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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.08.2015

Neue BiografieDas unglaubliche Leben des Winston Churchill

Von Klaus Pokatzky

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Der britische Staatsmann Sir Winston Churchill (1874-1965) grüßt aus einem Fahrzeug heraus mit der für ihn typischen Geste, dem Victory-Zeichen. (picture alliance / dpa  / Central Press)
Winston Churchill grüßt aus einem Fahrzeug mit der für ihn typischen Geste, dem Victory-Zeichen. (picture alliance / dpa / Central Press)

Selten ist Winston Churchill so locker und gleichzeitig mit Tiefgang beschrieben worden: Londons schrulliger Bürgermeister Boris Johnson widmet dem britischen Kriegspremier eine neue Biographie. Und Johnson verrät dabei auch einiges über sich selbst.

Brauchen wir das wirklich: noch eine Churchill-Biographie? Gibt es eigentlich nur Hunderte oder mittlerweile schon Tausende, fünfzig Jahre nach seinem Tod am 24. Januar 1965? Und jetzt kommt ausgerechnet noch dieser schrullige Londoner Bürgermeister Boris Johnson mit seiner Churchill-Interpretation: dieser "Hofnarr der britischen Gegenwart", wie ihn "Die Welt" genannt hat; "eine der schillerndsten Gestalten im Vereinigten Königreich", wie ihn selbst sein deutscher Verlag jetzt bei der Buch-Veröffentlichung des "Churchill-Faktors" titelt.

"KBO" könnten wir jetzt sagen: Winstons Churchills Kürzel für "Keep buggering on" ("Haltet durch" oder "weiter so"), wie er gerne die Briefe an seine Mitarbeiter beendete, damals in den düstersten Stunden und Jahren des Vereinigten Königreiches, als der Kriegspremier seine Nation zum Durchhalten gegen Hitler brachte. "Ein Warlord, ein Kriegsherr", so Boris Johnson, der, magisch und poetisch zugleich, seinen Landsleuten das Gefühl vermittelte, "sie seien edel, vornehm – dass das, was sie gerade taten, besser und wichtiger sei als alles, was sie bisher gemacht hatten".

"Madame, Sie sind hässlich, während ich am Morgen wieder nüchtern sein werde"

Das ist nicht neu. Und neu sind auch nicht die unglaublich vielen sonstigen Rollen im Leben des Winston Leonard Spencer-Churchill: Journalist in Armeeuniform in diversen Kolonialkriegen; Minister in allen möglichen Rollen, untreu schwankend zwischen Konservativen und Liberalen; Anfang des Jahrhunderts Mitbegründer des Wohlfahrtstaates; Vater des Panzers im Ersten Weltkrieg; ruppiger und rührender Patron seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; Verfasser von 31 Büchern und Literaturnobelpreisträger, der 250.000 kubanische Zigarren im Lauf seines Lebens paffte. Und: "Der weltweit beste Werbeträger für die Segnungen des Alkohols". Und Johnsons Anekdote kannten wir doch auch. "Winston", zischelte Bessie Braddock, eine Labour-Abgeordnete, "Sie sind betrunken." Darauf Churchill: "Madame, Sie sind hässlich, während ich am Morgen wieder nüchtern sein werde."

Londons Bürgermeister Boris Johnson fährt mit dem Fahrrad zum Rathaus (aufgenommen 2008). (picture-alliance/ dpa / UPPA Dulat)Jetzt auch Churchill-Biograph: Londons Bürgermeister Boris Johnson (picture-alliance/ dpa / UPPA Dulat)

KBO! Wann ist das jemals so locker und gleichzeitig mit Tiefgang beschrieben worden? Die biographische Liebeserklärung liest sich über ihre 400 Seiten in einem Rutsch, amüsant und immer wieder lehrreich mit dem Atem der jeweiligen Epoche. Boris Johnson hat sich nicht nur in die Literatur gestürzt und die Aktenbestände gewälzt; er hat nicht nur vor Churchills Betten und seinem Grab gestanden, sondern auch auf seinem flandrischen Schlachtfeld aus dem Ersten Weltkrieg.

"Der alte Knabe wirkt mitunter etwas einschüchternd auf mich"

Er hat sich in Churchill hineingeträumt – und so wurde das auch ein Buch über Boris Johnson, der selber gerne so wäre: ein "großer, vorspringender Nagel, an den Fortuna ihren Mantel hängte", "Reaktionär und Liberaler zugleich", "exzentrisch, überspannt, theatralisch", "der beste Redner, der beste Autor, der beste Witze-Erzähler, die tapferste, kühnste und originellste Persönlichkeit".

Man muss nicht jeden Purzelbaum dabei mitschlagen; wie Churchill nach dem Ersten Weltkrieg mitverantwortlich war für die unseligen Grenzziehungen im Nahen Osten, die uns bis heute belasten – das kann durchaus konsequent kritischer angegangen werden, als Boris Johnson das tut. Hin und wieder wird er ja auch nüchtern in seinem Rausch: "Der alte Knabe wirkt mitunter etwas einschüchternd auf mich."

Aber nur mitunter. "Im Nebenberuf Bürgermeister von London", hat "Die Welt" Boris Johnson charakterisiert, "im Hauptberuf die Zukunft der konservativen Partei Großbritanniens". Wenn der Mann wirklich mal Premier werden sollte und dabei nur halb so gut ist, wie er schreiben kann - dann: Congratulation Britannia!

Boris Johnson: Der Churchill-Faktor
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Werner Roller
Klett-Cotta 2015
472 Seiten. 24,95 Euro

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