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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.12.2006

Neue Einsichten zur amerikanischen Geschichte

Nathaniel Philbrick: "Mayflower. Aufbruch in die Neue Welt." Blessing Verlag 2006, 416 Seiten

Die Indianer halfen den Pilgervätern und wurden später vertrieben und verfolgt. (AP)
Die Indianer halfen den Pilgervätern und wurden später vertrieben und verfolgt. (AP)

Als im Dezember des Jahres 1620 englische Siedler amerikanischen Boden betreten, stehen diese "pilgrim fathers" quasi vor dem Nichts und dem Hungertod. Nur mit Hilfe der Indianer, die sie den Winter über durchfüttern, überleben sie. Zum Dank werden sie später von ihren Ländern vertrieben und teilweise versklavt.

Im Dezember des Jahres 1620 betreten englische Siedler amerikanischen Boden, sie nennen sich "pilgrim fathers", Pilgerväter. Das später berühmt gewordene Schiff, das diese kirchlichen Separatisten über den Atlantik getragen hatte, trug den Namen Mayflower. "Mayflower, Aufbruch in die Neue Welt", so heißt auch das neue Sachbuch des amerikanischen Historikers Nathaniel Philbrick; drei Bücher von ihm sind bisher auf Deutsch erschienen, für Aufsehen sorgte 2000 seine Darstellung der wahren Geschichte hinter dem Roman Moby Dick, deutscher Titel "Im Herzen der See", und wurde in den USA mit dem National Book Award ausgezeichnet.

Bekannt für maritime Themen hat Philbrick diesmal aber die Welt der Schiffe verlassen, das Schiff Mayflower spielt nur im ersten der 16 Kapitel eine Rolle. Philbrick schildert in seinem Buch die ersten 70 Jahre der Pilgerväter-Kolonie; eindeutig im Vordergrund steht bei Philbrick ein Aspekt: das Verhältnis der Siedler und der Indianer zueinander, detailliert und minutiös beschrieben. Es gibt keine andere historische Studie, die so akribisch und vor allem beispielhaft das Verhältnis zwischen Siedlern und Indianern schildert - ein Glücksfall, dass sich einer der besten Historiker der USA dieses Themas angenommen hat.

Philbricks Recherchen ergaben: die Indianer helfen den Siedlern zu überleben, füttern sie den Winter lang durch, versorgen sie im nächsten Frühling mit Saatgut, zeigen ihnen Fischgründe und Wildwechsel. Ein absolut nachbarschaftliches und gleichberechtigtes Verhältnis entsteht, das ungefähr 50 Jahre lang existiert.

Erst als die Siedler zu Wohlstand gelangt sind, beginnen sie, die Indianer als Menschen zweiter Klasse zu behandeln - "Die Pilgerväter hatten die Reize des Kapitalismus kennen gelernt." - und ihnen ihr Land wegzunehmen, Krieg gegen sie zu führen und sie sogar zu versklaven. Ein trauriger Höhepunkt ist das Jahr 1676, als ein Schiff der Pilgerväter 180 Indianer als Sklaven in die Karibik deportiert.

Philbricks Sachbücher sind stets so spannend wie Thriller: Er beherrscht die Technik der Short Cuts, schneidet filmisch Informationen und Szenen oft hart gegeneinander und schafft so Verblüffung.

Philbrick zitiert Augenzeugen aus der Zeit der Pilgerväter, einer fasste es so zusammen:

"Ich habe die Massachusetts-Indianer als menschlicher empfunden als die Christen."

"Mayflower" ist ein Buch, das für Historiker einen endlich gehobenen Schatz bedeutet und das für das historische Selbstverständnis des christlichen amerikanischen Wertesystems einer Bombe gleicht: Die amerikanische Geschichte muss neu geschrieben werden. Natürlich wussten wir schon, dass die Indianer von den Siedlern unterjocht, ausgebeutet und vernichtet wurden. Dieses Buch allerdings eröffnet eine so bisher unbekannte Innensicht der Auseinandersetzungen und ein Gefühl für das humanistisch zu nennende Wertesystem der Indianer.

Rezensiert von Lutz Bunk

Nathaniel Philbrick: "Mayflower. Aufbruch in die Neue Welt"
Übersetzt von Norbert Juraschitz
Blessing Verlag 2006
416 Seiten, 19.95 Euro

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