Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 21.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Buchkritik | Beitrag vom 14.09.2018

Neal Shusterman: "Kompass ohne Norden"Tiefer Blick ins Unterbewusstsein

Von Sylvia Schwab

Beitrag hören Podcast abonnieren
"Kompass ohne Norden": Nicht leicht zu lesen und beunruhigend (picture alliance / dpa / Felix Hörhager / Hanser Verlag)
"Kompass ohne Norden": Nicht leicht zu lesen und beunruhigend (picture alliance / dpa / Felix Hörhager / Hanser Verlag)

Neal Shusterman hat einen autobiografisch gefärbten Jugendroman geschrieben, der die Schrecken einer bipolaren Störung beschreibt. Die Geschichte ist kunstvoll konstruiert und schlägt Brücken von der Krankheit zur Kunst, von der Psychologie zur Literatur.

Der US-amerikanische Jugendbuchautor Neal Shusterman hat schon viel veröffentlicht. Fiction und Non-Fiction ist dabei, Fantasy und Reality, außerdem eine Menge Erzählungen und sogar Gedichte. Im Jahr 2015 erschien sein autobiographisch initiierter Roman "Challenger Deep", gerade ist er unter dem deutschen Titel "Kompass ohne Norden" erschienen.

Der 15-jährige Caden leidet immer häufiger unter Panikattacken, Ängsten und Zwangsgedanken. "Da ist etwas in meinem Kopf" – heißt es einmal - ,"das unberechenbar und bedrohlich ist". Kein Wunder, dass er nach und nach seine Freunde verliert, dass seine Eltern sich immer mehr Sorgen machen, einen Therapeuten einschalten und Caden schließlich in eine Klinik einweisen lassen.

Hier rutscht Caden noch tiefer in einen dunklen Abgrund aus Schrecken und Selbstverlust hinein. Dass es ihm am Schluss gelingt, diesem Leid zu entkommen und seiner bipolaren Störung ins Gesicht zu sehen, hat er nicht nur einem guten Arzt und vielen Pillen zu verdanken, sondern auch einer Portion Mut und Glück.

Chaotische Gefühls- und Gedankenwelt

Neal Shusterman kennt dieses Krankheitsbild aus der eigenen Familie, und man spürt in fast jedem Satz, dass er Cadens Leidensgeschichte, seine chaotischen Gefühle und Gedanken unmittelbar miterlebt hat. Die grausamen Träume und Halluzinationen des Jungen werden – in der Ich-Form – unmittelbar spürbar. Seine vollkommene Verunsicherung – die Frage, was ist Realität, was ist Einbildung – verunsichert auch den Leser.

Cadens labyrinthische Gedankenschleifen wirken wie die unendlichen Treppen eines Escher-Bildes. Und seine wachsenden Ängste drücken sich in schmerzhaften Bildern aus.

Diese Geschichte wäre nur schwer auszuhalten, wenn es nicht eine zweite, bunte, abenteuerliche Erzählebene gäbe. Auch hier erzählt Caden selbst, aber er befindet sich in einer vollkommen anderen Umgebung. In einer Fantasy-Szenerie, auf einem Schiff, mitten auf dem sich unendlich ausbreitenden Meer.

Ein grausamer Kapitän, Ungeheuer und Stürme

Geführt wird dieses Schiff von einem grausamen Kapitän, der alle und alles überwacht, der Steuermann spricht in Reimen, die anderen Schiffsjungen leiden wie Caden unter der Unterdrückung. Ungeheuer und Stürme bedrohen das Schiff, das eine geheime Mission erfüllt. Und Caden ist dazu eine Schlüsselfigur, er weiß nur nicht wie und warum.

Diese Seeräuber-Szenerie wirkt mit ihren pathetischen Aktionen, märchenhaften Figuren und bedeutungsvollen Motiven recht knallig und dick aufgetragen. Dass es auch hier um Cadens Krankheit geht, ist klar. Mit der Zeit ergeben sich jedoch immer mehr Querverbindungen zur Wirklichkeit, und was anfangs übertrieben bedeutungsvoll und ein wenig nervig wirkte, bekommt seinen Sinn.

Es wird immer klarer, dass wir hier mitten in Cadens Unterbewusstsein und seine Halluzinationen hineinblicken. Bis sich die beiden Erzählebenen auf sehr kunstvolle Weise miteinander verbinden und schließlich ineinander auflösen. Was bedeutet, dass sich auch Cadens beide Bewußtseinshälften langsam wieder zusammenfügen.

Verrückt oder normal: Alles ist relativ

Neal Shusterman hat einen bestürzenden Jugendroman geschrieben, der nicht leicht zu lesen, dafür aber umso beunruhigender ist. Er beschreibt auf sehr eindringliche Weise den Abgrund einer psychischen Krankheit und besitzt zugleich einen Humor, der aus der Erkenntnis kommt, dass alles, das Verrückte wie das Normale, relativ ist.

Dazu schlägt er eine Brücke von der Krankheit zur Kunst, von der Psychologie zur Literatur: Denn beide bedienen sich der Bilder, um tiefe Erkenntnisse zu vermitteln und zu heilen.

Neal Shusterman: Kompass ohne Norden
Hanser Verlag, München 2018
335 Seiten, 19,00 Euro
Ab 14 Jahre

Mehr zum Thema

Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler - Lesen und schreiben, um zu überleben
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 22.6.2018)

Schriftstellerin Marit Kaldhol - Tod in Kinderbüchern
(Deutschlandfunk, Bücher für junge Leser, 9.6.2018)

Deutscher Jugendliteraturpreis - Junge Juroren diskutieren Lesestoff für junge Leute
(Deutschlandfunk, Bücher für junge Leser, 24.3.2018)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur