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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.05.2009

Neben der Spur

Sara Shilo: "Zwerge kommen hier keine", Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009, 298 Seiten

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In ihrem Debütroman setzt sich Sara Shilo - selbst Kind irakisch-syrischer Einwanderer - kritisch mit ihrer israelischen Heimat auseinander. (AP)
In ihrem Debütroman setzt sich Sara Shilo - selbst Kind irakisch-syrischer Einwanderer - kritisch mit ihrer israelischen Heimat auseinander. (AP)

Einwanderer werden oft zu Außenseitern gemacht - auch in Israel, dem Einwandererland schlechthin. Die israelische Autorin Sara Shilo hat sich in ihrem Debütroman "Zwerge kommen hier keine" diesem Thema angenommen. Mit scharfem Blick beschreibt sie Situationen, in denen eine marokkanische Familie wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt wird.

Sara Shilos Debütroman hielt sich in Israel monatelang auf Platz Eins der Bestsellerlisten, weil sie den Blick auf Menschen gelenkt hat, die am gesellschaftlichen Rand leben und literarisch bislang keine Stimme hatten. Es sind Marokkaner, die in den 60er Jahren einwanderten. Einquartiert in dürftigen Wohnsiedlungen so genannter Entwicklungsstädte oder in abgelegenen Grenzregionen, haben sie und ihre Kinder es aufgegeben, sich zu assimilieren und das heißt auch, fehlerfrei Hebräisch zu sprechen. Sara Shilo hat Monologe geschrieben, deren grammatikalisch falscher, verstörend wilder Sprechfluss einen wahrhaftigen und poetischen Ton erzeugt.

Zwerge, die im Verborgenen anfallende Arbeiten erledigen, existieren in der Welt der Witwe Simona allein als Sehnsucht. Sara Shilo konfrontiert uns unmittelbar mit dem Leid einer alleinerziehenden Mutter. Sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes, des Falafelkönigs Mass’ud, hockt sie sich nachts auf einen Fußballplatz und hofft inständig, dass eine niedergehende Katjuscha sie tödlich treffen möge. Ihre sechs Kinder warten derweil im Schutzbunker auf das Ende des Raketenangriffs aus dem Südlibanon.

Der ungefilterte Gedankenstrom der "halblebigen" Simona lässt das Ausmaß ihrer Einsamkeit leicht begreifen. Die Gemeinde der orientalischen Juden versucht, Witwen schnell in ein Korsett lähmender Verhaltensregeln zu zwingen. Simona rebelliert gegen die als Sorge getarnte Herrschsucht, sie weigert sich, wie "tot auf der Erde rumzulaufen", sie sperrt sich gegen den tradierten Glauben an den bösen Blick. Da sie nicht den Mut findet, ihre beiden jüngsten Kinder vaterlos zu erziehen, baut sie vor den Zwillingen ihren ältesten Sohn zum Vater auf; ein Missbrauch, der die ganze Familie in ein Netz aus Lügen verstrickt. Die Monologe von vier Kindern kreisen um diese Überforderung und Schuld.

Sara Shilo selbst hat als Kind irakisch-syrischer Einwanderer in Israel die Erfahrung gemacht, "anders" zu sein als die aus Europa kommende Mehrheit. Wie ihre Figuren lebt auch sie mit ihrer Familie im Grenzgebiet zum Libanon. Es war eine Region, in der der ultraorthodoxe Rabbi Kahane, dessen Kach-Partei 1986 verboten wurde, bevorzugt auf Stimmenfang ging.

Mit scharfem Blick beschreibt die 1958 geborene Autorin Situationen, in denen Leute wegen ihrer Herkunft, oder wegen körperlicher Versehrtheit - eines von Simonas Kindern ist behindert - ausgegrenzt werden. Und sie schildert die Strategien der Gegenwehr. Das kann beispielsweise der kriminelle Raubzug sein, für den man sich, um den Beutehunger zu steigern, eine Vita als arabischer Terrorist phantasiert, oder die Liebe zu einem Wildvogel, der sich nicht domestizieren lässt. Es kann aber auch das stille Festhalten am Traum vom bescheidenen sozialen Aufstieg sein oder der unbedingte Wille zur Ehrlichkeit. Dass dieser allerdings in einwandfreiem Hebräisch ausgedrückt wird und nicht in der sonst durchweg verwendeten gebrochenen Sprache, ist ein klares Plädoyer für die Sprache als Mittel der Selbsterkenntnis und -ermächtigung. Sprechen und denken bilden eine unzertrennliche Einheit.

Zärtlich und kraftvoll, nüchtern und poetisch ist die Sprache der in Deutschland noch unbekannten Erzählerin Sara Shilo. Die eigenwilligen Charaktere, die sie geschaffen hat, sind keine Opfer. Sie wollen leben, die Randzone verlassen, sich Gehör und Achtung verschaffen - bescheiden, wie der 12-jährige Dudi, der weiß, dass sein Kopf nicht wie ein "Betonmischer" arbeitet. Seine Gedanken fahren wie der Wind in eine Plastiktüte und wehen fort. "Und nach fünf Minuten findest du keinen Menschen mehr, der mitgekriegt hat, dass ein Gedanke von Dudi auf die Welt gekommen ist".

Besprochen von Sigrid Brinkmann

Sara Shilo: "Zwerge kommen hier keine"
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009
298 Seiten, 14,90 Euro

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