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Frühkritik | Beitrag vom 17.09.2020

Neu im Kino: "Über die Unendlichkeit"Das Leben, ein Schmerz

Von Patrick Wellinski

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Ein Mann hält eine Frau im langen hellen Kleid im Arm. Beide schweben fast waagerecht in der Luft. (Neue Visionen Filmverleih)
"Ein Kino der sozialen Verhältnisse, das sich aber durch eine unglaublich beeindruckende Ästhetisierung auszeichnet", urteilt Patrick Wellinski. (Neue Visionen Filmverleih)

Ein Priester in der Glaubenskrise, eine Frau, die nicht vom Bahnhof abgeholt wird: In szenischen Miniaturen spürt Regisseur Roy Andersson unseren Ängsten und Verletzlichkeiten nach. Intelligent - und traurig und komisch zugleich, so Patrick Wellinski.

Worum geht es?

Eine ätherische Frauenstimme aus dem Off erzählt uns von unterschiedlichen Menschen, die sich zu unterschiedlichen Zeiten der Zivilisation mit sich selbst, ihrer Sterblichkeit und der Idee der Ewigkeit auseinandersetzen. Ein Priester erlebt eine Glaubenskrise und wird vom Psychotherapeuten abgewiesen, ein Paar schwebt über einer kriegsverwüsteten Stadt, eine Frau wird nicht vom Bahnhof abgeholt, ein Mann verweigert die Betäubung beim Zahnarzt und wird von dem prompt einfach sitzengelassen. Es sind Schlaglichter auf das Menschsein.

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Was ist das Besondere?

Der schwedische Regisseur Roy Andersson ist der große Eigenbrötler des europäischen Kinos. In präzisen, häufig sehr komischen Tableaus betrachtet er das Dasein als Abfolge traurig-absurder Schicksalsschläge. Damit entsteht ein Kino der sozialen Verhältnisse, das sich aber durch eine unglaublich beeindruckende Ästhetisierung auszeichnet. Wie schon in "Songs from the Second Floor" oder "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" spürt Andersson unseren Ängsten, Träumen und Einsamkeiten nach, ohne sie zu romantisieren. Der Mensch erscheint nackt, es gibt keine Schatten, in denen er sich verstecken könnte. Daraus entsteht ein Röntgenblick auf unsere Verletzlichkeit.

Bewertung

"Über die Unendlichkeit" ist ein weiteres Mosaik im beeindruckenden Werk des schwedischen Autorenfilmers. Traurig, komisch, formal intelligent und aufwendig hat Roy Andersson abermals bewiesen, dass er sich mit den schmerzhaften Tatsachen des Menschseins auseinandersetzt. Für seine Fans ist der neue Film ein Fest, für alle andere ein schöner Einstieg in diese eigentümliche Welt der melancholischen Gestalten, an denen man sich nicht sattsehen kann.

"Über die Unendlichkeit"
Drama, Schweden 2019
Regie: Roy Andersson
78 Minuten
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