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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.12.2012

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Mercedes Bunz: "Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern ..."

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Mercedes Bunz gilt als Internet-Vordenkerin (picture alliance / dpa - Horst Galuschka)
Mercedes Bunz gilt als Internet-Vordenkerin (picture alliance / dpa - Horst Galuschka)

Das Internet, so lautet Mercedes Bunz' Botschaft, stellt zwar vieles auf den Kopf, schafft aber gleichzeitig viele Freiheiten. Sie kommentiert Herausforderungen und Vorteile der Digitalisierung für ein skeptisches Publikum auf anschauliche Weise.

Apokalypse oder Heilsversprechen? Die öffentliche Debatte über die Digitalisierung der Welt lebte lange von Vereinfachungen. Zunehmend werden jedoch auch Zwischentöne laut, die differenziert das Für und Wider dieses Prozesses ausleuchten. Dieser Anspruch findet sich auch bei Mercedes Bunz wieder, die als Internet-Vordenkerin gilt – und jetzt auch jene Menschen für das digitale Zeitalter gewinnen will, die technischen Innovationen skeptisch gegenüberstehen.

Bunz glaubt, dass die Chancen der Digitalisierung in der Öffentlichkeit aus dem Blick geraten sind. In ihrem aktuellen Buch "Die stille Revolution" versucht sie darum zunächst zu zeigen, wie der digitale Umbruch unsere Arbeitswelt und die gesamte Gesellschaft verändert – um dann auszuloten, wie sich diese Entwicklungen positiv nutzen lassen.

In ihrer Analyse geht Mercedes Bunz zurück in die Zeit der industriellen Revolution und vergleicht die Digitalisierung mit dem Übergang zum Maschinenzeitalter. So wie im 19. Jahrhundert Maschinen den Menschen die Arbeit abgenommen haben, würden heute Algorithmen, also Computerprogramme, Abläufe vereinfachen und Arbeitskräfte freisetzen. Ausführlich geht sie auf die aus ihrer Sicht wichtigste Transformation ein: Algorithmen organisieren Wissen neu, und das hat vor allem Auswirkungen auf den Informations- und Dienstleistungssektor. Also auf Bildung, Tourismus und Gesundheitswesen, auf Journalismus und Politik.

Nie wurden so viele Informationen aus so vielen unterschiedlichen Quellen online verfügbar gemacht und geordnet. Ähnlich wie im Zeitalter der Industrialisierung werden dadurch aufwendig erworbene Qualifikationen und Expertenrollen infrage gestellt, etwa die Autorität von Medizinern und Lehrern, die Sonderstellung von Journalisten bei der Berichterstattung oder politische Herrschaftsstrukturen. Was den Betroffenen Angst macht und gar Existenzen zerstört, birgt aber auch Potenzial in sich: mehr Transparenz, größere Pluralität und schlicht neue Jobs, bei denen es weniger um Wissen als darum geht, Struktur und Dynamik eines Themengebietes zu begreifen.

Das alles liest sich – gespickt mit etlichen Beispielen – ganz passabel und sicher ist es verdienstvoll, Herausforderungen und Vorteile der Digitalisierung für ein skeptisches Publikum anschaulich darzustellen. Das Internet, so die Botschaft, stellt zwar vieles auf den Kopf, schafft aber gleichzeitig viele Freiheiten. Allerdings, über Bekanntes geht Mercedes Bunz nicht hinaus. Auch die wissenschaftlich angehauchte Sprache kann darüber nicht hinwegtäuschen. Vielfach diskutierte Fragen nach den Grenzen von Phänomenen wie Facebook-Revolution, partizipatorischer Demokratie, Bürgerjournalismus und massenhafter Verfügbarkeit von Informationen sowie nach dem Verhältnis von Mensch und Algorithmus/Maschine reißt sie zwar an, bietet aber keine neue Erkenntnis. Gerade diese Fragen aber müssten dringend weiter erforscht werden.

Besprochen von Vera Linß

Mercedes Bunz: Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
169 Seiten, 14 Euro

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