Neubauboom und Denkmalschutz

Vergesst die Rettung historischer Bauten nicht!

Baukräne rund um die Nikolaikirche in Potsdam, 2021.
Die Potsdamer Nikolaikirche wird wohl nicht Neubauten weichen müssen. Doch andere Denkmäler würden fallen mit dem Hinweis etwa auf nötige Arbeitsplätze oder Sozialwohnungen, beklagt Kaija Voss. © imago / Eberhard Thonfeld
Ein Einwurf von Kaija Voss · 22.06.2022
Ziel der Regierung ist es, pro Jahr 400.000 neue Wohnungen zu bauen. Das verändert unsere Lebensräume grundlegend. Zumal der Schutz bestehender Gebäude immer weiter in den Hintergrund tritt, kritisiert die Architekturhistorikerin Kaija Voss.
Da Gebäude genauso wie Bäume, Wiesen oder Blumen zu unserer Umwelt gehören, ist auch Denkmalschutz im Grunde Umweltschutz. Dieses Bewahren der bereits gebauten Umwelt wird in Zeiten der Wohnungsknappheit vergessen. Und so hat unsere Wegwerfmentalität inzwischen sogar die Denkmäler erreicht. Nicht umsonst gibt es analog zur roten Liste bedrohter Tierarten die „Rote Liste bedrohter Baudenkmäler“, erstellt von Kunsthistorikern und Architekten.

Neubauten versprechen mehr Rendite

In boomenden Regionen weichen bestehende Häuser Neubauten, die mehr Rendite versprechen. In strukturschwachen Regionen fallen Häuser, weil die Erhaltung zu kostspielig ist. Dabei sollte es in einem wohlhabenden Land wie Deutschland um kulturelle Identität, die nachhaltige Zukunft unserer Städte und Dörfer, die Lebensräume unserer Kinder und Enkel gehen.
Der Denkmalschutzgedanke entstand bereits im 19. Jahrhundert, als Gegenbewegung zur rasch fortschreitenden Industrialisierung. Denkmalschutz hat in vielen Fällen dafür gesorgt, dass alte Bausubstanz erhalten, rekonstruiert und restauriert wurde, und wir voller Begeisterung historische Orte besuchen, nach Regensburg, Görlitz und Landshut reisen.

Denkmalschutz wird immer weiter aufgeweicht

Doch heutzutage ist der Denkmalschutz zum Feindbild geworden. Mit dem Hinweis auf zu schaffende Arbeitsplätze, Sozialwohnungen, Gewerbeflächen, ja selbst Bauhöfe, zählt Denkmalschutz nicht mehr. Selbst der bayerische Generalkonservator erklärt, „keine Denkmalpolizei“ zu sein und macht den Weg frei: Denkmäler fallen, altehrwürdige Häuser bekommen keinen Platz mehr auf der Liste, die Denkmalbehörde konzentriert sich auf plakative Einzelfälle. Seit dem 1. Juni dieses Jahres zeugt auch die Neufassung des Denkmalschutzgesetzes von Nordrhein-Westfalen von vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer bereits gängigen Praxis: Nicht die Fachgremien, sondern die Gemeinden sollen selbst entscheiden, wie mit Denkmälern umzugehen sei. Ein Faustschlag ins Gesicht von Historikern und Fachleuten.
"Denkmal" steht auf einem Schild an einer Hauswand in Deutschland.
Denkmalschutz ist Nachhaltigkeit und Klimaschutz: Bereits verbaute Materialien werden weiterverwendet, bereits aufgebrachte Energie nicht sinnlos verschwendet.© picture alliance / Zoonar / Daniel Kühne
Auf der anderen Seite geraten private Denkmalenthusiasten aufgrund denkmalbehördlicher Maximalforderungen oft in Verzweiflung und Resignation. Umbauten erweisen sich als unmöglich, mit explodierenden Kosten für hochgesteckte Sanierungsziele wird der Eigentümer allein gelassen. Die Denkmalpflege wird hier zum weltfremden, unbarmherzigen Anwalt des Denkmals, der den Erhalt des Hauses zum Scheitern verurteilt.

Architektur: wichtiger Bestandteil unserer Kultur

Ist es also besser, Häuser mit Architekturgeschichte erst gar nicht unter Schutz zu stellen? Nein. Denn der Schutz des besonderen baulichen Erbes betrifft uns alle, nicht nur Eigentümer, Architekten, Inverstoren. Es fehlt nicht an Geld, sondern an Bewusstsein und Augenmaß. Ein gesellschaftliches Umdenken über den Wert des historischen Erbes für den Fortbestand unserer Kultur ist dringend geboten. Das betrifft auch eine Wertschätzung des Erbes der jüngeren Zeit, wie Bauhausarchitektur, Zeugnisse der 1950er-Jahre sowie ausgewählte Schöpfungen des Brutalismus. Sonst werden wir diese Bauten bald nur noch in Fotobänden bewundern können.
Hinzu kommt: Denkmalschutz ist Nachhaltigkeit und Klimaschutz: Bereits verbaute Materialien werden weiterverwendet, bereits aufgebrachte Energie nicht sinnlos verschwendet. Denkmäler, als identitäts- und ortsbildprägende Gebäude widersetzen sich einer architektonischen Ästhetik, die zu oft von der Bauindustrie diktiert wird. „Wenn jetzt nicht allgemeine und durchgreifende Maßnahmen angewendet werden“… „werden wir in kurzer Zeit unheimlich, nackt und kahl wie eine neue Kolonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen.“ Das schrieb der Architekt Karl Friedrich Schinkel und erster Denkmalschützer Preußens im Jahr 1815: Diese Zeit könnte bald gekommen sein, in einem für Schinkel noch unvorstellbarem Ausmaß.

Nach dem Architekturstudium in Weimar (Bauhaus-Universität), der Promotion an der Universität Hannover über „Denkmalpflege mittelalterlicher Stadtbefestigungen“ und langjähriger Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an mehreren Instituten für Baugeschichte, zuletzt an der TU Dresden, ist Dr. Kaija Voss heute Dozentin und Autorin. Die Architekturhistorikerin lebt im Süden von München, schreibt Bücher und hält Vorträge über Architekturgeschichte. Ihr Spezialgebiet: das Bauhaus und die Klassische Moderne. Kaija Voss ist freie Mitarbeiterin von „Süddeutscher Zeitung“ und „Bayerischer Staatszeitung“. Für die Erhaltung denkmalgeschützter Bauten engagiert sie sich bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und beim Denkmalnetz Bayern. Ihr Motto lautet „Architektur: Sehen lernen!“

Porträtfoto der Architekturhistorikerin Kaija Voss
© Christian Voss

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