Neu-Schweizerland am Äquator

Der Berner Stadtpfarrer Johann David Wyss schrieb Ende des 18. Jahrhunderts eine Schweizer Variante der Robinson-Erzählung um eine schiffbrüchige Familie, die sich auf eine einsame Insel rettet. Der Journalist Peter Stamm hat den Text neu erzählt - und macht große Lust aufs Reisen.
Vater, Mutter und vier Söhne geraten in Seenot, das Schiff havariert und die Pfarrersfamilie kann sich auf eine einsame Insel am Äquator retten. Allein, wie es scheint. Doch finden die sechs dort fast das Paradies: reichlich Wasser, essbare Pflanzen und Früchte, Tiere jeder Art. Da die Eltern mit ihren vier Söhnen vom Wrack auch alles Nützliche holen können, Waffen und Werkzeug, Kleidung und Geschirr, fällt es nicht schwer, sich häuslich einzurichten. Wobei es auch an Bedrohungen durch wilde Tiere nicht fehlt. Doch Mut, Unternehmungsgeist, handwerkliches Geschick, Glück und vor allem ein vernünftiger und liebevoller Umgang miteinander ermöglichen ein idyllisches und zufriedenes Leben. Als nach zehn Jahren schließlich das rettende Schiff kommt, verlassen nur zwei der Söhne die Insel. Der Rest der Familie entscheidet sich zu bleiben und will ein freies "Neu-Schweizerland" gründen.

Geschrieben hat diese Robinsonade ursprünglich der Berner Stadtpfarrer Johann David Wyss in den Jahren 1794 bis 1798 für seine vier Söhne. Diese bunte Mischung aus Abenteuerroman und Lehrbuch, Familienroman und familiärem Bildungsunternehmen war eigentlich nicht zum Druck bestimmt. Erst 1812 veröffentlicht sie einer der Söhne. Der Schweizer Journalist und Schriftsteller Peter Stamm, Autor von Romanen, Theaterstücken und Kinderbüchern, hat jetzt eine Neufassung des "schweizerischen Robinson" geschrieben.

Er hat den Text behutsam gestrafft, anderes hinzugefügt, aber die Beschaulichkeit, auch Umständlichkeit des Originals und seine pädagogische Note belassen. So tauchen die Leser und Leserinnen nicht nur in eine exotische Landschaft ein, in ein Abenteuer, das die Fantasie beschwingt, sondern auch in eine fremdartig-altmodische Atmosphäre - zu der auch die lebendigen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Willi Glasauer beitragen. Familiärer Zusammenhalt, Anstand und Ordnung werden in der Extremsituation bewahrt, bieten Geborgenheit und sind die Garanten für Kultur und Zivilisation.

Alles, was Kinder an Robinsonaden fasziniert, finden sie in diesem schönen und gelassen erzählten alten Text: Schiffbruch und Hausbau, abenteuerliche Kämpfe und Entdeckungen, die genaue Beschreibung vieler handwerklicher Tätigkeiten und die Herstellung aller möglichen Dinge - von Kerzen bis zur Schokolade. Vor allem aber das Gefühl großer Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverantwortung.

Auch wenn der Zufall den Überlebenden oft zu Hilfe eilt und Vater und Mutter fast übermenschliche Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen - die Geschichte von der schweizerischen Robinsonfamilie weckt mit Sicherheit die Neugierde junger Menschen an fremden Welten, an früheren Zeiten, an Natur und Landschaft. Vielleicht weckt sie auch das Fernweh, die Lust aufs Reisen und vielleicht auch die Lust darauf, mehr zu lesen. Robinsonaden gibt es ja Gott sei Dank eine ganze Menge!

Besprochen von Sylvia Schwab

Johann David Wyss: Der schweizerische Robinson. Nacherzählt von Peter Stamm
Fischer Schatzinsel, Frankfurt/Main 2012
336 Seiten, 14,99 Euro


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