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Zeitfragen | Beitrag vom 04.07.2019

NaturforscherSchon Alexander von Humboldt widmete sich Klimafragen

Von Michael Lange

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Gemälde von Alexander von Humboldt. Er sitzt in einer Landschaft, schaut zum Betrachter und in einem geöffneten Buch liegt eine Blume vor ihm. (picture alliance / CPA Media / Pictures From History)
Schon vor über 200 Jahren war Alexander von Humboldt bewusst, dass wir Menschen auf die Umwelt angewiesen sind. (picture alliance / CPA Media / Pictures From History)

Alexander von Humboldt war schon zu Lebzeiten ein Superstar. Für Andrea Wulf, die zwei Bestseller über den Naturforscher geschrieben hat, ist er ein Ökologe der ersten Stunde. Die Auswirkung menschlichen Handelns auf das Klima habe er bereits erkannt.

Wir Menschen zerstören die Erde. Höchste Zeit, etwas dagegen zu tun. Jetzt. Damit wir überhaupt eine Zukunft haben. Das fordern Schülerinnen und Schüler, wenn sie freitags auf die Straße statt in die Schule gehen.

Ganz im Sinne eines Alexander von Humboldt, meint die Meeresbiologin Antje Boetius vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven.

"Heute in einer Zeit, wo wir Menschen die Erde so verändern, wie wir das tun, wo wir ehrlich gesagt wenig Hoffnung haben, dass wir nicht ohne gigantische Umweltzerstörung und Artensterben davonkommen, da ist Alexander von Humboldt einfach jemand, mit dem man sich beschäftigen muss. Er hat das Band zwischen Menschen und Natur erfasst und beschrieben in seinen Studien."

Schule schwänzen für den Klimaschutz das wäre ein kontroverses Thema für die preußische Familie Humboldt gewesen. Während Alexanders Bruder Wilhelm von Humboldt das Ideal klassischer Bildung hoch hielt, und für Schulschwänzer wahrscheinlich wenig Verständnis hätte, war Alexander ein Naturfreund.

Humboldt wollte die Natur erfassen – auch mit dem Herzen

Schon vor über 200 Jahren war ihm bewusst, dass wir Menschen auf die Umwelt angewiesen sind. Er wollte die Natur der Erde erfassen – mit Verstand und Gemüt. Das heißt mit Beobachtungen, Experimenten, Messungen, aber auch mit dem Herzen. Und genau das brauchen wir jetzt, fordert Antje Boetius.

"Er hatte recht. Wir stellen fest: Die Kinder, die auf die Straße gehen, die haben einfach recht. Heute geht es darum: Mit welcher Erde leben wir weiter. Und da brauchen wir ein emotionales Band, wir brauchen eine Haltung, die uns hilft, das richtige zu tun. Das ist für jeden Wissenschaftler essentiell – auch für die Politik – dieses Band zurückzugewinnen."

Dass wir Humboldt heute als Ökologen der ersten Stunde sehen, daran hat die Sachbuchautorin Andrea Wulf einen wichtigen Anteil. Sie hat zwei Bestseller über Alexander von Humboldt geschrieben – eine Biografie mit dem Titel "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" und eine Graphic Novel. In beiden Büchern wird die Begeisterung Humboldts spürbar.

"Wenn ich nur ein Wort hätte, um Humboldt zu beschreiben, dann wäre das: rastlos. Humboldt war so rastlos, dass er von sich selbst sagte: Er fühle sich, als werde er von 10.000 Säuen gejagt. ‚Es ist ein Treiben in mir, dass ich manchmal glaube, ich verliere meinen Verstand.‘ Wahnsinnig neugierig. Und Humboldt redete ohne Punkt und Komma."

Humboldt war stets auf der Suche nach neuem Wissen

Humboldt paddelte auf dem Orinoco in Südamerika, bestieg den Chimborazo in Ecuador, und überall auf der Welt sammelte er Pflanzen und Tiere, führte Messungen durch und befragte die einheimische Bevölkerung. Unermüdlich. Stets auf der Suche nach neuem Wissen.

Und er bewunderte die Natur, beschrieb aber auch deren Verwundbarkeit.

"Humboldt hat ein Konzept der Natur erfunden, das unser Denken heute noch prägt. Er hat die Natur beschrieben als ein zusammenhängendes Ganzes, ein Netz des Lebens, einen lebendigen Organismus."

Immer wieder entdeckte Humboldt Wechselwirkungen. Alles hängt mit allem zusammen. Das war seine Überzeugung. Naturphilosophen und Dichter hatten zuvor ähnliche Gedanken niedergeschrieben. Aber Humboldt wollte mehr. Er befasste sich auch mit der Rolle des Menschen im Netzwerk der Natur und ahnte, welche Gefahr von unserer eigenen Spezies ausgeht.

"Humboldt sieht den Menschen als Teil der Schöpfung an, aber nicht als Krönung der Schöpfung und sieht deshalb auch, wie wir in diesem Netz des Lebens einen sehr destruktiven Einfluss haben können."

Den Klimawandel konnte er nicht vorhersehen

Alexander von Humboldt beklagte die Zerstörung von Wäldern und nannte sie eine Vergewaltigung der Natur. Auch die Auswirkung menschlicher Aktivitäten auf das Klima hat er bereits erkannt.

"Es gibt eine Stelle in einem Buch, 1832, wo er beschreibt, dass der Mensch das Klima auf drei Arten beeinflussen kann: Einmal durch künstliche Bewässerung. Durch Rodung und durch die großen Dampf- und Gasmassen in den industriellen Zentren."

Humboldt hat sich sogar mit Klimafragen beschäftigt, aber den weltweiten Klimawandel konnte er nicht vorhersehen. Die Wissenschaftsgeschichte sieht Alexander von Humboldt in erster Linie als unermüdlichen Wissens- und Datensammler, als Aufklärer und liberalen Weltbürger. Zugleich aber stellte er sich in den Dienst seines Königs und befürwortete eine konstitutionelle Monarchie. Ob er sich als preußischer Kammerherr bei Fridays for Future wohlgefühlt hätte?

Humboldt hätte nach technischen Lösungen gesucht

Nicht alle Humboldt-Kennerinnen und Kenner, teilen Andrea Wulfs Darstellung des großen Gelehrten. Humboldt werde nicht zum ersten Mal instrumentalisiert, sagt die Wissenschaftshistorikerin Ursula Klein vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Für sie steht fest: Humboldt war kein Ökologe im heutigen Sinne.

"Humboldt war ein absoluter Wissenschafts- und Technikfan. Er hat geglaubt im Sinne der Aufklärung, dass wir durch Wissenschaft und Technik ein besseres Leben haben werden und dass das Gemeinwohl gefördert wird."

Alexander von Humboldt würde also nach technischen Lösungen suchen – und immer wieder erklären, wie alles mit allem zusammenhängt. Heute wie damals. Und zwar den Wissenschaftlern wie der allgemeinen Bevölkerung. Er hielt Vorträge, schrieb Reiseberichte und Artikel für Tageszeitungen. Und sagte stets, was er dachte. Deshalb war der Naturforscher schon zu Lebzeiten ein Superstar.

"Humboldt hat den Bestrebungen, die es damals gab in Hinblick auf die Umwelt, eine Stimme verliehen. Er war ein großer Kommunikator. Jemand, der Probleme an ein breites Publikum weitergeben konnte."

Und so würde ein Humboldt von heute seine Expeditionserlebnisse wahrscheinlich über Twitter verbreiten, so wie der Astronaut Alexander Gerst, oder im Fernsehen die Welt erklären wie der Physiker Harald Lesch – und sicherlich wortgewaltig für Klimaschutz argumentieren.

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