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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.11.2009

Naziklamauk mit nacktem Hitler

"Sein oder Nichtsein" am Deutschen Theater

Von Hartmut Krug

Deutschen Theater in Berlin (AP)
Deutschen Theater in Berlin (AP)

Die Nazi-Parodie von Ernst Lubitsch "Sein oder Nichtsein" kam 1942 in Amerika in die Kinos. Eine - nicht allzu gelungene - Bühnenversion inszeniert nun der Regisseur Rafael Sanchez am Deutschen Theater in Berlin.

Immer wieder wird darüber gestritten, mit welchen Darstellungsformen sich heute Künstler an Hitler und dem Nationalsozialismus versuchen dürfen. Mittlerweile gibt es ein Hitler-Musical, Roberto Benignis Film gewinnt einer KZ-Handlung verschmunzelte Rührung ab, während ein bildender Künstler das KZ mit Legosteinen nachbaut und ein Karikaturist es mit Mickey-Maus-Figuren bevölkert, und schließlich Tarantino sich mit seinem Film "Inglorious Bastards" durchaus auf Lubitsch bezieht.

Als Ernst Lubitsch Film "Sein oder Nichtsein" 1942 in Amerika herauskam, wurde er zunächst allein deshalb zum Misserfolg, weil er die Nazis auch als einfache Menschen zeigte. Das ist heute, nicht nur durch den Film-Hitler von Bruno Ganz, auf vertrackt falsche Weise kein Tabu mehr.

Die Nazis in Ernst Lubitsch' Film sind Knallchargen und Klischees, und sie sind zugleich ganz normale und tödlich gefährliche Menschen. Auf genial spielerische Weise legt Lubitsch nationalsozialistische Handlungs- und Wesensstrukturen frei und stellt ein sich durchdringendes politisches und privates Verhalten zwischen Gewalt und Gemütlichkeit aus.

Die Nazis erscheinen als Schmierenschauspieler der Weltgeschichte. Das zeigen die polnischen Schauspieler, die in Warschau morgens eine "Gestapo"-Komödie proben und abends Shakespeares "Hamlet" zeigen. Deren Ensemblestars Maria und Josef Tura sind ein künstlerisch konkurrierendes Ehepaar. Die Frau bestellt einen Verehrer stets zu Beginn des "Sein oder Nichtsein"-Monologs aus dem Zuschauerraum zu sich, was den Hamlet-Darsteller Josef in existenzielle Schauspieler-Verzweiflung treibt.

Lubitsch schuf eine politische Komödie, in der es um menschliche Eitelkeiten und Leidenschaften und auch um das Wesen des Theaters geht. Der Einmarsch der Nazis in Polen lässt die Schauspieler in ein aberwitziges Verwechslungsspiel geraten, bei dem die polnische Untergrundbewegung und das Leben der Schauspieler auf dem Spiel stehen, weshalb sie Nazis, ja selbst Hitler darstellen müssen.

"Noch ist Polen nicht verloren", so heißt die Bühnenversion des Films von Jürgen Hofmann, die seit 1989 von vielen Theatern gespielt wurde, und die auch das Deutsche Theater bis zur Bauprobe ankündigte. Dann wurde daraus kommentarlos "Sein oder Nichtsein" von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch in einer Fassung des Deutschen Theaters. Der englische Autor zwang dem Theater seine bei der Uraufführung in New York im vergangenen Jahr grandios durchgefallene Version auf, weil er sich die Rechte von einer Filmfirma gekauft hat, während Jürgen Hofmann sie seit Langem von einer Tochter des Drehbuchautors besaß.

Es ist schwer fest zu stellen, wer juristisch, aber umso einfacher, wer künstlerisch im Recht ist. Denn während sich Hofmanns eng an der Vorlage bleibende Version dramaturgisch und politisch auf der Höhe von Lubitsch' Film bewegt, orientiert sich Whitbys Fassung mehr an äußerlicher Unterhaltung. Enttäuschend, dass das Deutsche Theater, nur damit der Eiserne Vorhang hoch geht, diese Fassung annahm. Weder wurde der Vorgang öffentlich gemacht, noch scheint es am Deutschen Theater kluge Dramaturgen zu geben, die Einspruch gegen Whitbys schludrige Version einzulegen bereit waren.


Das Unglück will es, dass Regisseur Rafael Sanchez, der mit Barbara Weber das kleine Züricher Theater am Neumarkt leitet, für seine Inszenierung im Großen Haus des Deutschen Theaters in die große Handwerkskiste des Unterhaltungstheaters gegriffen hat, in der Videos neben eingemotteten Mätzchen, ein Hundehalsband für einen NS-Gruppenführer, ein nackter Hitler und eine ironische Philippika gegen das Regietheater herumlagen. So ist auf bewegter Drehbühne mit aller Bedächtigkeit unentwegt etwas los, doch eine Haltung zum Stoff ist nicht zu entdecken. Natürlich besitzt das Deutsche Theater vorzügliche Schauspieler, und vor allem der famose Bernd Moss als Josef Tura, aber auch der souveräne Jörg Gudzuhn als Gruppenleiter Ehrhardt und Ingo Hülsmann als elegant-ironischer Professor sorgen dafür, dass man bei diesem traurigen Komödienabend doch noch einiges zu lachen hat, nicht auf Whitby-, sondern auf Lubitsch-Niveau.

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