Neue Dörfer fürs alte Armenhaus
In vielen Dörfern sind nur noch die Alten übrig - die Jungen versuchen ihr Glück in den Städten. Die Unterschiede zwischen Land- und Stadtbevölkerung in Chinas Nordwesten sind groß. Zahlreiche Regierungsprogramme sollen das Leben auf dem Land verbessern.
Hinter dem Zug, der langsam in Richtung Westen verschwindet, glitzern die Gleise in der Mittagssonne. In weiten Bögen zieht sich die Bahn über das staubige gelbe Land. Ein wenig weiter rechts, neben der alten Landstraße, stehen leuchtendgelb funkelnagelneue Reihenhäuser ordentlich nebeneinander. Auf jedem Dach glitzert ein Metalltank, in dem die Sonne Wasser erhitzt. In einem von ihnen wohnt der Bauer Liu Guoqiang.
"Hier ist es viel besser als in unserem alten Haus. Alles funktioniert jetzt elektrisch und alles ist sehr modern. Früher hätten wir uns das gar nicht vorstellen können. Als ich klein war, waren wir so arm. Und jetzt ist in unserem Haus alles so modern. Sogar einen elektrischen Reiskocher haben wir. Alle Häuser hier sind jetzt so."
Liu Guoqiang sitzt gemeinsam mit einem Nachbarn auf dem Kang, dem traditionellen chinesischen Ofen, einer Art beheiztem Podest, der im Sommer wie im Winter als Ess- und Schlafplatz dient. Lius Dorf liegt im Süden des autonomen Gebiets Ningxia, 1000 Kilometer westlich von Peking. Der hagere Mann mit dem dichten schwarzen Haar wohnt seit drei Jahren in dem neuen Haus, das die Regierung ihm gebaut hat, weil sein altes Zuhause der Bahnstrecke weichen musste. Es ist eine Nebenstrecke. Sie verbindet die Provinzhauptstädte Yinchuan und Lanzhou im Nordwesten Chinas. Überall in der Gegend sieht man neben der Bahnstrecke oder neu gebauten Straßen die neuen Dörfer mit ihren gelben Fertighäusern und den grade gezogenen Gassen.
"Wir haben jetzt alles, was wir brauchen, es gibt genug zu essen. Früher haben wir vielleicht einmal im Monat Fleisch gegessen. Und heute gibt es jeden zweiten Tag Schweinefleisch bei uns. Wir können uns jetzt ein reichhaltiges Essen leisten, sogar Milch gibt es. Unser Land entwickelt sich und unser Leben ist gut."
Seit einigen Jahren bemüht sich die chinesische Regierung, auch die ländlichen Gebiete im Landesinnern am Wirtschaftsboom teilhaben zu lassen. Die neuen Dörfer an der Bahnstrecke sind Teil dieser neuen Segnungen. Noch in den sechziger Jahren, als junger Mann, habe er Hunger gekannt, sagt Liu. Damals führte Maos Kollektivierungspolitik des "großen Sprungs nach vorn" zu einer Hungerkatastrophe. Sein Nachbar fällt ihm ins Wort:
"Damals hat der Staat uns das Essen zugeteilt. Wir haben jeden Tag nur 150 Gramm zu essen bekommen. Wir waren alle am Verhungern."
Ningxia liegt am Oberlauf des Gelben Flusses, am Rand des nordchinesischen Lössplateaus. Löss, so nennt man den gelblichen Boden, dessen Schlamm dem Fluss seine Farbe verleiht. Er besteht aus kleinen Partikeln, die der Wind im Laufe der Jahrmillionen aus den sibirischen Wäldern herangeweht hat. Wenn man sie richtig bewässert und bebaut, ist die Erde sehr fruchtbar. Doch Trockenheit und Erosion bedrohen seit jeher die Existenz der Bauern. Etwas weiter flussabwärts entstanden vor Jahrtausenden aus den hoch entwickelten Bauernkulturen die ersten chinesischen Staatengebilde. Heute allerdings ist der 'große Nordwesten', wie die Chinesen das karge Land an der Grenze zu den mongolischen Steppen nennen, einer der unterentwickeltsten Landstriche des Landes.
"Die Landwirtschaft ist hier nicht besonders. Wir können zum Beispiel Mais anbauen. Aber um gute Erträge zu bekommen, müssen wir sehr viel Geld für Kunstdünger ausgeben. Früher haben wir Kompost und Dung auf die Felder gebracht. Heute verwenden wir Kunstdünger. Das kostet natürlich viel Geld, aber die Erträge sind auch viel besser. Am Ende lohnt es sich. Mit jedem Mu Land können wir sechs oder siebenhundert Yuan im Jahr verdienen."
Siebenhundert Yuan, das sind etwa achtzig Euro, ein kleiner Nebenverdienst. Die Unterschiede zwischen armer Landbevölkerung und den langsam zu Wohlstand kommenden Städtern sind in den letzten Jahren sehr groß geworden. Die Regierung fürchtet die sich daraus ergebenden Spannungen. Schon im Jahr 2005 meldete das Ministerium für öffentliche Sicherheit 87.000 sogenannten Massenzwischenfälle, in denen sich die Unzufriedenheit in Protesten entlud. Experten gehen davon aus, dass die Zahlen seitdem noch gestiegen sind. Man begann, sich stärker um die Belange der Bauern zu kümmern, schaffte die horrenden Steuern ab, die die Bauern in ihrer Existenz bedrohten und richtete eine Krankenversicherung ein, die zumindest das Minimum abdecken soll. Liu allerdings kann seinen Lebensunterhalt trotzdem nicht mehr von seinen Feldern bestreiten. Seit dem Umzug in das neue Haus hat er nur noch zwei Mu Land. Das ist ein Zehntel Hektar. Früher, in dem alten Dorf hatte er noch acht Mu. Aber mehr als die zwei Mu habe er sich von dem Geld, das er für sein Land bekommen hat, nicht leisten können.
"Wenn die Regierung eine Straße baut oder eine Eisenbahnstrecke, dann gibt sie den Bauern für ihr Land eine Entschädigung. Aber die Lokalregierung behält einen Anteil ein. Wenn uns die Regierung zum Beispiel 10.000 Yuan pro Mu zuspricht, dann wird das Geld zuerst an die lokalen Behören überwiesen und die verteilt es dann an uns weiter. Und so bekommen wir viel weniger ausgehändigt."
Eine Wahl hatte er nicht. Das halbe Dorf ist inzwischen in die Neubauten gezogen, auch der Nachbar hat eines der neuen Häuser bekommen. Er konnte etwas mehr Ackerland behalten, sechs Mu. Aber auch das sei weniger, als er vorher hatte. Auch das reiche ihm nicht, um das ganze Jahr davon zu leben.
"Wir sind alle von unseren Kindern abhängig. Wir sind ja auch schon alt, da können wir nicht mehr so viel arbeiten. Aber sie sind jung, sie können als Wanderarbeiter in der Stadt Geld verdienen. Wir können das nicht mehr, deshalb müssen sie uns ernähren."
In vielen Dörfern Chinas sind inzwischen nur noch die Alten übrig, die Jungen versuchen ihr Glück als Wanderarbeiter in den Städten. Der bescheidene Wohlstand, über den sich Liu so begeistern kann, wird durch die Überweisungen der Kinder finanziert. Sein Sohn, erzählt der Nachbar, arbeite in der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas, der Sohn Liu Guoqiangs hat in einer Sandgrube in der Nähe Arbeit gefunden. Hier, in Chinas Nordwesten boomt vor allem die Bauindustrie. Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur sollen Chinas verarmten Regionen Anschluss an die boomenden Zentren der Ostküste verschaffen. Wohin das Geld geflossen ist, wird jedem Autofahrer eindrucksvoll klar, wenn er in Ningxia unterwegs ist. Urplötzlich wird die karge Landschaft von achtspurigen Straßen durchschnitten, auf denen kaum ein Auto zu sehen ist. Über den Gelben Fluss, der hier seinen Anfang nimmt, spannen sich riesige halbfertige Brücken.
Etwa hundert Kilometer weiter westlich wird die Gegend noch kärger. Ein Hochplateau im nördlichen Teil der Provinz Gansu. Zhang Zhonggui bückt sich und rupft einzelne Grashalme aus. Die Furchen in der Erde sind akkurat gezogen. Als ob das Feld jederzeit bepflanzt werden könnte. Doch nur vereinzelt ragen Pflanzen aus der Erde.
"Das hier ist alles unser Ackerland. Das sind 10 Mu. Aber dieses Jahr läuft es sehr schlecht. Man kann sagen, dass das Leben hier sehr hart ist. Ob wir zu Essen haben oder nicht, da hängt allein vom Himmel ab. Dieses Jahr ist es sehr schwer. Es gibt kein Wasser."
Die Grashalme, die er hier noch findet, steckt er in einen alten Düngemittelsack. Am Feldrand grasen zwei Esel.
"Ich sammle das Gras, um es später an sie zu verfüttern. Wenn es nicht regnet, dann wächst auch kein Gras. Die Tiere finden draußen nichts zu fressen. Dieses Gestrüpp, das hier überall wächst, fressen sie nicht. Das ist sehr salzhaltig und außerdem schmeckt es bitter, das rühren sie nicht an. "
Das Leben hier oben im nordöstlichen Teil der Provinz Gansu ist immer schon besonders ärmlich gewesen. Massive Abholzungen in der Vergangenheit haben dazu geführt, dass das ohnehin von Trockenheit geplagte Land der Wüste anheimfällt. Der Wind pfeift über das Hochland, hier, abseits des fruchtbaren Flusstals ist die bergige Landschaft nur noch mit Gestrüpp bedeckt, nur vereinzelt durchbrechen grüne Felder die Berglandschaft, die sich in trockenen Ockertönen gegen Himmel abzeichnet.
""Das da drüben ist eine Eselstute. Das hat den Vorteil, dass sie werfen kann. Manchmal bekommt sie ein Fohlen und das kann ich dann verkaufen, und davon kann ich dann eine Menge Dinge bezahlen. Das ist sehr praktisch."
Zhang trägt einen blauen Mao-Anzug und eine Ballon-Mütze, für viele ältere Chinesen auf dem Land immer noch der bevorzugte Kleidungsstil. Er hat sich auf die Erde gesetzt und betrachtet sein Vieh beim Grasen. Sein Dorf liegt einige Hundert Meter von hier in einer windgeschützten Senke. Einige Häuser schauen hinter einem Hügel hervor. Eine staubige Straße führt in weitem Bogen dorthin. Hier und da wird die ockerfarbene Landschaft von grünen Feldern durchbrochen. Doch die Zeiten, als man hier vom Ackerbau leben konnte, sind lange vorbei. Nur wenige Dutzend Kilometer nördlich von Zhangs Dorf trifft man auf die ersten Sanddünen der Wüste Gobi, immer näher ist sie in den letzten Jahren gekommen. Entlang der Straße sieht man immer wieder aufgegebene Felder, verlassene Höfe.
Nur ein paar ein paar Kilometer weiter die Straße entlang hat die Provinzregierung einen Versuch gestartet, das Vordringen der Wüste aufzuhalten: Neu angelegte Felder, die durch frisch aufgeschüttete Dämme in Parzellen eingeteilt sind. Noch allerdings wächst kein Grashalm darauf. Ein junger Landvermesser steht mit seinen Geräten auf einem der Wälle.
"Das hier ist ein Projekt, das zur Neues-Dorf-Strategie der Regierung gehört. Es ist ein Bepflanzungsprojekt. Hier sollen Obstbäume wachsen, Pflaumen glaube ich. Es gibt hier in der Nähe einen kleinen Fluss. Dort wird das Wasser herkommen."
Den sich ausbreitenden Wüsten begegnet China seit 1978 mit massiven Bepflanzungsprojekten, unterstützt von internationalen Organisationen wie der Weltbank. "Drei-Norden-Aufforstungsprogramm" hat die Regierung das Großprojekt getauft, gemeint sind die Mandschurei im Nordosten, der mittlere Norden rund um Peking und der Nordwesten Chinas. Für das ganze Land hat die Forstbehörde in den letzten Jahren regelmäßig je drei bis vier Millionen Hektar neu gepflanzte Waldfläche vermeldet, das entspricht etwa der Größe Nordrhein-Westfalens.
"Wir haben hier bereits mehr als 300 Hektar vermessen, aber wir haben noch sehr einiges vor uns. In China gibt es jetzt viele solcher Projekte."
Allerdings gibt es auch Kritik an den Aufforstungsprogrammen. In den trockenen und halbtrockenen Gebieten haben in den letzten Jahrzehnten nur etwa 15 Prozent der neu gepflanzten Bäume überlebt, fand eine Studie der Agraruniversität Peking heraus. Die Wüstenbildung wurde nicht aufgehalten - im Gegenteil. Verlor China in den 1950er-Jahren 150.000 Hektar Ackerland im Jahr an die Wüste, so sind es in den 2000er Jahren bereits 350.000 gewesen. Besonders gefährdet sind die Aufforstungsgebiete, denn die Bäume dort verbrauchen viel Wasser, auch aus den tieferen Schichten, die Feuchtigkeit nimmt ab, schließlich sterben die Bäume und hinterlassen das Land noch trockener als zuvor. In Sichtweite der frisch eingeebneten Felder ist ein kleines Dorf. Die Häuser sind aus dem gleichen gelben Material wie die Umgebung, kleine rechteckige Lehmklötzchen mit flachen Dächern. Frau Zheng kommt die Dorfstraße entlang. Sie ist nicht überzeugt, dass sich hier noch einmal etwas ändert.
"Das Projekt da, das ist ein Projekt der Provinzregierung. Sie sagen es hat große Priorität, aber bis jetzt haben sie noch keine Brunnen gebohrt. Und ein Wasserreservoir haben sie auch noch nicht gebaut. Aber unseren Boden haben sie uns schon weggenommen. Jetzt können wir gar nichts mehr anbauen. Dafür hat der Staat uns einmal 40 Pfund Mehl gegeben und einmal zwanzig. Das ist alles."
Ein Kopftuch schützt Frau Zheng vor der Mittagssonne. Sie und ein Nachbar, der einen alten Strohhut trägt, sind die Einzigen, die bei der Mittagshitze auf der Dorfstraße zu sehen sind. Ein Teil der Häuser ist verfallen. Auf einer Wand leuchten die roten Buchstaben einer Parole. "Mädchen sind auch Nachkommen", steht da. Eine Ermahnung an die Bewohner, weibliche Föten nicht abzutreiben. Im Zuge der Ein-Kind-Politik werden gerade auf dem Land immer noch deutlich mehr Jungen geboren als Mädchen. Hier allerdings wirkt die Parole ziemlich fehl am Platz, denn Kinder werden hier schon lange keine mehr geboren. Die Jüngeren haben das Dorf längst verlassen.
"Das Dorf hier werden sie abreißen. Und wenn es soweit ist, werden wir alle wegziehen müssen. Wohin weiß ich auch nicht. Wir werden weiter nach unten ziehen. Unten im Tiefland werden sie uns dann wohl ein neues Dorf bauen."
Etwa 40 Bewohner seien es noch, die in dem alten Dorf ausharren. 40 von mehreren Hundert, die hier einst ihr Auskommen hatten. Bald werden wohl auch sie in einem der gelben Fertighaussiedlungen mit Solar-Warmwassertanks auf dem Dach leben – irgendwo unten im Tal des Gelben Flusses, wo die Natur die Menschen gnädiger behandelt.
"Hier ist es viel besser als in unserem alten Haus. Alles funktioniert jetzt elektrisch und alles ist sehr modern. Früher hätten wir uns das gar nicht vorstellen können. Als ich klein war, waren wir so arm. Und jetzt ist in unserem Haus alles so modern. Sogar einen elektrischen Reiskocher haben wir. Alle Häuser hier sind jetzt so."
Liu Guoqiang sitzt gemeinsam mit einem Nachbarn auf dem Kang, dem traditionellen chinesischen Ofen, einer Art beheiztem Podest, der im Sommer wie im Winter als Ess- und Schlafplatz dient. Lius Dorf liegt im Süden des autonomen Gebiets Ningxia, 1000 Kilometer westlich von Peking. Der hagere Mann mit dem dichten schwarzen Haar wohnt seit drei Jahren in dem neuen Haus, das die Regierung ihm gebaut hat, weil sein altes Zuhause der Bahnstrecke weichen musste. Es ist eine Nebenstrecke. Sie verbindet die Provinzhauptstädte Yinchuan und Lanzhou im Nordwesten Chinas. Überall in der Gegend sieht man neben der Bahnstrecke oder neu gebauten Straßen die neuen Dörfer mit ihren gelben Fertighäusern und den grade gezogenen Gassen.
"Wir haben jetzt alles, was wir brauchen, es gibt genug zu essen. Früher haben wir vielleicht einmal im Monat Fleisch gegessen. Und heute gibt es jeden zweiten Tag Schweinefleisch bei uns. Wir können uns jetzt ein reichhaltiges Essen leisten, sogar Milch gibt es. Unser Land entwickelt sich und unser Leben ist gut."
Seit einigen Jahren bemüht sich die chinesische Regierung, auch die ländlichen Gebiete im Landesinnern am Wirtschaftsboom teilhaben zu lassen. Die neuen Dörfer an der Bahnstrecke sind Teil dieser neuen Segnungen. Noch in den sechziger Jahren, als junger Mann, habe er Hunger gekannt, sagt Liu. Damals führte Maos Kollektivierungspolitik des "großen Sprungs nach vorn" zu einer Hungerkatastrophe. Sein Nachbar fällt ihm ins Wort:
"Damals hat der Staat uns das Essen zugeteilt. Wir haben jeden Tag nur 150 Gramm zu essen bekommen. Wir waren alle am Verhungern."
Ningxia liegt am Oberlauf des Gelben Flusses, am Rand des nordchinesischen Lössplateaus. Löss, so nennt man den gelblichen Boden, dessen Schlamm dem Fluss seine Farbe verleiht. Er besteht aus kleinen Partikeln, die der Wind im Laufe der Jahrmillionen aus den sibirischen Wäldern herangeweht hat. Wenn man sie richtig bewässert und bebaut, ist die Erde sehr fruchtbar. Doch Trockenheit und Erosion bedrohen seit jeher die Existenz der Bauern. Etwas weiter flussabwärts entstanden vor Jahrtausenden aus den hoch entwickelten Bauernkulturen die ersten chinesischen Staatengebilde. Heute allerdings ist der 'große Nordwesten', wie die Chinesen das karge Land an der Grenze zu den mongolischen Steppen nennen, einer der unterentwickeltsten Landstriche des Landes.
"Die Landwirtschaft ist hier nicht besonders. Wir können zum Beispiel Mais anbauen. Aber um gute Erträge zu bekommen, müssen wir sehr viel Geld für Kunstdünger ausgeben. Früher haben wir Kompost und Dung auf die Felder gebracht. Heute verwenden wir Kunstdünger. Das kostet natürlich viel Geld, aber die Erträge sind auch viel besser. Am Ende lohnt es sich. Mit jedem Mu Land können wir sechs oder siebenhundert Yuan im Jahr verdienen."
Siebenhundert Yuan, das sind etwa achtzig Euro, ein kleiner Nebenverdienst. Die Unterschiede zwischen armer Landbevölkerung und den langsam zu Wohlstand kommenden Städtern sind in den letzten Jahren sehr groß geworden. Die Regierung fürchtet die sich daraus ergebenden Spannungen. Schon im Jahr 2005 meldete das Ministerium für öffentliche Sicherheit 87.000 sogenannten Massenzwischenfälle, in denen sich die Unzufriedenheit in Protesten entlud. Experten gehen davon aus, dass die Zahlen seitdem noch gestiegen sind. Man begann, sich stärker um die Belange der Bauern zu kümmern, schaffte die horrenden Steuern ab, die die Bauern in ihrer Existenz bedrohten und richtete eine Krankenversicherung ein, die zumindest das Minimum abdecken soll. Liu allerdings kann seinen Lebensunterhalt trotzdem nicht mehr von seinen Feldern bestreiten. Seit dem Umzug in das neue Haus hat er nur noch zwei Mu Land. Das ist ein Zehntel Hektar. Früher, in dem alten Dorf hatte er noch acht Mu. Aber mehr als die zwei Mu habe er sich von dem Geld, das er für sein Land bekommen hat, nicht leisten können.
"Wenn die Regierung eine Straße baut oder eine Eisenbahnstrecke, dann gibt sie den Bauern für ihr Land eine Entschädigung. Aber die Lokalregierung behält einen Anteil ein. Wenn uns die Regierung zum Beispiel 10.000 Yuan pro Mu zuspricht, dann wird das Geld zuerst an die lokalen Behören überwiesen und die verteilt es dann an uns weiter. Und so bekommen wir viel weniger ausgehändigt."
Eine Wahl hatte er nicht. Das halbe Dorf ist inzwischen in die Neubauten gezogen, auch der Nachbar hat eines der neuen Häuser bekommen. Er konnte etwas mehr Ackerland behalten, sechs Mu. Aber auch das sei weniger, als er vorher hatte. Auch das reiche ihm nicht, um das ganze Jahr davon zu leben.
"Wir sind alle von unseren Kindern abhängig. Wir sind ja auch schon alt, da können wir nicht mehr so viel arbeiten. Aber sie sind jung, sie können als Wanderarbeiter in der Stadt Geld verdienen. Wir können das nicht mehr, deshalb müssen sie uns ernähren."
In vielen Dörfern Chinas sind inzwischen nur noch die Alten übrig, die Jungen versuchen ihr Glück als Wanderarbeiter in den Städten. Der bescheidene Wohlstand, über den sich Liu so begeistern kann, wird durch die Überweisungen der Kinder finanziert. Sein Sohn, erzählt der Nachbar, arbeite in der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas, der Sohn Liu Guoqiangs hat in einer Sandgrube in der Nähe Arbeit gefunden. Hier, in Chinas Nordwesten boomt vor allem die Bauindustrie. Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur sollen Chinas verarmten Regionen Anschluss an die boomenden Zentren der Ostküste verschaffen. Wohin das Geld geflossen ist, wird jedem Autofahrer eindrucksvoll klar, wenn er in Ningxia unterwegs ist. Urplötzlich wird die karge Landschaft von achtspurigen Straßen durchschnitten, auf denen kaum ein Auto zu sehen ist. Über den Gelben Fluss, der hier seinen Anfang nimmt, spannen sich riesige halbfertige Brücken.
Etwa hundert Kilometer weiter westlich wird die Gegend noch kärger. Ein Hochplateau im nördlichen Teil der Provinz Gansu. Zhang Zhonggui bückt sich und rupft einzelne Grashalme aus. Die Furchen in der Erde sind akkurat gezogen. Als ob das Feld jederzeit bepflanzt werden könnte. Doch nur vereinzelt ragen Pflanzen aus der Erde.
"Das hier ist alles unser Ackerland. Das sind 10 Mu. Aber dieses Jahr läuft es sehr schlecht. Man kann sagen, dass das Leben hier sehr hart ist. Ob wir zu Essen haben oder nicht, da hängt allein vom Himmel ab. Dieses Jahr ist es sehr schwer. Es gibt kein Wasser."
Die Grashalme, die er hier noch findet, steckt er in einen alten Düngemittelsack. Am Feldrand grasen zwei Esel.
"Ich sammle das Gras, um es später an sie zu verfüttern. Wenn es nicht regnet, dann wächst auch kein Gras. Die Tiere finden draußen nichts zu fressen. Dieses Gestrüpp, das hier überall wächst, fressen sie nicht. Das ist sehr salzhaltig und außerdem schmeckt es bitter, das rühren sie nicht an. "
Das Leben hier oben im nordöstlichen Teil der Provinz Gansu ist immer schon besonders ärmlich gewesen. Massive Abholzungen in der Vergangenheit haben dazu geführt, dass das ohnehin von Trockenheit geplagte Land der Wüste anheimfällt. Der Wind pfeift über das Hochland, hier, abseits des fruchtbaren Flusstals ist die bergige Landschaft nur noch mit Gestrüpp bedeckt, nur vereinzelt durchbrechen grüne Felder die Berglandschaft, die sich in trockenen Ockertönen gegen Himmel abzeichnet.
""Das da drüben ist eine Eselstute. Das hat den Vorteil, dass sie werfen kann. Manchmal bekommt sie ein Fohlen und das kann ich dann verkaufen, und davon kann ich dann eine Menge Dinge bezahlen. Das ist sehr praktisch."
Zhang trägt einen blauen Mao-Anzug und eine Ballon-Mütze, für viele ältere Chinesen auf dem Land immer noch der bevorzugte Kleidungsstil. Er hat sich auf die Erde gesetzt und betrachtet sein Vieh beim Grasen. Sein Dorf liegt einige Hundert Meter von hier in einer windgeschützten Senke. Einige Häuser schauen hinter einem Hügel hervor. Eine staubige Straße führt in weitem Bogen dorthin. Hier und da wird die ockerfarbene Landschaft von grünen Feldern durchbrochen. Doch die Zeiten, als man hier vom Ackerbau leben konnte, sind lange vorbei. Nur wenige Dutzend Kilometer nördlich von Zhangs Dorf trifft man auf die ersten Sanddünen der Wüste Gobi, immer näher ist sie in den letzten Jahren gekommen. Entlang der Straße sieht man immer wieder aufgegebene Felder, verlassene Höfe.
Nur ein paar ein paar Kilometer weiter die Straße entlang hat die Provinzregierung einen Versuch gestartet, das Vordringen der Wüste aufzuhalten: Neu angelegte Felder, die durch frisch aufgeschüttete Dämme in Parzellen eingeteilt sind. Noch allerdings wächst kein Grashalm darauf. Ein junger Landvermesser steht mit seinen Geräten auf einem der Wälle.
"Das hier ist ein Projekt, das zur Neues-Dorf-Strategie der Regierung gehört. Es ist ein Bepflanzungsprojekt. Hier sollen Obstbäume wachsen, Pflaumen glaube ich. Es gibt hier in der Nähe einen kleinen Fluss. Dort wird das Wasser herkommen."
Den sich ausbreitenden Wüsten begegnet China seit 1978 mit massiven Bepflanzungsprojekten, unterstützt von internationalen Organisationen wie der Weltbank. "Drei-Norden-Aufforstungsprogramm" hat die Regierung das Großprojekt getauft, gemeint sind die Mandschurei im Nordosten, der mittlere Norden rund um Peking und der Nordwesten Chinas. Für das ganze Land hat die Forstbehörde in den letzten Jahren regelmäßig je drei bis vier Millionen Hektar neu gepflanzte Waldfläche vermeldet, das entspricht etwa der Größe Nordrhein-Westfalens.
"Wir haben hier bereits mehr als 300 Hektar vermessen, aber wir haben noch sehr einiges vor uns. In China gibt es jetzt viele solcher Projekte."
Allerdings gibt es auch Kritik an den Aufforstungsprogrammen. In den trockenen und halbtrockenen Gebieten haben in den letzten Jahrzehnten nur etwa 15 Prozent der neu gepflanzten Bäume überlebt, fand eine Studie der Agraruniversität Peking heraus. Die Wüstenbildung wurde nicht aufgehalten - im Gegenteil. Verlor China in den 1950er-Jahren 150.000 Hektar Ackerland im Jahr an die Wüste, so sind es in den 2000er Jahren bereits 350.000 gewesen. Besonders gefährdet sind die Aufforstungsgebiete, denn die Bäume dort verbrauchen viel Wasser, auch aus den tieferen Schichten, die Feuchtigkeit nimmt ab, schließlich sterben die Bäume und hinterlassen das Land noch trockener als zuvor. In Sichtweite der frisch eingeebneten Felder ist ein kleines Dorf. Die Häuser sind aus dem gleichen gelben Material wie die Umgebung, kleine rechteckige Lehmklötzchen mit flachen Dächern. Frau Zheng kommt die Dorfstraße entlang. Sie ist nicht überzeugt, dass sich hier noch einmal etwas ändert.
"Das Projekt da, das ist ein Projekt der Provinzregierung. Sie sagen es hat große Priorität, aber bis jetzt haben sie noch keine Brunnen gebohrt. Und ein Wasserreservoir haben sie auch noch nicht gebaut. Aber unseren Boden haben sie uns schon weggenommen. Jetzt können wir gar nichts mehr anbauen. Dafür hat der Staat uns einmal 40 Pfund Mehl gegeben und einmal zwanzig. Das ist alles."
Ein Kopftuch schützt Frau Zheng vor der Mittagssonne. Sie und ein Nachbar, der einen alten Strohhut trägt, sind die Einzigen, die bei der Mittagshitze auf der Dorfstraße zu sehen sind. Ein Teil der Häuser ist verfallen. Auf einer Wand leuchten die roten Buchstaben einer Parole. "Mädchen sind auch Nachkommen", steht da. Eine Ermahnung an die Bewohner, weibliche Föten nicht abzutreiben. Im Zuge der Ein-Kind-Politik werden gerade auf dem Land immer noch deutlich mehr Jungen geboren als Mädchen. Hier allerdings wirkt die Parole ziemlich fehl am Platz, denn Kinder werden hier schon lange keine mehr geboren. Die Jüngeren haben das Dorf längst verlassen.
"Das Dorf hier werden sie abreißen. Und wenn es soweit ist, werden wir alle wegziehen müssen. Wohin weiß ich auch nicht. Wir werden weiter nach unten ziehen. Unten im Tiefland werden sie uns dann wohl ein neues Dorf bauen."
Etwa 40 Bewohner seien es noch, die in dem alten Dorf ausharren. 40 von mehreren Hundert, die hier einst ihr Auskommen hatten. Bald werden wohl auch sie in einem der gelben Fertighaussiedlungen mit Solar-Warmwassertanks auf dem Dach leben – irgendwo unten im Tal des Gelben Flusses, wo die Natur die Menschen gnädiger behandelt.
