Netzausbau

"Breitband ist ein wichtiges Strukturmerkmal"

Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) © picture alliance / dpa / Angelika Warmuth
Bernhard Rohleder im Gespräch mit Jörg Degenhardt · 07.03.2014
Glasfaser in der Fläche sei eine "nationale, eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", so der BITKOM-Chef Bernhard Rohleder. Gerade für die Wirtschaft werde die Breitbandigkeit in der Fläche benötigt.
Jörg Degenhardt: Breitband für alle: Heute startet die Netzallianz Digitales Deutschland der Bundesregierung für den Ausbau schneller Internetverbindungen im ganzen Land. Ziel ist es, bis 2018 flächendeckend eine Breitbandversorgung hinzukriegen, und zwar auch außerhalb der Ballungsräume.
Die hat natürlich ihren Preis: Von 20 Milliarden Euro ist die Rede und klar, die Unternehmen der Branche möchten das nicht alles alleine tragen. Darüber wird zu reden sein, zum Beispiel heute, drei Tage vor dem Beginn der CeBIT, der Computermesse, da treffen sich schon mal der Bund und Vertreter von großen und mittelständischen Unternehmen.
Bernhard Rohleder wird mit dabei sein. Ihn begrüße ich jetzt am Telefon, er ist der Geschäftsführer des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien, kurz BITKOM. Guten Morgen, Herr Rohleder!
Bernhard Rohleder: Schönen guten Morgen, Herr Degenhardt!
Degenhardt: Wo haben Sie denn den größten Klärungsbedarf heute, beim Geld?
Rohleder: Nun, wir brauchen viel Geld, wir brauchen 20 Milliarden im ersten Schritt, wir brauchen aber 80 Milliarden Euro im zweiten Schritt, nämlich um Glasfaser, also eine Technologie, die noch sehr viel mehr kann als Kupferkabel, in die Fläche zu bringen. Und da gibt es tatsächlich die Frage, ob die bisherige Politik, wo man die Unternehmen zur Kasse bittet, zum Beispiel bei Frequenzversteigerungen, ob die noch passt zu einem Ansatz, wo wir sagen: Wir wollen hohe zweistellige Milliardenbeträge als private Investitionen von den Netzbetreibern incentivieren.
Degenhardt: 80 Milliarden, das ist ja eine riesige Summe. Ist das jetzt eher konservativ angesetzt, oder könnte da noch was dazukommen?
Einzelne Glasfaserkabel der Deutschen Telekom, aufgenommen bei Verlegearbeiten in Hannover.
Einzelne Glasfaserkabel der Deutschen Telekom, aufgenommen bei Verlegearbeiten in Hannover.© picture alliance / dpa - Julian Stratenschulte
Rohleder: Wir gehen davon aus, dass 80 Milliarden reichen werden, um Glasfaser in die Fläche zu bringen. Wir haben im Übrigen bereits in den letzten zehn, zwölf Jahren mehr als 100 Milliarden investiert in den Netzausbau. Also die Branche ist es gewohnt. Was sie aber jetzt in Zukunft braucht vor dem Hintergrund, dass die Märkte schrumpfen - obwohl wir einen echten Boom in der Telekommunikation erleben, verlieren wir jedes Jahr etwa eine Milliarde Euro an Umsatz durch Markteingriffe der Politik, der Regulierungsbehörden -, vor diesem Hintergrund brauchen wir auch neue Ansätze, um Breitband dort hin bringen zu können, wo einfach solche Netze sich nicht wirtschaftlich betreiben lassen.
Degenhardt: Das Problem ist ja: Berlin will nicht direkt zahlen. Von Anreizen ist die Rede für Investitionen. Was genau muss man sich darunter vorstellen?
Es fehlen den Unternehmen Umsätze
Rohleder: Die Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Die Zeiträume, in denen solche enormen Investitionen zurückverdient werden, liegen bei 10, 15, 20 Jahren, und das passt nicht zu den sehr kurz getakteten Eingriffen der Regulierungsbehörden, wo dann Entgelte nach unten korrigiert werden - und damit stimmen die ganzen Businesspläne nicht mehr.
Wir sehen jetzt, dass die Roaminggebühren komplett abgeschafft werden. Das ist schön für die Verbraucher, aber es fehlen den Unternehmen dadurch etwa fünf Prozent ihrer Umsätze, und diese fünf Prozent, das sind Multimilliardenbeträge in Summe, und dieses Geld wäre eben dringend gebraucht für den Netzausbau. Und so meinen wir, wer A sagt, muss auch B sagen: Wer Investitionen anreizen will, der muss dafür sorgen, dass die Unternehmen das Geld auch dafür zur Verfügung haben und darf es ihnen nicht an der anderen Stelle aus der Tasche ziehen.
Degenhardt: Wenn Sie es schon angesprochen haben, Herr Rohleder, dann bleiben wir doch kurz beim Wohlergehen der Telekommunikationsunternehmen - damit scheint es ja momentan nicht weit her zu sein, wenn ich das richtig gelesen habe. Weil weniger Menschen simsen zum Beispiel, haben Sie doch mächtig Verluste eingefahren in Ihren Verbandsunternehmen.
Rohleder: Die Unternehmen sind gewohnt, dass sie immer mehr leisten müssen und dass sie immer weniger Geld einnehmen können, Flatrates haben maßgeblich dazu beigetragen, nicht nur bei SMS, auch bei den Sprachdiensten, dass der Markt schrumpft.
Mit Sprachdiensten wurden vor zehn Jahren noch 30 Milliarden Euro erlöst in Deutschland und heute sind es nur noch 20 Milliarden Euro, das heißt, es fehlen jedes Jahr zehn Milliarden Euro Umsatz in diesem Zehn-Jahres-Zeitraum, verglichen mit einer Situation, die wir früher hatten, und gleichzeitig müssen die Netze immer leistungsfähiger werden.
Das ist ein extrem schwieriger Spagat, den die Unternehmen hier leisten müssen, und insofern hoffen wir auch, dass der Minister für die Netzallianz etwas im Gepäck hat, Planungssicherheit auf der einen Seite, aber auch eine durchaus finanzielle Unterstützung in manchen Bereichen, wo eben die Unternehmen nicht wirklich wirtschaftlich Netze betreiben können.
Degenhardt: Von wegen wirtschaftlich die Netze betreiben können - brauchen wir denn wirklich überall das schnellste Internet? Das Ganze muss sich natürlich doch auch rechnen für Sie. Wie soll das funktionieren in dünn besiedelten Gebieten wie etwa der Uckermark oder ich nehme mal Vorpommern?
Festnetz in der Fläche
Rohleder: Nun, wir haben eine Reihe von Technologien, die untereinander in Wettbewerb stehen, dazu gehören auch mobile Technologien wie unter anderem LTE, die sich kostengünstiger, effizienter aufbauen lassen.
Es gibt ja hochinteressante, neue Entwicklungen in den Laboren, die in Kürze in den Markt kommen werden, wo wir hoch dreistellige Übertragungsraten über mobile Kommunikation zur Verfügung stellen können. Also da gibt es dann letztlich schon Möglichkeiten.
Aber wir brauchen auch Festnetz in der Fläche, wir brauchen Glasfaser in der Fläche, weil Breitband ein ganz wichtiges Strukturmerkmal ist, um eine ausgeglichene Entwicklung in Deutschland auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sicherstellen zu können. Und an der Stelle haben wir eine nationale, eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir auch alle zusammen angehen müssen und wo es nicht nur an der Wirtschaft liegen kann, ob es uns gelingt, diese strukturelle Ausgeglichenheit, die Balance zu erhalten.
Degenhardt: Aber noch mal die Frage: Brauchen wir wirklich Breitband überall mit dieser Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde?
Rohleder: Wir brauchen mehr als nur 50 Megabit pro Sekunde. Wir werden uns in 20 Jahren nicht mehr leisten können, eine hochqualifizierte medizinische Versorgung auch in entlegenen Regionen darstellen zu können.
Dafür brauchen wir zum Beispiel medizintelematische Dienste, wo also geschultes Fachpersonal in entlegenen Regionen vor Ort ist und sich dann die medizinische Expertise über die Telematik mit vor Ort holt und wo eben nicht mehr der Hubschrauber angeworfen wird und dann über die Luft der Notarzt kommt. Das ist die Zukunft, das wird medizinische Versorgung verbessern, effizienter machen, und dafür brauchen wir Breitbandnetze auch in der Uckermark.
Degenhardt: Wenn ich Deutschland mal vergleiche mit anderen europäischen Ländern, was auch die Übertragungsgeschwindigkeit angeht, dann sind wir nur Mittelfeld: Belgier und Holländer sind zum Beispiel weiter. Das ist doch auch von Nachteil für die Unternehmen hier im Lande, die ja im internationalen Konkurrenzkampf stehen.
Rohleder: Unternehmen brauchen dringend und zwingend Breitband, gerade jetzt, wo wir an der Schwelle zur sogenannten Industrie 4.0 stehen, zum Internet der Dinge, wo also auch Maschinen, Anlagen, einzelne Geräte über das Internet vernetzt werden, miteinander kommunizieren werden.
Gerade der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist nicht in den urbanen Zentren angesiedelt, sondern oft in wirklich entlegenen Regionen Baden-Württembergs, irgendwo im Wald steht dann eine tolle Fabrik von einem Weltmarktführer für Bäckereimaschinen. Und die müssen wir vernetzen können. Und insofern brauchen wir gerade für die Wirtschaft, nicht nur für die Privathaushalte, gerade auch für die Wirtschaft diese Breitbandigkeit in der Fläche.
Degenhardt: Hat da die Wirtschaft in der Vergangenheit ein bisschen einen Trend verschlafen oder hat die Politik nicht entsprechend reagiert?
Nachholbedarf im Festnetzbereich
Rohleder: Wir haben in Deutschland schwierige strukturelle Verhältnisse. Wir sind ein echtes Flächenland, anders als zum Beispiel Frankreich oder UK, wo ein Drittel der Bevölkerung in einem urbanen Großraum wohnt. Das heißt, wir haben hier andere Herausforderungen, was den flächendeckenden Netzausbau angeht, und diese Herausforderungen haben wir im mobilen Bereich sehr gut angehen können, wo wir in Deutschland als erstes Land Europas flächendeckend LTE, die neue super-breitbandige Technologie der Mobilkommunikation, ausgerollt haben. Aber wir haben Nachholbedarf insbesondere im Festnetzbereich, und den wollen wir jetzt mit der Netzallianz angehen.
Degenhardt: Bernhard Rohleder war das, der Geschäftsführer des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien, oder ganz kurz BITKOM. Wenige Tage vor der Cebit sprachen wir über die Netzallianz, digitales Deutschland und wer das alles dann unterm Strich bezahlen soll.
Vielen Dank, Herr Rohleder, für das Gespräch!
Rohleder: Danke an Sie!
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