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Studio 9 | Beitrag vom 12.11.2020

Neil Young zum 75. GeburtstagDer sentimentale Zerstörer

Von Laf Überland

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Der Sänger und Gitarrist Neil Young bei einem Konzert im Londoner Hyde Park 2019. (imago images / PA Images / Richard Gray)
Wenn einer minutenlang nur eine Note spielen kann, dann er: Neil Young 2019 im Londoner Hyde Park. (imago images / PA Images / Richard Gray)

Neil Young hat mehr als 60 Alben aufgenommen. Die pendeln zwischen Country-Idylle, hartem Rock 'n' Roll und Feedbacklärm. Dabei geht es ihm im Grunde nur um zwei Dinge: Sound und Haltung.

Neil Percival Young: Mit seiner Gitarre kam er aus Kanada in dieses diffuse kalifornische Kontinuum, in dem man damals meinte, mit Songs könne man die Welt verbessern. Er spielte bei Buffalo Springfield, mit Crosby, Stills und Nash und ließ sich dann nicht mehr aufhalten, der große, singuläre Neil Young zu werden!

In den Siebzigern galt er als "Mädchensänger", dem Kritiker schon mal ein "präadoleszentes Jaulen und Jammern" attestierten, aber nach einer Weile sprach sich herum, dass er eigentlich ein sentimentaler Zerstörer war.

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Neil Young ist einer der ausdrucksstärksten Gitarristen, die eigentlich gar nicht Gitarre spielen können, weshalb er früher zwölf Marshall-Verstärker hintereinanderschaltete, bis der Sound nur noch ein elektrisches Röcheln der Gitarrenseele war – auf seiner alten, schwarz angestrichenen und immer wieder reparierten Gibson Les Paul, die nur sieben Jahre jünger ist als er selbst.

Manchmal spielt er eine Minute lang dieselbe Note, quält sie, zerrt an ihr, um dann wieder die Songs zu Gebirgen von Lärm zu zerfetzen, zusammen mit dem jeweiligen anderen Gitarristen seiner verschiedenen Bands, wie in E-Gitarren-Trance!

Elektrisch spielt Neil Young extrem schräg, dabei gleichzeitig extrem geradlinig – und definitiv so kompromisslos, dass es immer wieder wehtut. Aber wenn ihn etwas berührt, dann wird er eben sehr impulsiv.

Manchen geht er grundsätzlich auf den Wecker

Und so polarisiert Neil Young ungeheuer: Manchen geht er praktisch mit allem, was er tut, auf den Wecker: mit seinem Öko-Straßenkreuzer-Spleen und seinem schweineteuren Hifi-Mobilplayer, mit seinen Appellen und den Protestfilmen, die er zusammen mit seiner dritten Frau, der Schauspielerin und Umweltaktivistin Darryl Hannah, produziert.

Und manchmal nervt einen, immer wieder mal, auch schlicht die Musik: Wenn er zum Beispiel Lust hat, seine Knaller als Hillbilly-Country zu spielen oder die Songs von Freunden mit Grammophontechnologie aufnimmt.

Und er schockierte geradezu, als er, nachdem seine Plattenfirma ihn verklagt hatte, weil er keine repräsentativen Rockplatten mehr machte, ein gruseliges Rockabilly-Album aufnahm. Und als er wie ein Neandertaler mit teuren Synthesizern rumexperimentierte.

Wenn Hörer nicht verstanden, was Onkel Neil da eingespielt hatte, mussten sie sich eben da reinarbeiten, denn Neil Young will keine Fans, die ihn anbeten, sondern Begleiter, die mit ihm durchs Leben gehen. Für die veröffentlicht er seit ein paar Jahren unaufhörlich neue Platten mit Mitschnitten von historischen Konzerten, neu aufpolierte alte und ganz neu eingespielte Alben.

Benefizfestival für behinderte Kinder

Daneben organisiert er jährlich ein Benefizfestival für Schulen für behinderte Kinder (sein Sohn Ben ist schwerstbehindert), und mit Willie Nelson zusammen stellt er seit 35 Jahren "FarmAid auf" die Beine – für Farmer, die wegen der allgemeinen Modernisierung ihre Farmen aufgeben müssen. Inzwischen heißt ein Problem Monsanto, und gegen den Genkonzern hat Young ein ganzes Album eingesungen.

Der Kanadier aus Kalifornien hat seinen Finger immer mitten in die Wunden gelegt, er hat Songs über Fanatismus und die Naturzerstörung geschrieben, über das Indianerleben, über das faschistoide Alabama, über Männer und wie sie Frauen fertigmachen, über Frauen und wie sie Männer fertigmachen, über Drogen und wie sie seine Freunde fertigmachen, über Waffen und über Politiker, wie sie die Welt fertigmachen.

Zuletzt wandte er sich natürlich, wo es nur ging, gegen Donald Trump. Doch mit dessen Abwahl wird Neil Youngs Gemüt keine Ruhe finden: Da die Welt nun mal ist, wie sie ist, wird Young wohl bis an sein seliges Ende – neben zarten Liedern über das Leben – auch immer wieder in das herzliche Zerstören von Musik verfallen. Und er wird ja gerade mal erst 75!

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