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Vollbild | Beitrag vom 10.01.2015

Neu im KinoGegen alle Widerstände

Von Christian Berndt

US-Schauspielerin und Regisseurin Angelina Jolie lehnt mit geschlossenen Augen an der Schulter des 96 Jahre alten US-Athleten und Kriegshelden Louie Zamperini (undatierte Aufnahme). Der frühere olympische Langstreckenläufer ist die Inspiration für Jolies zweite Regiearbeit. "Unbroken". (picture alliance / dpa / Universal Pictures)
Regisseurin Angelina Jolie mit dem 96 Jahre alten US-Athleten und Kriegshelden Louie Zamperini, der sie zu ihrem neuen Film "Unbroken" inspirierte. (picture alliance / dpa / Universal Pictures)

In "Vorgespult" geht es diesmal um Filme, in denen sich starke Heldinnen und ein Held gegen fast übermächtige Widerstände behaupten: "Der große Trip - Wild" mit Reese Witherspoon, das Ehe- und Gerichtsdrama "Get" und "Unbroken" von Angelina Jolie.

In der Wildnis, vorm Ehegericht und im Krieg behaupten sich die Heldinnen und der Held in den drei besprochenen Filmen, die neu ins Kino kommen. Und um unfassliche Geschichten, die auf wahren Vorkommnissen beruhen. Christian Berndt über den amerikanischen Film "Der große Trip - Wild" mit Reese Witherspoon, das israelische Ehe- und Gerichtsdrama "Get – Der Prozess der Viviane Amsalem" und den Weltkriegsfilm "Unbroken" von Angelina Jolie.

Filmausschnitt: "Mein Gott, was habe ich getan?"

Cheryl ist zum wiederholten Male am Verzweifeln. Die junge Frau befindet sich alleine auf einer Wanderung entlang des Pacific Crest Trail – eines Fernwanderweges, der an der amerikanischen Westküste von Mexiko bis Kanada verläuft. Sie wandert 2000 km durch Gebirgszüge und menschenleere Wildnis. Ein aberwitziger Gewaltmarsch, der Cheryl – stark gespielt von Hollywoodstar Reese Witherspoon - an existenzielle Grenzen stoßen lässt. Aber sie macht die Tour auch nicht aus sportlichem Vergnügen:

Filmausschnitt: "Ich wünsche mir sehnlichst, dass es vorbei ist. Aber ich habe auch schreckliche Angst davor. Und ich bin alles andere als bereit dafür." (Donnergrollen)

Der amerikanische Film "Der große Trip – Wild" erzählt von einer dramatischen Selbstfindung. Vorlage war der autobiografische Bestseller "Wild" der amerikanischen Autorin Cheryl Strayed, die darin beschreibt, wie sie nach dem frühen Tod der Mutter völlig aus der Bahn geriet, heroinabhängig wurde und sich mit diesem Gewaltmarsch selbst aus dem Sumpf zog. Der Film blättert nah am Buch Cheryls schwierige Vergangenheit in Rückblenden auf, in denen Jean-Marc Vallée – wie schon in seinem Überraschungserfolg "Dallas Buyers Club" – eine sehr plastische Milieuzeichnung gelingt. Leider verläuft der ambitionierte Film, für den der englische Schriftsteller Nick Hornby das Drehbuch schrieb, mit der sehr amerikanischen Botschaft des 'Du musst Dich nur selbst finden, dann wird alles gut' am Ende enttäuschend konventionell.

"Der große Trip – Wild"
USA 2014, Regisseur: Jean-Marc Vallée, Drehbuch, Nick Hornny, Darsteller: Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski, Michiel Huisman, Gaby Hoffmann, Kevin Rankin u.a., 115 Min.

Vom tapferen Kampf einer starken Frau handelt auch der israelische Film "Get – Der Prozess der Viviane Amsalem". Vor drei Jahren hat Viviane ihren Mann verlassen und die Scheidung beantragt. Weil Israel keine zivile Ehe kennt, sind ausschließlich die Religionsgemeinschaften für Eheschließungen und Scheidungen zuständig. Deshalb zieht Viviane vor das Rabbinatsgericht. Das religiöse Eherecht erfordert zur Scheidung die Einwilligung des Mannes. Der aber weigert sich:

"Mein Herr, sind Sie bereit, diese Frau wieder in Ihrem Hause aufzunehmen? – Ja, Euer Ehren. – Ich werde nicht zurückgehen, ich gehe nicht zurück. – Viviane Amsalem. Ich empfehle, kehren Sie nach Hause zurück, bitte versuchen Sie, mit aller Kraft und Anstrengung, Ihr Heim und Ihre Familie zu retten."

Die religiösen Gerichte halten in der Regel strikt am Fortbestand der Ehe fest. Wird die Scheidung verweigert, darf die Frau nicht wieder heiraten. Regisseurin Ronit Elkabetz, die auch die Rolle der Viviane spielt, schildert in ihrem Film kammerspielartig und teils tragikomisch diesen kafkaesk verlaufenden Prozess - dabei aber ohne Häme und mit einer Glanzleistung in der Rolle der würdevoll verzweifelten Viviane. Aus dem für Israel typischen Zusammenprall von Tradition und Moderne zieht "Get – Der Prozess der Viviane Amsalem" eine faszinierende Spannung:

"Get – Der Prozess der Viviane Amsalem"
Israel, Frankreich, Deutschland 2014, Regie: Ronit Elkabetz, Darsteller: Ronit Elkabetz, Menashe Noy,Simon Abkarian, Sasson Gabai, Eli Gornstein,Gabi Amrani-Gur, 115 Min.

Filmausschnitt: "Sie kommen auf 3 Uhr!" (Maschinengewehrrattern)

Von tapferer Selbstbehauptung handelt auch der amerikanische Film "Unbroken" von Angelina Jolie. Es beginnt im 2. Weltkrieg. Nachdem ein amerikanisches Flugzeug auf dem Meer notlanden musste, treiben die Überlebenden – Flugschütze Zamperini und zwei Kameraden – wochenlang im Schlauchboot durch den Pazifik. Einer erliegt den Strapazen, die anderen werden schließlich von einem feindlichen, japanischen Schiff gerettet. Aber das Leiden setzt sich in der Gefangenschaft fort. Auch "Unbroken" beruht auf einer realen Geschichte – den Erinnerungen des Amerikaners Louie Zamperini, hier gespielt von Jack O’Connell, der 1936 als Athlet an den Olympischen Spielen in Berlin teilnahm und als Soldat im Krieg tatsächlich unglaubliche 47 Tage im Schlauchboot überlebte. In Rückblenden wird seine Geschichte bis zum Olympiaerfolg skizziert und dabei dargestellt, wie entscheidend für Zamperini die Motivation durch den Bruder war – die hilft ihm auch jetzt in Gefangenschaft:

Filmausschnitt: "Halte durch, dann kommst Du durch. – Genau. – Mein Bruder Pete hat das immer gesagt. Er hat auch gesagt, ich könnte alles schaffen. Er hielt mich immer für besser, als ich bin. – Wer sagt, dass Sie es nicht sind."

Angelina Jolie erzählt in "Unbroken" die Geschichte dieses Kampfes mit teils starken Bildern und einer am Ende versöhnlichen Botschaft. Aber der Film ist mit den verschiedenen Geschichten um Sport, Krieg und Gefangenschaft zu überfrachtet, um erzählerische Tiefe zu entwickeln. Und seltsam krude wirkt das penetrante Durchhaltepathos, mit dem die Selbstoptimierung gleichermaßen für den Sport wie für den Krieg als Patentmittel propagiert wird.

"Unbroken"
USA 2014, Regie: Angelina Jolie, Darsteller: Domhnall Gleeson, Jack O'Connell, Miyavi, 137 Min.

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