Donnerstag, 17.10.2019
 

Frühkritik | Beitrag vom 10.10.2019

Neu im Kino: "Joker"Die geschminkte Ikone der sozial Abgehängten

Von Hartwig Tegeler

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Schauspieler Joaquin Phoenix in der Rolle des "Jokers" (picture alliance / dpa / Niko Tavernise / Warner Bros. / Everett Collection)
Bösewicht mit der Clownsmaske: Joaquin Phoenix in Todd Phillips' Film "Joker" (picture alliance / dpa / Niko Tavernise / Warner Bros. / Everett Collection)

Im Film "Joker" beschreibt Todd Phillips, wie sich ein Individuum verändert, das sich im Höllenuniversum seiner Psychosen und der verachtenden Gesellschaft befindet. Erst Opfer, dann Täter und Bösewicht, intensiv gespielt von Joaquin Phoenix.

"Sie stellen mir jede Woche dieselben Fragen. Wie läuft es im Job? Haben Sie irgendwelche negative Gedanken? Ich habe ausschließlich negative Gedanken."

Todd Phillips' "Joker" ist die Vorgeschichte der Figur, die dann in den Batman-Filmen der letzten Jahre von Jack Nicholson oder Heath Ledger gespielt wurde. Todd Phillips erzählt die Entstehung des Superschurken "Joker", dem späteren Gegenspieler von Batman, als eigenständige Geschichte, die er allerdings nur lose im DC-Comic-Universum verortet. Und so entsteht ein komplexer Charakter. Denn dieser Arthur ist ein Abgehängter mit schweren psychischen Störungen, ein immer wieder Gedemütigter in einem Gotham City, das wie New York aussieht und in dem die Reichen die Armen verachten.

Eine Ikone der sozial Abgehängten

"Joker" ist die Geschichte einer Transformation, die eines Opfers in einen Täter und Bösewicht. Und das ist schlicht atemberaubend intensiv, fast schon beängstigend, wie Joaquin Phoenix diesen Mann spielt, der sich Schritt für Schritt in den "Joker" verwandelt, diesen Bösewicht mit der Clownsmaske, die er sich aufmalt, und damit zum Symbol des Antihelden wird. Und dazu dieses irre Lachen, kein bisschen witzig, Sound am Rand des Höllenschlundes. Dabei wird er nach seinen ersten Morden in der U-Bahn zur Ikone der anderen sozial Abgehängten, die gegen die Reichen zu revoltieren beginnen.

Radikale Beschreibung eines deformierten Individuums

Ein klar politischer Subtext, anders können wir diesen Film heute gar nicht lesen. Gelbwesten, Hongkong, gerade frisch: Irak. Doch was will der "Joker"? Die Revolution? Mitnichten. Er will nur Anerkennung. Und damit stellt sich natürlich die Frage, die zurzeit in den USA diskutiert wird: Ist "Joker" reaktionär, zeichnet er das verherrlichende Porträt eines Massenmörders? Oder ist Todd Phillips Film Psychogramm einer verletzten Seele, eines gebrochenen Antihelden? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es ebenso wenig, wie Martin Scorseses "Taxi-Driver" von 1976 eine parat hatte. Der Film, vor dem sich "Joker"  – was Zeitkolorit und Düsternis betrifft – verbeugt.

"Joker" ist ein großer Film, wenn man akzeptiert, dass Todd Phillips mit Radikalität, aber ohne moralische Einordnung die Deformierung eines Individuums im Höllenuniversum seiner Psyche und der Gesellschaft, die ihn ausspuckt, beschreibt. Eindeutigkeit bekommt man hier nicht geliefert. Gedankenfutter aber unbedingt.

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