlag, 2018
488 Seiten, 25 Euro

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