Neu-Musliminnen auf Instagram

    Das Kopftuch lässt sich auch auf fränkische Art binden

    08:30 Minuten
    Toya Zurkuhlen steht vor einer weißen Wand und schaut lächelnd in die Kamera
    Jung, feministisch, Muslima - Toya Zurkuhlen ist Redakteurin bei den "Datteltätern" und vor vier Jahren zum Islam konvertiert. © Julius Matuschik
    Von Julia Ley · 15.08.2021
    Audio herunterladen
    Auf Instagram präsentieren sich unter Namen wie "Hijabi on Tinder" junge Frauen, die zum Islam konvertiert sind. Sie sind selbstbewusst und wehren sich gegen Klischees – egal, ob die von Glaubensgeschwistern kommen oder von Islamkritikern.
    Mit 15 begann Namika Sharif, die in Wirklichkeit anders heißt, Kopftuch zu tragen. "In der Stadt war es halt tatsächlich so, dass ich von da an täglich mindestens drei bis sieben dumme Sprüche gedrückt bekommen habe", erzählt sie. "Von wegen: 'Terroristenschlampe, verpiss dich in dein Land' und noch ganz andere Ausdrücke. Und von da an wurde ich regelmäßig angespuckt, in der Bahn angerempelt. Einmal wurde ich am Dresdner Hauptbahnhof auch beinahe zusammengeschlagen, die umstehenden Leute haben nur zugeguckt, teilweise gelacht."
    Zum Islam kam Sharif schon als Elfjährige, über den neuen Mann ihrer Mutter. Er war Araber, lebte seine Religion vor allem an Feiertagen, doch Sharif war fasziniert.
    Inzwischen ist sie 30, verheiratet, hat selbst Kinder – und berichtet auf Instagram über ihr Leben als konvertierte deutsche Muslimin.

    Der Wunsch, gehört zu werden

    Sharif ist nur eine von mehreren Konvertitinnen, die seit einigen Jahren selbstbewusst in den sozialen Medien auftreten. Sie alle haben sich für eine Religion entschieden, die viele Deutsche für rückwärtsgewandt und frauenfeindlich halten.
    Sie erfahren Ablehnung und Vorurteile. Warum setzen die Frauen sich dem aus? Und warum suchen sie so bewusst die Öffentlichkeit?
    "Bei mir persönlich war es dieser Wunsch, selber gehört zu werden mit meinen Themen, die ich im Alltag durchlebe. Es ist tatsächlich so, dass Konvertitinnen noch mal andere Themen mitbringen als zum Beispiel Frauen, die einen Migrationshintergrund in der Familie haben oder die selber hierher migriert sind."

    Über Hip-Hop zum Islam gekommen

    Toya Zurkuhlen lebt in Berlin und ist vor vier Jahren konvertiert. Die 27-Jährige arbeitet als Redakteurin bei dem Youtube-Satireformat "Datteltäter" und sie stammt aus einer katholischen Familie in Hessen. Auf Muslime traf sie das erste Mal bei sogenannten Hip-Hop-Battles, also Tanzwettbewerben.
    Zurkuhlen gefiel die regelmäßige Praxis, die die Religion fest im Alltag verankert. Und auch theologisch überzeugte sie der Islam: "Ich hatte auch immer so ein bisschen meine Zweifel oder meine Fragen zu der Person Jesus, Jesus als Mensch gewordener Gott und so weiter und sofort, mit denen ich nie so im Reinen war, wo ich mir immer dachte, für mich macht es irgendwie nicht so Sinn. Oder letztendlich so: Ich glaube da wirklich nicht so dran. Und wo ja dann auch der Islam irgendwie sehr schöne Antworten draufhat. Also ich hatte auch das Gefühl, viel ist dann auch über Logik passiert."

    Rationale Gründe für den Übertritt zeigen

    Die 37-jährige Johanna Wolf lebt in Offenbach. Sie ist alleinerziehende Mutter und hat sich vor drei Jahren nach langem Zögern entschieden zu konvertieren. "Ich war immer auf der Suche", erzählt sie. "Und schon relativ früh, schon in der Schule, hat mich der Islam einfach mit dieser schlichten, dieser eigentlich relativ schlichten Logik – sei lieb zu anderen – fasziniert."

    Die "schlichte" Logik des Islam, ein Gottesbild, das dem Verstand leichter zugänglich ist als das der christlichen Dreifaltigkeit – Esra Özyürek, Professorin für Anthropologie an der London School of Economics, kennt solche Erklärungen gut.
    Eine Frau mit rotem Kopftuch steht vor einer weißen Wand und lächelt in die Kamera
    Der Islam habe sie theologisch mehr überzeugt als das Christentum, begründet Johanna Wolf ihre Konversion.© Johanna Wolf
    Sie sagt, in Deutschland betonten Konvertitinnen oft die rationale Seite ihrer Entscheidung. Denn sie müssen ihrem Umfeld vermitteln, dass sie nicht verrückt oder sonderbar sind: "Wenn ich sage, dass ich zu muslimischen Konvertiten forsche, dann kichern viele Leute. So als wäre das lustig. Menschen, die nicht selbst konvertiert sind, stellen sich Personen mit tiefsitzenden Problemen vor. Vielleicht haben sie Probleme in der Familie. Oder sie stellen sich vor: Oh, die haben sich verliebt. Sie haben eine Frau vor Augen, die sich so sehr in einen Muslim verliebt hat, dass sie quasi von allen guten Geistern verlassen ist."

    Der Statusverlust als Schock

    Während viele in Deutschland lebende Muslime schon damit aufwachsen, aufgrund ihrer Religion ausgegrenzt zu werden, sei der Statusverlust für manche Konvertitinnen eine Art Schock. Sie seien es gewohnt, dazuzugehören, ernstgenommen zu werden – und bekämen nun vermittelt, sie seien unterdrückt oder ungebildet. Mit der plötzlichen Ablehnung gehen Konvertitinnen unterschiedlich um, sagt die Forscherin Özyürek: Manche ziehen sich komplett zurück, andere werden Aktivistinnen.
    Toya Zurkuhlen, Johanna Wolf und Namika Sharif haben sich für letzteres entschieden. Sie wollen damit auch das Vorurteil aufbrechen, alle Musliminnen seien unterdrückt.
    Zurkuhlen etwa ist es wichtig zu betonen, dass sie mit ihrer Konversion nicht ihren Feminismus abgelegt hat. Sie trägt kein Kopftuch, verzichtet seit der Konversion aber auf knappe Kleidung. Ein Schritt, den sie als Befreiung empfindet.

    Selbst entscheiden, wieviel sie preisgeben

    Denn gerade die Weigerung, den eigenen Körper ständig zu optimieren, zu präsentieren und von anderen bewerten zu lassen, "ist tatsächlich in unserer Gesellschaft einfach schon ein revolutionärer Akt, als Frau zu sagen: Nein, ich möchte meinen Körper nicht zeigen", sagt Zurkuhlen. "Was nicht heißt, dass es nicht total cool ist, wenn Mädels ihren Körper zeigen wollen. Es geht vielmehr darum: Ich entscheide über meinen Körper und ich entscheide, wie viel ich zeige, wie viel ich preisgebe, wenn von mir gefordert ist, dass ich alles zeige."
    Johanna Wolf berichtet auf ihrem Instagramprofil "Hijabi on Tinder" darüber, wie es ist, als alleinerziehende, herkunftsdeutsche, muslimische und kopftuchtragende Frau auf Dating-Plattformen wie Tinder unterwegs zu sein.
    Ihre Kritik richtet sich dabei explizit auch an die muslimische Community. Etwa, wenn muslimische Männer mit ausländischen Wurzeln ihr auf Tinder erklären, sie sei als Enddreißigerin und geschiedene Frau eigentlich nicht mehr begehrenswert – käme wegen ihrer hellen Haut aber trotzdem infrage.
    "Diese Ambivalenz darin: gleichzeitig diese totale Abwertung und dieses Auf-ein-Podest-Stellen in einer Haltung, dieses totale Auf-ein-Objekt-Reduzieren", beobachtet Wolf. "Da ging es ja nicht um meine Persönlichkeit, um meinen Charakter, um meine Individualität. Da ging es darum, dass ich halt für ihn von Vorteil wäre, in der Mehrheitsgesellschaft anzukommen."

    Als Privilegierte am Image der Musliminnen arbeiten

    Neben viel Anerkennung erfahren Johanna Wolf, Toya Zurkuhlen und Namika Sharif auf Instagram auch Hass – sowohl von Islamisten, denen sie zu progressiv sind, als auch von Rechten, denen ihre Entscheidung für den Islam wie Verrat vorkommt. Denn "gute deutsche Frauen" können in den Augen von Rechtsextremen keine Musliminnen sein.
    Namika die Schreiberin trägt einen Schleier um nicht erkannt zu werden.
    Namika möchte auf dem Foto nicht erkannt werden. Einen Gesichtsschleier trägt sie normalerweise nicht. © Namika die Schreiberin
    Viele Konvertitinnen spürten eine Verantwortung, sich zu positionieren, glaubt Johanna Wolf: "Vielleicht auch, weil wir wissen, dass wir Privilegien haben. Und weil wir vielleicht auch wissen, dass wir ein bisschen gefordert sind, um auch an dem Image zu arbeiten, weil wir ja weniger Ballast haben. Antimuslimischen Rassismus oder überhaupt Rassismus erleben wir ja weniger als andere. Das heißt nicht, dass wir ihn nicht erleben, aber definitiv weniger."

    Vernetzung hilft im Identitätskonflikt

    Die öffentliche Sichtbarkeit hat aber auch Vorteile. Sie erlaubt es, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen.
    Denn in fast allen Fällen führt die Entscheidung für den Islam zu Identitätskonflikten, hat Toya Zurkuhlen festgestellt: "Und das fängt schon bei sowas an wie dem Hijab, also Kopftuch tragen. Wie sieht das aus für eine deutsche Frau, die nicht vielleicht eine coole Tante hat, die das Hijab trägt und sich daran orientiert? Das muss eigentlich komplett neu interpretiert werden. Es ist eine Identität, die komplett neu gebaut werden muss, mit sehr wenigen Vorbildern, die einem da einen Hinweis geben können."

    Im Gespräch mit altem Umfeld und neuer Glaubensgemeinschaft

    Vielleicht ist das auch die beste Erklärung für die neue Sichtbarkeit von Konvertitinnen auf Instagram: das Bedürfnis, Antworten auf solche Fragen zu finden. Und dabei im Gespräch mit beiden Seiten zu bleiben: mit denen, die einen geprägt haben, und denen, deren Glauben man angenommen hat.
    Zumindest für die Frage des richtigen Kopftuchstils hat Johanna Wolf schon eine elegante Lösung gefunden: "Ich stamme aus einer Gegend, in der durchaus noch Tracht getragen wurde. Ich habe selber zu Hause auch eine Tracht. Und ich habe da ehrlich gesagt versucht, mich an der Tracht meiner Heimat zu orientieren. Und deswegen trage ich jetzt mein Kopftuch so, wie es ist, und ich kann da durchaus auch meine fränkische Herkunft mit meinem Kopftuch vereinbaren."
    Mehr zum Thema