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Tonart | Beitrag vom 30.03.2015

Neue Art von MusikerbiografieFlyer und Kalender von Clara Schumann

Von Manon Kadoke

Clara Schumann, geborene Wieck, mit ihrem Mann, dem Komponisten Robert Schumann auf einer zeitgenössischen Darstellung am Klavier sitzend. (picture alliance / dpa / Ullstein)
Clara Schumann, geborene Wieck, mit ihrem Mann, dem Komponisten Robert Schumann auf einer zeitgenössischen Darstellung (picture alliance / dpa / Ullstein)

Musikerbiografien haben oft einen unrealistischen Objektivitätsanspruch. In ihrem Buch über Clara Schumann versucht die Musikwissenschaftlerin Béatrix Borchard einen neuen Ansatz: Sie fügt Tagebucheintragungen, Briefe, Bilder zusammen - und überlässt die Interpretation dem Leser.

"Da gibt es immer wieder die berühmten unterschiedlichen Positionen: also die Leute, die behaupten, Leben und Werk haben nichts miteinander zu tun - was ich vollkommen absurd finde. Aber interessant wird natürlich die Frage: Was hat es miteinander zu tun?"

Eine Frage, die bisher in der Biografik größtenteils eher stiefmütterlich behandelt wurde: In sogenannten Lebensbildern schildert man beispielsweise das Leben ausschließlich männlicher Komponisten auf heldenhafte und patriotische Weise. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Dokumentarbiografien sehr beliebt: narrative Texte, ergänzt durch eine unkommentierte Sammlung an biographischem Material, die Objektivität gewährleisten sollte.

Bis heute weit verbreitet sind Popularbiografien, in denen der Autor - oftmals ein ausgewiesener Experte - eine Schlüssellochperspektive einnimmt und wissenschaftliche Erkenntnisse mit Fiktion verbindet. Der Übergang ist oft fließend und für den Leser nicht nachvollziehbar.

"Je mehr ich mich mit Geschichtsschreibung auseinander gesetzt habe, desto deutlicher wurde mir natürlich auch, dass jede Geschichtsschreibung auch immer selektiv ist, einen Autor hat. Und dieser Autor ist jemand, der sagt: So war es, das ist wichtig, das ist nicht so wichtig und so weiter; dass man immer versucht, eine logische Konsequenz durch erzählen herzustellen. Erzählen heißt einfach, Sinn stiften - in der Wissenschaft wie in der Kunst. Nur die Wissenschaftler tun immer so, als gäbe es eine Objektivität, die unabhängig ist von ihnen als Person, und das stimmt einfach nicht!"

Biografische Montage

Besonders schwierig ist bis heute der Umgang mit den Biografien von Clara Schumann, Fanny Mendelssohn und Co.: Egal ob Autor oder Autorin - im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen werden Komponistinnen in erster Linie über ihr Geschlecht und nicht über ihr Werk definiert. Ihre Werke stehen immer unter einem gewissen Begründungszwang, denn es wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie eine geringere Qualität aufweisen als die Werke von Männern - ein Verfahren, das bislang weitgehend kritiklos hingenommen wurde.

Diesem unrealistischen Wahrheits- oder Objektivitätsanspruch aller bisherigen Ansätze versucht Béatrix Borchard aus dem Weg zu gehen und das Leben von Clara Schumann aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Sie nennt das eine biografische Montage.

"Das Wesentliche ist wirklich das Verfahren, denn ich hab' ja nicht einfach eine Geschichte erzählt und nicht durchs Schlüsselloch geblickt, sondern hab eben montiert aus den Originalmaterialien. ... dass ich eben nicht einfach irgendwas erzählt habe und gesagt habe: So ist es, sondern dem Leser, der Leserin überlasse, was sie denn deutet, wenn sie diese Materialien liest; also dass sich immer wieder eine neue Geschichte ergibt, dass man auch die Briefe, die Tagebücher immer wieder mit neuen Augen liest."

Leben und Werk eines Musikers als Symbiose - beide bedingen sich gegenseitig und sollten deshalb nach Meinung von Béatrix Borchard nicht losgelöst voneinander betrachtet werden.

"Ich persönlich gehe davon aus, dass man diese künstlerische Verarbeitung von biografischen Konstellationen, von Kindheit, von Erfahrungen und so weiter viel besser versteht, wenn man den Kontext kennt, den biografischen Kontext und natürlich auch den zeithistorischen Kontext. Wenn man das alles weglässt - das finde ich vollkommen irrsinnig. Eine bestimme Tiefendimension geht dann natürlich verloren."

Biografik ist ein dynamischer Prozess

Tagebucheintragungen, Briefe, Tournee-Kalender, Konzert-Flyer, Bilder - all diese historischen Dokumente fügt Béatrix Borchard zu einem Buch zusammen: "Clara Schumann - eine musikalische Montage", und das "mit Schere und Klebstoff", wie sie in einem der neuen Auflage angehängten Essay deutlich macht.

Die Interpretation des Materials überlässt sie dem Leser, ein Wahrheits-und Objektivitätsanspruch entfällt. Zentrale Erkenntnis dieser Montage ist die Tatsache, dass nicht nur die Autorin das Leben von Clara Schumann aus einer bestimmten Perspektive betrachtet und die Quellen selektiv auswählt. Auch Clara Schumann selbst hatte – wie jeder Mensch – sehr subjektive Erlebnisse und Erinnerungen, die nur eine mögliche Perspektive auf die Ereignisse ihres Lebens darstellen.

Immer wieder müssen auch neu entdeckte Quellen mit einbezogen oder alte kritisch hinterfragt werden. Die Biografik ist also ein dynamischer Prozess, kein abgeschlossenes Werk mit ultimativem Wahrheitsanspruch - das lässt sich anhand von Borchards nach zweieinhalb Jahrzehnten überarbeiteter Clara Schumann-Biographie deutlich nachvollziehen. Wichtig ist vor allem eins:

"... dass man dann eben einfach guckt und liest und sich wundert - oder auch nicht wundert - und kombiniert und deutet; es soll kein Nachschlagebuch sein."

Béatrix Borchard: Clara Schumann: Ihr Leben - eine biographische Montage
Olms Verlag, Hildesheim 2015
431 Seiten, 28 Euro

 

 

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