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Tonart | Beitrag vom 06.06.2019

Neil Hannon von Divine Comedy"Das Gestern war besser"

Moderation: Andreas Müller

Neil Hannon von der Popgruppe The Divine Comedy (Ben Meadows)
Neil Hannon: "Ich habe kein Problem damit, der Vergangenheit hinterher zu jammern" (Ben Meadows)

Neil Hannon von Divine Comedy kann mit der digitalen Welt nichts anfangen. Auf dem neuen Album "Office Politics" besingt er in opulenten Songs analoge Zeiten und präsentiert eine Serienidee über Steve Reich und Philip Glass.

Andreas Müller: Für Ihr aktuelles Album "Office Politics" haben Sie 16 Songs geschrieben, über den Alltag in einem Büro, über die unterschiedlichen Charaktere, das Schicksal der kleinen Angestellten. Es geht um Maschinen. Es geht auch um die ganz einfachen Sachen wie Gier und Liebe. Manchmal habe ich auch das Gefühl, es ist eine Sehnsucht nach einem besseren Gestern. Vermissen Sie die Zeit vor dem Internet?

Neil Hannon: Ja. Das Gestern war besser. Ich habe kein Problem damit, der Vergangenheit hinterher zu jammern, wie ein Tier in der Wildnis. Zwei Drittel der Technologien, die wir heute haben, ergeben für mich keinen Sinn. Die machen nichts besser, die machen das Leben nur schwerer. Aber das soll jetzt nicht so klingen, als würde das Album zu Depressionen führen. Das bin nur ich, der sich einen Spaß erlaubt.

"Alles, was ich über Büros weiß, habe ich im Fernsehen gelernt"

Müller: Zumal Sie ja vor über zehn Jahren die Musik für eine britische Sitcom namens "The It" oder "IT Crowd" geschrieben haben, die ja auch in einem Büro spielt. Und da geht es eben tatsächlich um das Leben in der IT-Abteilung einer Firma.

Haben Sie daher eigentlich Ihr Wissen über die sozialen Strukturen eines Büros?

Hannon: Alles, was ich über Büros weiß, habe ich im Fernsehen gelernt. Oder in Büchern gelesen. Aber davon abgesehen: Ich bin schon ab und zu mal in einem Büro anzutreffen. Die Bürowelt ist also nicht total fremd für mich. Aber letztlich haben Sie recht: Ich bin der Letzte, der über das Leben in einem Büro singen dürfte. Allerdings ich habe schon immer über Dinge geschrieben, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich habe meine Fantasie, und ich setze sie ein.

Vorliebe für Klischees

Was meine Einflüsse angeht: Da fühle ich mich von altmodischen Fernsehserien wie "The Rise And Fall Of Reginald Perrin" aus den 70ern sehr beeinflusst. Genauso von "Whatever happened to the Likely Lads". Ich liebe die Mode von damals, und die Klischees.

Manche Leute versuchen, Klischees zu vermeiden. Aber ich finde die sehr hilfreich. Wenn Du Klischees sozusagen über Kreuz legst, musikalische und erzählerische – das Cover zum Album ist ja so ein Mischmasch unterschiedlicher Stile aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Wenn man das kreuzt, finde ich das gut. Anachronismen helfen mir.

Sitcom über Steve Reich und Philip Glass

Müller: Und Sie haben ja auch sogar eine eigene Idee für eine Sitcom auf dieser Platte. Nämlich da gibt es das Lied "Philip’s and Steve’s Furniture Removal Company". Und dem stellen Sie sozusagen ein Field-Recording vorab, indem Sie auf ein Diktaphon oder iPhone diese Idee sprechen. Das Ganze soll in den frühen Jahren von Steve Reich und Philip Glass im New York der 60er spielen. Also die beiden haben eine Möbelpacker-Firma sozusagen. Und dann singen Sie das hinein in dieses Gerät, und dann kommt der Schnitt, und der Song beginnt. Und tatsächlich ist es dann Minimal Music, die da spielt.

Ich glaube, vielen Leuten wäre das a) nicht eingefallen und b) total misslungen. Ich habe mich halbtot gelacht, als ich das gehört habe. Das ist absolut brillant, unglaublich witzig. Wo nehmen Sie das alles her?

Hannon: Ich weiß, das ist irre. Es ist noch nicht mal ein Song, es ist ein Ding. Ich habe diese Geschichte aus einem Zeitungsartikel. Darin ging es um die Zeit, als Philip Glass und Steve Reich gerade die Musikhochschule in New York verlassen hatten. Da mussten sie Jobs annehmen, um über die Runden zu kommen, eben Möbel durch die Gegend tragen. Und ich finde, das passt super zur Musik, die sie zu der Zeit gemacht haben.

Also habe ich ein bisschen mit der Idee herumgespielt. Ich fand es super lustig, die Geschichte als Sitcom aufzuziehen. Sowas finde ich lustig. Das Voice Memo war der Ausgangspunkt: Was würde passieren, wenn es diese Sitcom geben würde? Das Bizarre ist: Das berührt mich. Und ich weiß nicht, warum. Ich sollte öfter so arbeiten.

Brexit: "Was zur Hölle ist hier eigentlich los?"

Müller: "Office Politics" – ist das jetzt eigentlich auch ein politisches Statement. Oder geht es nur um Ästhetik? Sie sind ja jemand, der viel mit Ironie an solchen Dingen arbeitet. Was war die Idee dahinter?

Hannon: All das. Politik ist mir wichtig, ich habe sogar fast schon Spaß an Politik. Diese ganze Brexit-Geschichte ist für mich eine bittersüße Angelegenheit. Einerseits glaube ich, dass wir gerade dabei zugucken, wie die britische Politik den Bach runtergeht. Andererseits fasziniert mich das auch. Ich kann gar nicht damit aufhören, mir all die Debatten und Wahlergebnisse anzusehen.

Auf dem Album geht es aber um die westliche Politik überhaupt, als eine alles umschließende Angst. Ich spreche das in den Songs allerdings nicht direkt an, mit einer Ausnahme: "Dark Days Are Here Again". Das ist schon sehr nahe dran an der Frage: Was zur Hölle ist hier eigentlich los?

Müller: Wir sind ja hier im Gespräch lange bevor die Platte erscheint. Sie sind auf Promotour. Das ist jetzt Wochen bevor die Platte rauskommt. Wir können gar nicht so konkret über den Brexit sprechen. Trotzdem liegt die Frage nah: Warum nicht gleich ein Konzeptalbum darüber? Warum haben Sie kein Brexit-Album gemacht?

Hannon: Ich glaube, wenn, dann müsste man eher eine tragische Oper darüber schreiben. Irgendjemand wird das schon noch machen. Aber nicht unbedingt ich. Ich habe mal versucht, eine halbstündige Oper zu schreiben, für ein Festival in der Royal Opera. Und, richtig gut war das nicht, was ich da gemacht habe. Ich habe mein Bestes getan. Aber das soll lieber jemand anderes machen. Wer könnte das wohl? Vielleicht mein Freund. Der ist jetzt ein toller klassischer Komponist. Ich werde das Libretto beisteuern.

Ein Doppelalbum im Streaming-Zeitalter

Müller: Sie haben über "Office Politics" voller Stolz verkündet: "Ich habe euch doch schon immer gesagt, dass ich eines Tages ein Doppelalbum machen würde." Nun gibt es im digitalen Zeitalter ja eigentlich gar keine Doppelalben mehr. Ist das ein guter Witz, oder stimmt Sie das eher traurig?

Hannon: Ich habe ein Doppelalbum gemacht. Ist mir egal, was die anderen sagen. Und wenn man an die Vinyl-Ausgabe denkt, dann müssen das zwei Scheiben sein. Beweisführung abgeschlossen. Was CDs oder Downloads oder Streaming angeht, klar, da ist das ganz egal. Aber was den acht Jahre alten Neil in mir angeht: Ich habe das 70-minütige Album "Out Of The Blue" vom Electric Light Orchestra als Herausforderung gesehen, und das Ergebnis steht dem in nichts nach.
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