„Dass die Koordinaten politischer Zuschreibung sich verschieben oder durcheinandergeraten, gehört ebenfalls zu der Lage, in der ich zu schreiben begonnen habe, und könnte später einmal als Symptom jener zunächst schleichenden, zunehmend jedoch eruptiven Auflösung des liberalen Gesellschaftssystems verstanden werden, die nach meinem Eindruck in den Jahren nach dem Mauerfall begann, also just im Triumph über den Kommunismus.“
Navid Kermani: „Sommer 24“
© Hanser Verlag
Jeden Tag eine neue Schreckensnachricht

Navid Kermani
Sommer 24Hanser Verlag, München 2026158 Seiten
23,00 Euro
Kaum ein Schriftsteller ist so vielseitig wie Navid Kermani. Nun hat er einen Roman über die Beschleunigungsmaschine namens Gegenwart geschrieben, während er sich auf eine Dankesrede zum Thomas-Mann-Preis vorbereitet. Kann das gut gehen?
Der Sommer 2024, von dem der neue Roman Navid Kermanis erzählt, ist das noch die Gegenwart? Oder ist das fast schon Zeitgeschichte in einem Prozess permanenter Verschlimmerung der geopolitischen Lage? Zumindest aus der Perspektive des Westens, für den die Demokratie jahrzehntelang relativ selbstverständlich war. Aus dieser Perspektive schreibt Navid Kermani, 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren und in der westdeutschen Friedens- und Umweltbewegung sozialisiert.
Und gleichzeitig gibt es bei ihm, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch habilitierter Orientalist ist, eben auch immer die andere Perspektive. Die des Nahen Ostens, die des Islam. Und die des kundigen Reisenden, dessen Reportagen vom Ethos der Vermittlung geprägt sind. Dass man die Beschleunigungsmaschine namens Gegenwart irgendwie mit dem eigenen Leben synchronisieren muss, erleben wir Tag für Tag. Navid Kermani macht einen Roman daraus.
Rückzug ans Mittelmeer
Ein Buch ist abgeschlossen, ein neues noch nicht in Angriff genommen. Die Rede zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises steht an, also liest Kermani Thomas Mann, auch wenn er dann im September mehr über Ajatollah Chomeini sprechen wird als über den Namensgeber des Preises, insbesondere vom Besuch der Familie Kermani 1978 beim damals bescheiden lebenden Revolutionsführer im Pariser Exil.
Dafür zieht sich der Autor beziehungsweise der Ich-Erzähler gleichen Namens ans Mittelmeer zurück. Kein Internet, das wäre zu viel Information, aber immerhin der Deutschlandfunk.
„Nur gerade, in diesem Sommer 24, in diesen Tagen, meldet der Deutschlandfunk eine Hiobsbotschaft nach der anderen, während die bereits gegenwärtigen Katastrophen weitergehen, Gaza, Ukraine, Sudan. Am Tag nach dem Offenbarungseid Bidens vor den Fernsehkameras der Welt rufen viele Staaten ihre Bürger aus dem Libanon zurück, weil sich die Gewalt an der Grenze zu Israel zu einem weiteren Krieg auszuweiten droht.“
Weltpolitik und "allzu private" Erlebnisse
Der Erzähler berichtet nun einige private Erlebnisse, „allzu private vielleicht“, wie er überlegt, von denen er glaubt, sie hätten einen Zusammenhang mit der weltpolitischen Situation. Welchen genau, weiß er allerdings nicht. Da ist zum einen der Freitod eines jüdischen Bekannten, der nach einem Sturz bettlägerig geworden war und seit dem Terrorangriff der Hamas mit der AfD sympathisierte. Am Abend vor seinem Suizid war der Autor noch bei ihm – und zu seiner Überraschung wurde weder über Gott noch über Politik gesprochen.
Ein weiteres Erlebnis ist der Besuch einer Frühgeborenen-Station im äthiopischen Tigray, die ihn an die Geburt seiner zweiten Tochter, eines Frühchens, erinnert. Ein drittes Erlebnis ist die Hochzeit der Tochter eines Freundes auf der griechischen Insel Hydra, eine deutsch-senegalesisch-französische Hochzeit, die ihm als eine Form der Utopie scheinen will.
„Was war das Geheimnis? Wohl nicht nur der Ort, seine Ferne, seine Schönheit, das Meer. (...) Es war, ich mag es kaum aussprechen, es war die bürgerliche Form, die alles zusammenhielt.“
Der Roman ist missglückt
Das Hohelied auf die bürgerliche Form, wäre es in einer einleuchtenden ästhetischen Form nicht besser aufgehoben gewesen? Offenbar handelt es sich um die leicht verfremdete Hochzeit seiner älteren Tochter in Syrakus. Kermanis Hochzeitsrede lässt sich in einem Sammelband nachlesen.
Der Wunsch ist verständlich, neben all den Reportagen und politischen Reden auch sein eigentliches Feld zu bestellen, die Literatur. Eine Novelle hätte daraus werden können oder eine politische Erzählung, die Optionen ruft er selbst auf.
Stattdessen ist ein formloses Nebeneinander daraus geworden, das die Möglichkeiten der Autofiktion vielleicht doch zu großzügig auslegt. Ist es noch Verfremdung, wenn er die Thesen, zu denen sich die von ihm geschätzte Kollegin Sibylle Lewitscharoff 2014 in ihrer Dresdner Rede zur Fortpflanzungsmedizin verstieg, unter anderem nannte sie die so gezeugten Kinder „Halbwesen“, ausgerechnet einem Juden in den Mund legt, dem als Galeristen apostrophierten Bekannten?
Auch wenn er damit vielleicht Lewitscharoff schützen wollte, wirkt das Ergebnis dieses Vorgehens zumindest unglücklich. Navid Kermani ist einer der wichtigsten deutschen Autoren. Doch dieser Roman ist missglückt.









