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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.07.2018

Nelson Mandela im RückblickGallionsfigur und skeptisch betrachtete Ikone

Von Ina Hildebrandt

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Der Führer des ANC (African National Congress) Nelson Mandela grüßt mit erhobener Faust am 30.01.1994 in Rustenberg seine Anhänger. Mandela war auf einer dreitägigen Wahlkampfreise durch den Westen Transvaals. (Picture Alliance/EPA /AFP)
Nelson Mandela 1994 auf einer Wahlkampfreise. Für viele ist Mandela auch heute noch eine wichtige Ikone. (Picture Alliance/EPA /AFP)

Nelson Mandela zählt zu den großen Lichtgestalten des 20. Jahrhunderts. Doch wie steht die afrikanische Community heute zu ihm? Wir haben in Berlin nachgefragt - und dabei erfahren: Insbesondere bei der jungen Generation wandelt sich das Verhältnis.

Jumoke Adeyanju ist im Berliner Kulturleben aktiv. Sie ist Tänzerin, Kuratorin, Organisatorin von Veranstaltungen. Ihre Event-Reihe Poetry meets HipHop zieht mittlerweile ein großes Publikum an, das von ihr mitgegründete Ujamaa Culture Center in Kreuzberg bietet einen kulturellen Ort für Menschen mit afrikanischen Bezügen in Berlin.

"Seine Frau ist ja viel radikaler"

Jumoke Adeyanju hat keine südafrikanischen, sondern nigerianische Wurzeln.

"Als Jugendliche habe ich mich sehr viel mit Nelson Mandela beschäftigt. Das war die einzige schwarze, afrikanische Figur, die in der Schule so angesprochen wurde. Und deswegen habe ich damals seine Biografie gelesen und mich dann aber eher für seine Frau Winni Madikizela Mandela interessiert, weil ich dachte, woah, die ist ja viel radikaler.

Ich glaube das als Frau mit nigerianischem Background, die die diasporische Welt mit der afrikanischen Welt wieder zu connecten versucht - das ist so ein bisschen meine Inspiration, die ich aus diesem Erbe ziehe. Diese Idee von Black Unity. Diesen gemeinsamen Widerstandskampf oder Widerstandsgeist aufleben zu lassen, aber auch friedlich zusammen leben zu können."

"Das Vermächtnis Südafrikas"

Thabo Tindi lebt in Berlin und ist engagiert im Verein Mayibuye Südafrika Community. Mit Lesungen, Ausstellungen und Vorträgen pflegt der Verein eine intensive Verbindung zwischen Berlin und Südafrika.

"Nelson Mandelas Vermächtnis ist das Vermächtnis Südafrikas, weil Mandela nicht als Individuum gehandelt hat. Er repräsentierte eine Bewegung, die Bewegung repräsentierte die Menschen Südafrikas. Daher ist unsere Arbeit die Arbeit Südafrikas und somit verbunden mit dem Erbe Mandelas."

Thabo Tindi setzt sich mit Mandela auseinander, hinterfragt ihn. Zugleich aber ist Mandela für ihn eine Quelle der Weisheit.

"Er ist wie ein Buch für mich. Dabei bin ich nicht mit allem einverstanden. Aber meine Beziehung zu ihm ist, ihn zu studieren. Ihn zu verstehen bedeutet für mich, die Welt zu verstehen. Stell Dir vor, das ist ein Mann, der so lange für die Freiheit seines Volkes gekämpft hat und er kommt zurück und vergibt seinen Feinden. Das ist großartig - wer hat das schon getan?"

Aufarbeitung der Kolonialgeschichte

Dritter Stock in einem Kreuzberger Gewerbehof. Hier hat die Initiative für Schwarze Menschen in Deutschland ihren Sitz. Sie setzt sich gegen rassistische Diskriminierung und Ausbeutung in Deutschland ein. Tahir Della ist Vorstandsmitglied. Mandela steht für ihn und seinen Verein in einer Reihe großer Persönlichkeiten im Kampf für Gleichheit. Kann man Mandelas Versöhnungsidee auf die Arbeit in Deutschland übertragen?

"Natürlich treten wir auch dafür ein, dass die Gruppen, die sich in der Gesellschaft mit dem Thema Rassismus beschäftigen, sich auch irgendwann mal einem Aussöhnungsprozess hingeben müssen. Wir sehen das aktuell - Deutschland beispielsweise beschäftigt sich nach über 100 Jahren endlich mit seinem Völkermord in Namibia. Auch hier ist von Aussöhnung die Rede. Wenngleich ich doch sagen muss, bevor wir von einer Aussöhnung sprechen können, muss erstmal eine Auseinandersetzung stattfinden, eine Aufarbeitung. Und da sind wir in Deutschland noch sehr am Anfang.

Junge Schwarze sehen ihn mitunter kritisch

Thandi Sebe pendelt zwischen Berlin und Südafrika. Sie ist Theaterautorin und Schauspielerin, ist aufgewachsen in Südafrika, hat eine internationale Schule besucht und dort gelernt, wer Mandela ist: der Mann, dem Südafrika alles zu verdanken hat. Eine verbindende Figur für alle, für Schwarze und Weiße. Ein Held, der im Alleingang das Land befreit und befriedet hat, nach den Jahrzehnten der Apartheid. Eine Persönlichkeit, nach der nicht genug Straßen, Statuen und Plätze benannt werden können.

Während er für die Weißen ungebrochen diese Lichtgestalt ist, beobachtet Thandi Sebe bei jungen schwarzen Südafrikanern, dass sich ihr Verhältnis zu der historischen Gestalt Mandela verändert:

Kannst du nicht vergeben wie Mandela?

"Es kommt generell ein anderer Diskurs auf. Anfänglich war es so, dass alle nach vorne blicken und jetzt ist alles anders als damals. Und mittlerweile gibt es viele junge, politisierte vor allem schwarze Menschen, die sagen: 'Warte mal, irgendwie sind wir hier verarscht worden. Irgendwie ändert sich nichts.' Und die sagen: 'Mandela war vielleicht doch nicht so toll'. Die kritisieren ihn eher, dass er sie verkauft hat."

Thandi Sebe fällt auf, wie Mandela insbesondere von Weißen instrumentalisiert wird, wenn sich schwarze Südafrikaner über die Entwicklung in ihrem Land aufregen. Da werde "dann oft gesagt: 'Oh, seid doch ein bisschen mehr wie Mandela. Warum müsst ihr jetzt so radikal sein?' Er wird dann immer so hochgehalten und das ist dann, glaube ich, eine Gegenposition der jungen schwarzen Leuten: 'Ja, wenn ihr ihn jetzt als den Retter hochhaltet, dann kann er nicht unser Retter sein.'

Voll oft, wenn es in Südafrika um Rassismus geht, kommt natürlich das Thema Apartheid auf und irgendwann kommt dann immer: 'Ja, aber Mandela. Sei doch wie Mandela. Kannst du nicht vergeben wie Mandela?' Sobald schwarze Menschen sich aufregen über irgendeine Ungerechtigkeit, die im Rassismus verwurzelt ist, benutzen weiße Menschen Mandela, um ihnen die Wut abzuschreiben, weil Mandela ja nicht wütend war."

"Wir brauchen Gegenstimmen"

Bei einer Lesung treffe ich Mandla Langa, einen südafrikanischen Lyriker und Romanautor, einen Zeitgenossen Mandelas. Er hat gerade das Buch "Dare not Linger" über die Präsidentschaftsjahre Mandelas veröffentlicht.

"Ich denke, die Menschen sollten darüber sprechen, was Führung heute bedeutet. Wenn wir uns die Welt heute anschauen, sehen wir, dass es eine Menge Leute gibt, die einfach ankommen und eine Führung bieten, die Intoleranz und Hass befördert. Wir brauchen Gegenstimmen. Als Mandela noch da war, war er so eine Stimme. Er rief Bush an und sagte: 'Was du da tust, ist nicht richtig.' Heute kann niemand mehr niemanden anrufen.

Er ist nach wie vor eine Inspiration auch wenn er nicht mehr länger unter uns ist, weil er uns eine Vorlage gegeben hat. Er gab uns etwas, dem wir nacheifern und imitieren können. Aber viel wichtiger, etwas zu versuchen und es besser zu machen als er."

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