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Tonart | Beitrag vom 01.02.2019

Neue Alben: PopMit Handicap und Hormontherapie

Von Carsten Rochow

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Konzert der Musikband "Station17" aus Hamburg, die aus behinderten und nicht behinderten Musikern besteht und1988 von Bewohnern der Wohngruppe 17 der Evangelischen Stiftung Alsterdorf und professionellen Musikern gegründet wurde; Reeperbahnfestival 2011 vom 22. - 24.09.2011 in Hamburg (picture alliance / Jazzarchiv)
Die Band "Station 17" besteht aus Musikern mit und ohne Behinderung. (picture alliance / Jazzarchiv)

Die Frauenstimme gehört nun einem Trans-Mann: "Girlpool" klingt jetzt entsprechend tiefer und probieren auch sonst viel Neues. "Station 17" aus Hamburg haben sich Krautrocker ins Studio eingeladen. "White Lies" bleiben in etablierten Songmustern stecken.

Station 17 - Ausblick (Bureau B)

Gestern Jubiläumskonzert und Record-Release-Party, heute erscheint "Ausblick" - das 11. Album von Station 17. Die Hamburger Band lebt uns seit 30 Jahren erfolgreich Inklusion vor. Vor allem aber, dass kreatives Musizieren und Songschreiben nicht am Handicap scheitern muss.

"Ausblick" ist nicht nur wegen des Namens die unmittelbare Fortsetzung des letzten Albums "Blick", sondern auch weil dieselben hochkarätigen Gäste mitwirken: wie etwa die Krautrock-Großväter Günther Schickert und Faust, Electronica-Musiker Ulrich Schnauss und Noise-Frickler Schneider TM. Das zunächst ziellos wirkende Experimentieren ist oft der Ausgangspunkt der Stücke. Mich begeistert, wie sich diese scheinbar losen Klangfetzen zu einen bombastisch klingenden Organismus bündeln. 

"Ausblick" ist gegenüber seinem knapp einem Jahr älteren Zwillingsalbum deutlich elektronischer. Sonst ist vieles beim Alten, aber auf höchstem Niveau.

 
Girlpool - What Chaos Is Imaginary? (ANTI-)

Menschen entwickeln sich weiter. Bands entwickeln sich weiter. Ganz normal. Nur bei Girlpool aus L.A. verlaufen diese Prozesse ziemlich einschneidend. Und das wird gleich im ersten Song des neuen Albums "What Chaos Is Imaginary?" deutlich.

Denn da wo mal zwei hohe Frauenstimmen oft unisono in ungestümer Jugendlichkeit Melodien über krakelige Gitarren- und Basslinien gebrüllt haben, erscheint plötzlich eine männliche Stimme. Cleo Tucker ist nämlich trans. Eine Hormontherapie hat seine Stimme verändert und eine Oktave tiefer gelegt. Fast ebenso einschneidend ist das Verschwinden des Amateurhaften der Band. Mit Präzision und Feingefühl lassen Girlpool jetzt auch elektronische Beats, E-Orgeln und Streicher in ihren Klangkosmos.

Vom Slacker-Rock über spartanischen Folk bis zur pastoralen Pop-Ballade: Girlpool versuchen sich neu zu definieren. Mehrmals horche ich begeistert auf. Doch als Ganzes wirkt "What Chaos Is Imaginary?" auf mich eher wie wenig kohärentes Ausprobieren von Genres. Aber das ist ganz normal bei Bands, die sich weiterentwickeln.


White Lies - Five (PIAS)

Als sich White Lies mit ihrer Wall of Sound aus Gitarren und Synthesizern den Weg ins Massenbewusstsein der Popfans gebahnt haben, da war ich noch beim Jugendradio. Zehn Jahre ist das her. Heute erscheint "Five", das fünfte Album. Und eins muss ich den Londonern lassen: Sie sind sofort wiederzuerkennen.

White Lies ist eine Band, die ihre vielen Fans nicht herausfordern möchte. Deswegen weicht sie auch kaum vom etablierten Songmuster ab: kleines Intro, dann Strophe mit einprägsamer, oft schlagerhafter Melodie, gefolgt vom stadiontauglichen Refrain mit dichten Synth-Teppichen und markerschütternden Gitarren. Schon beim zweiten Refrain kann jeder mitgrölen.

Aber ließe man bei White Lies die Gitarren einfach weg, würden sie wie ein Schlager-Eurodance-Ungeheuer klingen. Das macht mir Angst.

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