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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.06.2016

Neu im Kino: "The Neon Demon"Sex, Neid und Selbsthass

Von Patrick Wellinski

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Die US-Schauspielerin Elle Fanning in einer der Szenen von "The Neon Demon'" von Regisseur Nicolas Winding Refn. (dpa / Cannes Film Festival / Handout)
Foto vom Set des Films "The Neon Demon" - mit der Schauspielerin Elle Fanning. (dpa / Cannes Film Festival / Handout)

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn setzt mit "The Neon Demon" einmal mehr auf Sex und Gewalt. Der Film erzählt von einem jungen Model und provoziert mit Szenen, die an Nekrophilie und Pädophilie grenzen.

Es gibt eine Kategorie von Regisseuren, die mit jedem neuen Werk vor allem nach der Provokation und Grenzüberschreitung sucht. David Lynch ist so einer, Lars von Trier natürlich auch. Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn gehört auch in diesen Club. Gewalt und Sex sind dabei seine eigentlichen Inszenierungsmittel, die er bereits mit seinem ersten Welterfolg "Drive" in glänzende und glatte Bilder verpackte. In "The Neon Demon" – der bei der Weltpremiere in Cannes dieses Jahr ausgebuht wurde – bleibt er seiner bisherigen Linie sehr treu.

Der Film ist ein düsterer Blick in die Abgründe der Mode-Industrie: Die 16-jährige Jesse ist noch zu jung, um bei den großen Modellagenturen unter Vertrag genommen zu werden, aber ihre natürliche Schönheit ist derart außergewöhnlich, dass sie trotzdem angeheuert wird. Schnell entsteht ein brutaler Konkurrenzkampf zwischen ihr und den anderen Models. Neid und Selbsthass führen bei Jesses Konkurrentinnen schließlich zu kannibalistischen Ausbrüchen.

In der Tradition von David Lynch

"The Neon Demon" ist das, was man so gerne als psycho-sexuellen Thriller bezeichnet. Er steht in einer direkten Tradition von Lynchs "Blue Velvet" und David Cronenbergs Body-Horrorfilmen. Die Einstellungen sind lang, auf der Tonspur quält sich ein monotoner Housebeat, die Figuren bewegen sich langsam und sprechen wenig. Die Künstlichkeit der Modelwelt soll sich so auch in der Form des Films spiegeln. Aber Refns Argument gegen die Perversität der Modeindustrie wirken verspätet und irgendwie auch altbacken. Jedenfalls reicht die Feststellung, dass die Modelwelt eine fatale Sicht auf den Körper und die Weiblichkeit entwirft nicht, um damit einen zweistündigen Film zu füllen. Refn verliert sich in visuellen Spielereien. Stroboskoplicht und Neonfarben tränken häufig die Leinwand. Bilder wie aus einem modernen Club. In dieser Künstlichkeit kann er sich erst seine Grenzüberschreitungen erlauben.

Es gibt Szenen, die an der Nekrophilie und Pädophilie kratzen, allerdings durch die abstrakten Bilder jeglicher Wirklichkeit entzogen werden. Das ist auch 30 Jahre nach "Blue Velvet" weiterhin eine sehr komplizierte und problematische Bilderpolitik. Refn scheint auch nicht an einem wie auch immer gearteten postmodernen Diskurs interessiert zu sein. Seine Zeichen verweisen auf nichts. Sie sehen gut aus, sind aber leer. Vielleicht will er ja gerade darauf hinaus. Ein paar Halteseile hätte man sich dahingehen als Zuschauer dann doch gewünscht.

Am Ende lässt sich der "The Neon Demon" am besten als Alptraum beschreiben. Denn der Film hat – wie jeder Alptraum – etwas Faszinierendes. Aber wenn er vorbei ist, möchte man ihn nie wieder sehen.

The Neon Demon – Thriller (USA, Dänemark, Frankreich 2016)
117 Minuten, FSK ab 18
Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Elle Fanning, Christina Hendricks, Keanu Reeves u.a

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