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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.02.2020

Nena Schink über ihr Buch "Unfollow""Instagram hat mir sehr viele Momente kaputtgemacht"

Moderation: Axel Rahmlow

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Nena Schink mit einem durchsichtigen Regenschirm und in weißem Kleid in Berlin. Sie tippt auf dem Smartphone. Im Hintergrund ist der Fernsehturm zu erkennen. (Moritz Thau)
Das Problem an Instagram sei, dass man in der Realität nur noch halb anwesend ist, sagt Nena Schink, die im Selbstversucht zur Influencerin wurde. (Moritz Thau)

Sie sei Instagram-süchtig gewesen, sagt die Journalistin Nena Schink. In ihrem Buch "Unfollow" beschreibt sie den negativen Einfluss der Fotoplattform auf ihr Privatleben. Jetzt versucht Schink, anderen zu helfen, ihren Instagram-Konsum zu verringern.

Axel Rahmlow: "Eine Droge, die nicht zu unterschätzen ist", so nennt die Journalistin Nena Schink die Fotoplattform Instagram, wo sich Millionen Menschen präsentieren; wo gefühlt alle Menschen immer fantastisch aussehen, glücklich sind, gelassen sind. Sie sagt, ich war Instagram-süchtig, weil sie vor drei Jahren im Auftrag einer Zeitung einen Selbstversuch begonnen hat mit der Aufgabe, eine erfolgreiche Influencerin zu werden - also jemand, der so gut in dieser Selbstinszenierung ist, dass sich damit Geld verdienen lässt. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben, "Unfollow: Wie Instagram unser Leben zerstört". Frau Schink, wie hat Instagram denn Ihr Leben zerstört?

Nena Schink: Ich würde sagen, Instagram hat mir sehr viele Momente in der Realität kaputtgemacht. Ich glaube, ich erzähle einfach mal ein Beispiel, was ein bisschen exemplarisch dafür ist, wie Instagram mein Privatleben ab und an zerstört hat. Ich war auf Mallorca im Sommerurlaub mit meinem Freund, und anstatt dass ich diese Aussicht genossen habe und mit ihm mich unterhalten habe, habe ich mich lieber gestylt und ihn gezwungen, mich zu fotografieren. Am Ende hatten wir Streit, und er war genervt. Ich glaube, dass das Problem an Instagram ist, dass man die Realität nicht mehr wahrnimmt – also man ist da, aber man ist nur halb anwesend – und dass man nicht mehr ein tolles Outfit trägt und denkt, ach, wie schön, was für ein toller Tag heute, die Sonne scheint, sondern denkt, wo kann ich mich hier jetzt am besten fotografieren und dass man keinen Urlaub mehr macht für den Urlaub, sondern dass man Urlaub macht für das perfekte Instagram-Bild. Ich glaube, dass das sehr, sehr viele reale Begegnungen schon zerstören kann.

Rahmlow: Aber war das Instagram oder waren Sie das selbst?

Schink: Ich würde, dass es Instagram ist, weil ich habe vorher auch nie besonders viele Bilder von mir gemacht. Also ich war nie das Mädchen, was sich besonders gern hat fotografieren lassen. Ich bin sogar mal mit 16 Jahren aus einer Modelagentur geflogen, weil es mir alles zu blöd war. Ich glaube, dass es Instagram ist und die Mechanismen vor allem auch von Instagram, weil Instagram wurde ja auch eigentlich daraufhin gebaut oder wir werden darauf konditioniert, dass wir abhängig werden von diesen digitalen Herzen, und jedes digitale Herz gibt uns einen Endorphinausschuss, was sonst vielleicht passiert, wenn man verliebt ist oder, ich weiß nicht, wenn man glücklich ist oder einen tollen Film sieht. Ich glaube, dass Instagram einen dazu anregt, dass man diese digitale Bestätigung immer, immer, immer wieder braucht. Deswegen will man immer mehr Bilder posten und kontrolliert dann auch seine Likes. Ich glaube jetzt nicht, dass ich ohne die App angefangen hätte, im Urlaub darüber nachzudenken, wo ich mich jetzt am besten hinstelle. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Studien zu Instagram und Depressionen

Rahmlow: Sind Sie darauf vorbereitet, dass Ihnen Leute entgegnen werden, jetzt seien Sie doch mal nicht so kulturpessimistisch, Frau Schink?

Schink: Absolut, ich bin mir da zu hundert Prozent sicher, dass Leute mich dafür kritisieren werden oder mir sogar hinterwäldlerisches Denken vorwerfen könnten. Die Digitalministerin Dorothee Bär hat heute, weil ich sie dafür angegriffen habe, dass sie sich als Instaloverin bezeichnet, mir vorgeworfen, dass ich mit meinem Buch Angst schüren würde. Ja, natürlich, man kann jetzt sagen, dass ich hinterwäldlerisch denke oder dass ich Angst schüren möchte und gegen die Digitalisierung und gegen den Fortschritt bin, aber Studien zeigen leider, dass es nicht nur meine Meinung ist, sondern dass es auch bewiesen werden kann, dass Instagram Depressionen auslöst. Ich glaube, dass es deswegen ein ganz, ganz wichtiges Thema ist, auf die Gefahren von Social Media hinzuweisen.

Rahmlow: Jetzt kann man ja aber auch mal sagen, Instagram versucht ja schon ein Stück weit was dagegen zu tun. Die testen ja gerade, dass man unter Beiträgen nicht mehr sieht, wie viele Menschen etwas liken, sondern das sieht nur noch die Person, die es auch postet. Die Idee dahinter ist, die Leute sollen sich nicht so sehr auf das konzentrieren, was die Masse mag, sondern sollen für sich selber denken. Ist das ein richtiger Schritt?

Schink: Das wäre ein unfassbar guter Schritt. Ich würde mich sogar sehr über diesen Schritt freuen. Ich kann immer noch meine Likes sehen, und ich kann immer noch meine Followeranzahl sehen, wenn ich in mein Profil reingehe. Bei mir hat sich das noch nie geändert. Ich glaube leider, dass es einfach nur eine Reaktion von dem Facebook-Konzern auf die Kritik ist, und solange das nicht flächendeckend umgesetzt wurde, glaube ich nicht daran, sondern glaube an eine Marketingmaßnahme, um zu zeigen, wie wichtig einem die User sind, aber solange Facebook das nicht umsetzt, halte ich es für eine absolute Marketingmaßnahme, damit man Instagram nicht zu sehr kritisiert.

Selbsttest zur Instagram-Nutzung

Rahmlow: Und trotzdem haben Sie, Stand jetzt, 5.135 Abonnenten bei Instagram. Was teilen Sie denn mit denen heute?

Schink: Also derzeit teile ich eigentlich nur meine Thesen über mein Buch, weil ich habe mir damals überlegt, ich wollte ja erst Instagram löschen, weil man möchte ja auch nicht von einem ehemaligen, weiß ich nicht, Zigarettensüchtigen, also von einem Raucher, lesen, wie man mit Zigaretten aufhört. Deswegen war ich mir eigentlich sicher, dass ich die App löschen muss, auch für mich selber und auch will. Aber mir ist dann irgendwann aufgefallen, okay, wo hole ich denn die Leute ab, die Instagram vielleicht so exzessiv nutzen, wie ich es genutzt habe. Ich meine, ich habe zwei Stunden am Tag auf dem Instagram-Account von mir verbracht, das sind 14 Stunden die Woche.

Rahmlow: Das ist ordentlich.

Schink: Das ist ordentlich. Das sind hochgerechnet auf mein ganzes Leben, wären das fünf Jahre. Also wenn ich so weiter gemacht hätte, bis ich 80 bin, wären es fünf Jahre. Ich glaube nicht, dass ich die Leute damit abhole, dass ich das jetzt nur hier im Radio erzähle, sondern ich glaube, dass ich vor allem die Mädchen abhole oder auch die Jungs abhole oder auch Erwachsene abhole – es gibt ja nicht nur Jugendliche, die Instagram-süchtig sind –, wenn ich das auch auf meinem Profil jetzt teile mit meinen Thesen und meinen Ansichten.

Aber ich habe mein Profil trotzdem auf privat gestellt, obwohl es für die Vermarktung des Buches bestimmt sinnvoller gewesen wäre, es auf öffentlich zu lassen, weil ich nicht mehr möchte, dass mir jeder folgt. Ich war zum Beispiel im Sat1-Frühstücksfernsehen, und da habe ich dann ganz viele Abo-Anfragen gehabt danach, und als ich dann gesehen habe, wer mir so folgen wollte, war ich heilfroh, dass mein Profil jetzt privat ist und nicht direkt all diese Menschen Zugriff auf mein Profil hatten.

Rahmlow: Aber gibt es denn einen gesunden Weg, Ihrer Meinung nach?

Schink: Ich glaube, dass gesund ein großes Wort ist. Aber ich glaube auch, dass es einen Weg gibt, mit dem man auf sich aufpassen kann und einen verantwortungsvollen Weg, Instagram zu nutzen. Das ist definitiv, wenn man drauf aufpasst, wie viel Zeit man verbringt. Also ich glaube, jeder, der zwei Stunden auf Instagram verbringt, sollte definitiv seinen Konsum verringern. Wer jeden Tag sein Mittagessen postet, sollte es auch verringern.

Also ich habe in meinem Buch "Unfollow" einen Selbsttest hinten entwickelt, und da frage ich den Leser Fragen wie: Warum teile ich mein eigenes Leben, wie viel Zeit verbringe ich dort, was bringt es mir, mein Leben zu teilen. Ich glaube, das muss jeder für sich selber entscheiden, weil Instagram ist ja nicht das Tor zur Verdammnis und auch nicht jeder Instagram-Account, aber vor allem leider unser Nutzungsverhalten. Ich finde zum Beispiel, dass manche Politiker ganz großartig auf Instagram über Politik und ihre Arbeit berichten, aber denen folgen natürlich weniger Menschen als den Influencern. Ich glaube, mit meinem Buch kann man sich mal selber ein bisschen hinterfragen. Ich bin zum Beispiel 800 Instagram-Accounts entfolgt während meiner Recherchen, und mir fehlen die auch überhaupt nicht. Das war eher ein Gewinn meiner Zeit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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