Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 17.12.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.02.2006

Negativ dargestellt

Wie der Prophet Muhammed in Europa lange gesehen wurde

Von Abdul-Ahmad Rashid

Podcast abonnieren
Islamische Demonstranten verbrennen wegen der Muhammed-Karikaturen vor der dänischen Botschaft in Teheran eine Flagge. (AP)
Islamische Demonstranten verbrennen wegen der Muhammed-Karikaturen vor der dänischen Botschaft in Teheran eine Flagge. (AP)

Vor einigen Jahren ereignete sich in Bologna folgender Vorfall: Die Polizei nahm eine Gruppe marokkanischer Muslime fest, weil sie verdächtigt wurden, einen Anschlag auf die Basilika San Petronio vorbereitet zu haben. Sie hätten ein Fresko zerstören wollen, auf dem der Prophet Muhammad in der Hölle dargestellt wird. Diese Vorstellung ist nur ein Beispiel dafür, wie negativ man lange Zeit Muhammad in Europa dargestellt hat.

Schon sehr früh begannen die Theologen in den Reihen der orientalischen Christen, sich mit der Person Mohammads auseinander zu setzen. So stammt eine der frühesten Schriften über den Islam aus der Feder des orthodoxen Theologen Johannes von Damaskus. Anfang des achten Jahrhunderts verfasst dieser ein großes dogmatisches Werk, in dem er sich auch über die Muslime äußert. Der Erlanger Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin:

"Darin ist ein Unterbuch, heißt 'Über die Häresien'. Und da ist als letztes Kapitel ein Kapitel eingefügt über die, wie er es nennt, (...) die Sekte der Ismailiten. Also, damit sind in seiner Terminologie die Nachkommen Ismails gemeint, also die Araber, (...) und da steht auch etwas über Mohammed drin."

In seinem Traktat bezichtigt der christliche Theologe Muhammad als "falschen" Propheten, der eine Irrlehre ins Leben gerufen habe. Ein folgenschwerer Vorwurf denn von hieran wurde das Prädikat "Pseudoprophet" zur Standardbezeichnung Muhammads in unzähligen Werken christlicher Polemik gegen den Islam. Entscheidend für die Beschäftigung mit der Person Muhammads sowie ihrer negativen Beurteilung war für die christlichen Theologen jedoch vor allem die Konkurrenzsituation: Im Vergleich zu Jesus sollte Muhammad abgewertet werden. Die vor einigen Jahren verstorbene Bonner Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel:

"Weil er eben der Gründer einer Religion war, die nach dem Christentum kam, und da es nach dem Christentum nach christlicher Auffassung keine andere Offenbarung geben kann, denn das Christentum ist für alle geschickt worden, und da war das völlig unmöglich, dass jemand eine andere Religion begründete, und die auch noch zu allem Unglück für die Christen erfolgreich war."

Im Mai 1453 erobern die Türken Konstantinopel, die letzte Bastion des alten oströmischen Reiches. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts waren die türkischen Armeen auf den Balkan vorgestoßen. Kurze Zeit später stehen sie vor Wien. Ein Gefühl der Bedrohung breitet sich in Europa aus. Dies hat auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Islams sowie auf die der Person Muhammads. In Deutschland ist es vor allem Martin Luther, der diese Ängste formuliert. Der Journalist und Islamkenner Salim Abdullah:

"Es gibt ja ein berühmtes Kirchenlied: 'Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort', was heute also noch sehr, sehr gerne in den Kirchen gesungen wird. Das hieß in der ursprünglichen Fassung ‚Erhalt‘ uns, Herr, bei Deinem Wort und schütz‘ uns vor der Türkenmord, die Jesum Christum, Deinen Sohn, stürzen wollen von seinem Thron‘. Mit dem Thron Jesu Christi war Wien gemeint, da ja das Schwert des Kaisers die weltliche Macht der Kirche war. Und deswegen hat Luther ja auch ... die evangelische Ritterschaft aufgerufen, tapfer gegen die Türken zu ziehen."

Muhammad, der bislang als der Prophet der Araber galt, wird jetzt zur Verkörperung der türkischen Bedrohung. Und als Luther, der sein Wissen ausschließlich durch die Lektüre italienischer Autoren bezogen hatte, 1542 erstmals eine Übersetzung des Korans liest, bezichtigt er Muhammad als falschen Propheten, der seine Offenbarungen vom Teufel erhalten habe und bezeichnet ihn als den "Anti-Christ":

Bobzin: "Im 16. Jahrhundert hat Luther (...) die Auffassung gehabt, nicht nur er alleine, dass eben die Türken ein Zeichen der nahenden Endzeit sind, also des nahenden Weltendes. Luther war zutiefst davon überzeugt, daß, wenn nicht er das Weltende selbst erlebt, aber zumindestens seine unmittelbaren Nachkommen. Und dann kann man natürlich, wenn man in einem solchen Denkschema verharrt, dann findet man natürlich in der Bibel, in den biblischen Prophezeiungen (...) eine Reihe von Parallelen (...) und kann dann eben auch die Türken einordnen, und den Islam einordnen, so merkwürdig uns heute eine solche Argumentation erscheinen mag, aber zum Beispiel für Luther war es eigentlich die einzige vernünftige Möglichkeit jetzt die Türken einzuordnen in sein Geschichtsbild."

Doch gab es im Abendland keineswegs nur negative Muhammadbilder: So eröffneten sich im Zeitalter der Aufklärung neue Sichtweisen, vor allem dank der Veröffentlichung einer immer größer werdenden Zahl arabischer Originaltexte:

Bobzin: "So findet man zum Beispiel in der Mitte des 17. Jahrhunderts schon durchaus Darstellungen jetzt der islamischen Geschichte auch, also nicht nur der Entstehung des Islam, sondern auch der islamischen Geschichte, die eben jetzt auf authentischen islamischen Quellen beruhen."

Eine erste positive Bewertung der Person Muhammads fand in Europa im frühen 18. Jahrhundert statt: Henri de Boulainvilliers, ein französischer Adliger, stellte in seinem Werk zum ersten Mal den Propheten des Islam als positive Kraft dar. Dies beeinflusste im Laufe des Jahrhunderts auch andere Dichter und Denker. Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel:

"Voltaire hat zwar in seinem Drama Muhammad als den verlogenen, machtlüsternen Propheten dargestellt, aber für ihn war das nicht so sehr Muhammad; er wollte damit den katholischen Klerus treffen. Und dann haben wir plötzlich bei Goethe diese außerordentliche Wertschätzung des Propheten. Seit Goethe erscheint der Prophet in der deutschen Literatur nicht mehr als die Unperson, als der Rachsüchtige und Sinnliche, sondern er wird in seiner Einzigartigkeit als Gefäß des göttlichen Wortes und als Führer seiner Gemeinschaft gesehen. Es sind natürlich nur wenige, die das getan haben."

Doch auch wenn europäische Gelehrte und Literaten seitdem bemüht waren, ein positiveres Bild Muhammads zu zeichnen, gelang es ihnen nicht, viele der jahrhundertealten Vorurteile zu beseitigen. Noch einmal der Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin:

"Wenn Sie einmal eine Quizsendung sehen und so Fragen hören zum Islam, ... oder was ich so erlebe, was mir so an Fragen gestellt wird bei Vorträgen, muss man eben nach wie vor davon ausgehen, dass eigentlich sehr wenig über Muhammad und das Leben Muhammads bekannt ist. Es ist eben nicht viel mehr als ein Name, mit dem sich also (...) bestimmte Begriffe wie Eroberer, vier Frauen, oder noch mehr Frauen, verbinden, und sicher das bloße Faktum: Gründer des Islam. Aber sehr viel mehr Einzelheiten sind im öffentlichen Bewusstsein nicht da. Also, man kann eigentlich sagen, Muhammad ist der große Unbekannte der Weltgeschichte."

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur