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Frühkritik | Beitrag vom 10.03.2016

Neu im Kino: "Son of Saul"Keine Würde in der Hölle von Auschwitz

Von Jörg Taszman

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Regisseur Laszlo Nemes hält einen Oscar in der Hand, den er für seinen Film "Son of Saul" erhalten hat.  (picture alliance / dpa / EPA / PAUL BUCK)
Regisseur Laszlo Nemes hält einen Oscar in der Hand, den er für seinen Film "Son of Saul" erhalten hat. (picture alliance / dpa / EPA / PAUL BUCK)

So wird Auschwitz selten gezeigt: Keine bedrückende Stille, sondern wahnsinniger Lärm. Der ungarische Regisseur László Nemes bekam für "Son of Saul" den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film.

Der ungarische Jude Saul Ausländer ist ein Mitglied der berüchtigten Sonderkommandos in Auschwitz. Dort waren Juden für das Vergasen von Juden zuständig. Regisseur Lászlo Nemes hat seinen ersten langen Spielfilm ganz bewusst in 35 mm und dem klassischen 4:3 Format gedreht. So verengt er die Erzählperspektive von Saul Ausländer. Man sieht ihm ins Gesicht, der Hintergrund verschwimmt oft in Unschärfen. Saul muss den Deutschen beim industriellen Massenmord an den Juden zur Hand zu gehen. Der ganze Zynismus der mörderischen Vernichtungsmaschinerie der Deutschen kommt vor allem über die Tonebene zum Tragen. So hört man immer wieder die lügenhafte Propaganda, die vom Vergasen ablenken soll. Den ankommenden Häftlingen wird ordentliche Arbeit versprochen. In den Augen der Deutschen handelt es sich jedoch auch verbal nicht mehr um Menschen. Sie bellen im Befehlston von "Stück(zahlen)" oder "(Juden) Schweinen".

Kein versöhnliches Werk

Regisseur Laszlo Nemes ist selber Jude und hat viele Angehörige in den deutschen KZ’s verloren. Seine eigenwillige Trauerarbeit - Saul versucht einen toten Jungen anständig zu beerdigen – ist ein Film, der weh tut und Grenzen des darstellerisch möglichen Grauens auslotet, dabei jedoch nie auf Schockeffekte setzt. Es ist kein versöhnliches Werk, das auf gängige Holocaustklischees verzichtet. Und doch ist es eine Erinnerungsarbeit, die den Widerstand von Häftlingen ebenso aufgreift wie hinterfragt und auf die menschliche Würde mitten in der Hölle von Auschwitz hinweist.

Und so gelingt Lászlo Nemes ein ebenso wichtiges sehenswertes wie nachdenkliches Werk, das noch lange anhält und nicht nur wegen des Oscars in die Filmgeschichte eingehen wird. Ob man im Land der Täter für dieses radikale Werk viele Zuschauer findet, ist wiederum eine ganz andere Frage.

Son of Saul (Saul Fia)
Ungarn 2015
Regie: Lászlo Nemes
107 Minuten

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