Seit 23:05 Uhr Fazit

Dienstag, 11.08.2020
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.09.2011

Natur als emotionaler Gegenpol

Richard Louv: "Das letzte Kind im Wald", Beltz Verlag, Weinheim 2011, 360 Seiten

Podcast abonnieren
Ein wilder Wald ist nicht notwendig, schon ein Park zum Spielen genügt, argumentiert Louv. (Stock.XCHNG / Meral Akbulut)
Ein wilder Wald ist nicht notwendig, schon ein Park zum Spielen genügt, argumentiert Louv. (Stock.XCHNG / Meral Akbulut)

Der amerikanische Journalist und Umweltaktivist Richard Louv empfiehlt in "Das letzte Kind im Wald" eindringlich: Kinder brauchen Naturerfahrungen, sonst werden sie aggressiv, hyperaktiv oder übergewichtig. Seine gute Handlungsanleitung belegt er mit zahlreichen wissenschaftlichen Studien.

Baumhäuser bauen, Regenwürmer ausbuddeln, Steine sammeln, Fische fangen, was früher zu einer normalen Kindheit gehörte, erleben heutzutage nur noch wenige Kinder. Das hat Folgen: Aggressivität, Hyperaktivität und Übergewicht reklamiert der amerikanische Journalist und Umweltaktivist Richard Louv. Er bezeichnet diesen Zustand als "Naturdefizit-Syndrom" und fordert eindringlich, Kindern wieder mehr Naturerfahrungen zu ermöglichen.

Ein großer wilder Wald ist schön, aber nicht notwendig, argumentiert Louv. Schon ein Park mit Bäumen zum Klettern und mit Gebüschen für das Verstecken spielen helfe, Kindern sich selbst in der Natur auszutesten. Wichtig sei aber, dass sie tatsächlich auf die Bäume klettern dürfen und nicht von überbesorgten Eltern kontrolliert würden. Erst wenn Kindern sich in der Natur eigene Spielräume schaffen können, fördere dies ihr Selbstbewusstsein und ihre Kreativität und schaffe einen emotionalen Gegenpol zum Alltag. Richard Louv, selbst Vater von zwei Kindern, mangelt es hier nicht an konkreten Vorschlägen.

"Das letzte Kind im Wald" ist aber mehr als nur eine gute Handlungsanleitung eines idealistischen Vaters für besorgte Eltern und engagierte Pädagogen. Anhand zahlreicher Studien zeigt der Autor, welches enorme Potenzial Naturerfahrungen für Kinder, Jugendlichen und auch für Erwachsene haben. Der Blick ins Grüne, so eine Untersuchung, senkt nicht nur den Blutdruck, sondern führt auch zu mehr Zufriedenheit. Besonders sinnliche Erfahrungen wie Fühlen, Sehen und Riechen wirken sich hier positiv aus, bestätigen verschiedene Experten. Außerdem helfen Naturtherapien gut bei Hyperaktivität und Konzentrationsschwächen. Die Forschung über den Einfluss von Naturerfahrungen ist noch jung, aber bislang zeigen alle Untersuchungen, dass der Mensch ein angeborenes Bedürfnis nach Natur zu haben scheint, wird ein renommierter Forscher zitiert.

Neben den wissenschaftlichen Aspekten erörtert Richard Luov aber auch die spannende Frage, wie es überhaupt zu dem aktuellen "Naturdefizit-Syndrom" kommen konnte. Eine wichtige Analyse, die allerdings stark auf die amerikanische Geschichte fokussiert. Die Siedler des 19. Jahrhunderts und die Entwicklung der Städte in den USA lassen sich leider nicht eins zu eins auf Europa übertragen. Trotzdem gibt es interessante Parallelen: Zu oft werden Kinder auch hierzulande mit dem Auto gefahren, statt dass sie einen Weg selber laufen oder sie haben einfach keine Zeit für das freie Spiel in der Natur, weil Sportverein, Musikunterricht und Hausaufgaben auf dem Programm stehen.

Richard Louv weist anschaulich auf ein Problem hin, das die Gesellschaft stark verändert: Wer die Natur nicht kennenlernt, spaziert durch einen Wald wie durch ein Museum. Dafür hat er Daten und Fakten ebenso wie sinnliche und spirituelle Argumente. Der emotionale Wert von Natur, ihre aus psychologischer Perspektive heilende Kraft, als eine Art Trostspenderin, ist immens, betont Louv und fordert zu Recht: "Geben wir unseren Kinder die Natur zurück!"

Besprochen von Susanne Nessler

Richard Louv: Das letzte Kind im Wald. Geben wir unseren Kindern die Natur zurück!
Aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl
Beltz Verlag, Weinheim 2011
360 Seiten, 19,95 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Stofftiere ins Feuer und Pinkelverbot
Woher kommen die dicken Kinder?

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur