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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.04.2014

NationalsozialismusMutige Frauen gegen Hitler

Der Roman "Alles, was ich bin" porträtiert zwei Deutsche im Londoner Exil

Anna Funder im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Zu sehen ist die Front der National Gallery in London mit ihrem Säulenvorbau und großer Kuppel. (picture alliance / dpa)
Die National Gallery in London. Die englische Hauptstadt wurde zum Zufluchtsort für die Antifaschistin Dora Fabian, die Heldin von Anna Funders Roman. (picture alliance / dpa)

Mut, Verrat, Widerstand – das sind die Themen, die die australische Schriftstellerin, Rechtsanwältin und Dokumentarfilmerin Anna Funder beschäftigen. Nun hat sie aus der wahren Geschichte zweier deutscher Antifaschistinnen im Exil einen Roman gemacht.

Liane von Billerbeck: Als die Studentin Anna Funder 1987 in Melbourne Ruth Blatt kennenlernte, war die schon 79 Jahre alt, eine Deutsche, die im Widerstand gegen Hitler gekämpft hat. Sie erzählte der jungen Frau aus ihrem Leben, und Motive daraus hat Anna Funder nun für ihren zweiten Roman genutzt. Darin erzählt sie die Geschichte Dora Fabians, der einstigen Sekretärin des Schriftstellers Ernst Toller. Dora Fabian lebte als Hitler-Gegnerin im Londoner Exil und wurde 1936 mit einer Freundin vergiftet aufgefunden.

"Alles, was ich bin" ist ein Roman über diese Frau, diese Dora Fabian, ein Roman, für den Anna Funder allein in Australien sieben Literaturpreise bekommen hat, für eine Geschichte über Mut, Verrat und Widerstand. Schon ihr erstes Buch, "Stasiland", war ein Riesenerfolg, auch darin ging es um Mut und Widerstand, allerdings in der DDR. Der neue Roman, "Alles, was ich bin", ist nun auf Deutsch erschienen. Anna Funder ist unser Gast. Herzlich willkommen!

Anna Funder: Danke schön!

von Billerbeck: Sie erzählen im Roman die Geschichte von Menschen aus dem Widerstand gegen Hitler. Ruth Blatt, damals 79, haben Sie als 20-Jährige kennengelernt. Wie sind Sie beide sich begegnet?

Funder: Ruth Blatt war die deutsche Lehrerin von meiner Deutschlehrerin, und als ich mich beworben habe für ein DAAD-Stipendium, ich war, ich glaube, 19 Jahre alt – ich wendete mich an meine frühere Lehrerin, um mein Deutsch zu überprüfen, weil ich wusste, dass es ganz viele Fehler in dem Bewerbungsschreiben gab. Und sie sagte, ich kann das nicht, aber du sollst zu Ruth, und ich bin ihr so begegnet. Und sie hat einen Blick auf dieses Bewerbungsschreiben genommen und gesagt, ja, das ist furchtbar. Und in dem Moment wusste ich, dass ich sie zu einer Freundin von mir machen wollte. Ich wollte mit ihr befreundet sein, weil man hat immer so viele Freunde, die einem was Gutes sagen und schmeicheln und so, und ich wollte eine Freundin haben, die die Wahrheit mir sagen würde. Und so eine war sie.

von Billerbeck: Eine fast 60 Jahre ältere Frau erzählt einer jungen australischen Studentin ihr Leben. Was war das für eine Beziehung?

Funder: Das war eine enge Beziehung, also ich wechsele jetzt ins Englische. Ich habe sie die letzten 17 Jahre ihres Lebens in Melbourne kennengelernt, sie war auch auf meiner Hochzeit und ich kannte sie also, sie war bei mir zu Hause und so. Das ist die Art von Beziehung, in der man als junger Mensch auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts blicken kann, und zwar auf Geschichte als etwas, das nicht in einem Buch geschrieben ist, sondern als ein Ereignis, ein erfahrbares Ereignis aus dem Leben einer Freundin. Es ist etwas anderes, wenn eine Freundin in einem chinesischen Restaurant einem gegenübersitzt und aus ihrem Leben erzählt, dann wird die Geschichte erfahrbar, wenn sie erzählt, wie sie Hitler gesehen hat, und wenn sie sagt, was für eine Verschwendung von Blumen, all diese Blumen, die sie ihm zu Füßen geworfen haben, was für eine unglaubliche Verschwendung!

von Billerbeck: Erzählen Sie die Geschichte auch so, dass auch der Leser, die Leserin das Gefühl hat, da wird ihm die Geschichte einer Freundin erzählt, die dann eben Weltgeschichte ist?

Funder: It’s important to say that Ruth’s life story is in the book, it’s in the beginning of the book and in the end of the book. Sie war wie Dora Mitglied dieser sozialistischen Arbeiterpartei im Exil in London, und sie haben sich gekannt. Aber meine Freundin Ruth hat mir nie die Geschichte von Dora Fabian und Mathilde Wurm erzählt. Das ist etwas, das ist eine wahre Geschichte, dass diese zwei Frauen vergiftet aufgefunden wurden in einem verschlossenen Zimmer in der Wohnung in Bloomsbury, 1935 aufgefunden worden sind. Aber das hat mir meine Freundin Ruth nicht erzählt. Und diese Geschichte ist eigentlich der Kern meines Romans.

"Eine sehr kluge Frau, die viele Liebhaber hatte"

Alles in diesem Roman funktioniert wie in einem Roman. Das Buch ist sozusagen ein Roman, der sich wie eine Erfahrung liest. Es gibt aber direkte Verbindungen zu echten Ereignissen in dieser Geschichte. Diese beiden Frauen, die da tot aufgefunden wurden, diese beiden Widerstandskämpferinnen, die hat es wirklich gegeben, und es wurde dann ja auch gesagt, dass Mathilde Wurm und Dora Fabian, die eine sehr kluge Frau war, die viele Liebhaber hatte, eine Feministin war, dass sie keine politischen Motive gehabt hätten, und es wurde ihnen unterstellt, dass sie einen Selbstmord begangen hätten aus einer romantischen Enttäuschung heraus.

Ich fand das unglaublich rückblickend. Hier hat die Geschichte etwas falsch festgehalten, die Geschichte ist sozusagen falsch geschrieben worden, und ich habe versucht, indem ich diese Geschichte geschrieben habe, neu geschrieben habe, sie richtig zu schreiben und vielleicht auch so diesen beiden Frauen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

von Billerbeck: Nun haben Sie ja schon in Ihrem ersten Buch "Stasiland" über Menschen in der DDR, die Widerstand geleistet haben, geschrieben, jetzt erzählen Sie die Geschichte von mutigen Frauen und ihren Freunden aus dem Widerstand gegen Hitler, und wieder ist es eine Handlung, die in Deutschland spielt. Warum in Deutschland – wie ist Ihre Beziehung hierher?

Funder: Ich habe ja Jura studiert und auch kurz im internationalen Recht gearbeitet, auch für die australische Regierung mich um Menschenrechte gekümmert, aber ich wollte auch immer schreiben, das war sozusagen eine Abschweifung von meiner eigentlichen Arbeit. Und ich interessiere mich aber sehr für das Gewissen und für den Mut der Menschen und wie sie gegen autoritäre Regierungen und Diktaturen vorgehen und den Mut zu haben, dagegen vorzugehen, wie die Leute agieren, die als erste Alarm schlagen, die den Finger erheben und sagen, hier ist unsere Demokratie in Gefahr – und Demokratien sind viel zerbrechlicher, als wir annehmen. Das sind die Themen, die mir wichtig sind.

Als Autorin wollte ich wissen: Wie fühlt sich dieser Mut an, wie fühlt es sich an, so mutig zu handeln, aber vor allem auch, wie fühlt sich die Angst an, die dahintersteckt? Denn wenn man eine mutige Handlung vollbringt, wenn man mutig lebt und nicht komplett verrückt ist, dann hat man ja trotzdem diese Angst, und trotzdem weiterzumachen bedeutet, gegen diese Angst zu handeln, trotz der Konsequenzen, die man kennt. Aber das ist ein weltweites, ein universelles Phänomen, das beschränkt sich natürlich nicht auf Deutschland, das gibt es überall. Die Tatsache, dass ich Deutschland im Fokus habe, liegt daran, dass ich mich in Berlin verliebt habe und in die deutsche Sprache. Hätte ich vielleicht Chinesisch gelernt oder Russisch und in China oder Russland gelebt, würde es darum gehen, um diese Länder. Es interessiert mich einfach allgemein das Phänomen des Bewusstseins, des Gewissens, des Muts auf der einen Seite und der Macht auf der anderen Seite.

von Billerbeck: Ein universelles Thema, ein ewiges Thema, haben Sie ja auch gesagt, Mut, Zivilcourage, Widerstand. Nun wird ja nicht jeder als Held geboren, also auch Verrat und Feigheit und Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit gehören ja zum Menschen und die gibt es. Sie haben mal in einem Interview davon gesprochen, dass Sie Licht in das dunkle Funktionieren der Seele bringen wollten. Was haben Sie denn gelernt aus der Beschäftigung mit Mut und mit diesen Menschen in einem Unrechtssystem?

Funder: Ich glaube, dass die Menschen immer in der Lage sind, überraschend zu reagieren, so, wie man es von ihnen nicht erwartet hat. Es ist nicht völlig im Dunkeln, warum mich das interessiert. Man könnte ja zum Beispiel glauben, dass einen der Mut interessiert, weil man glaubt, dass man ihn selber in einer vergleichbaren Situation nicht aufgebracht hätte. Ich glaube nicht, dass ich allein die Gründe der menschlichen Seele durchleuchten kann, aber ich kann durchaus die Motive untersuchen, die solchen Handlungen zugrunde liegen. In "Alles, was ich bin" ändert sich zum Beispiel die Figur des Hans im Laufe der Erzählung sehr, und die Leute hassen ihn. Aber ich kann sehr gut verstehen, warum er so handelt, ich kann sehr nachvollziehen, wie diese Angst einen Menschen verändert, wie diese Angst gerade in einem repressiven System einen dazu bringen kann, Dinge zu tun, die man vielleicht gar nicht will. Das haben wir jetzt zum Beispiel auch in Australien aktuell im Vorgehen gegen Asylsuchende, der Umgang mit ihnen. Das sind Themen, wo auch die Angst immer wieder auftaucht. Und ich denke, die Angst an sich ist ein reiches Thema für mich.

von Billerbeck: Nun sind Sie Australierin, wenn auch eine, die die deutsche Sprache liebt und sich in Berlin verliebt hat und auch hier gelebt hat. Sie blicken aber trotzdem immer noch von außen auf dieses Deutschland der Nazizeit. Das ist ja gut, denn Sie sind als Australierin nicht, wie wir Deutsche, biografisch oder familiär-biografisch in diese Geschichte verstrickt. Aber gibt es auch Schwierigkeiten durch diese Außensicht?

Funder: Also für mich nicht. Ich kann eigentlich nur von meinem Standpunkt schreiben und so ehrlich, wie ich das eben kann, und die Nachteile, das wäre eigentlich wirklich für andere zu behaupten.

"Das progressive, fortschrittliche Denken war ja nicht tot"

von Billerbeck: Nun hatten Sie einen großen Erfolg mit Ihrem Buch in Australien, jetzt erscheint das auf Deutsch. Was erhoffen Sie sich von der hiesigen Leserschaft? Meinen Sie, es wird hier auch so einen Erfolg haben, dieses Buch?

Funder: Ich kann nicht vorhersagen, wie das deutsche Publikum reagieren wird, aber es ist sehr großartig gewesen hier für mich in Deutschland, auf Lesereise zu sein. Es ist sehr toll. Und ich habe zum Beispiel auf meiner Lesereise eine erste Lesung gehabt in Neuburg an der Donau, wo die Ernst-Toller-Gesellschaft zu Hause ist, und da bin ich in die Nähe des Gefängnisses gekommen, in dem Ernst Toller gesessen hat, und das war sehr bewegend für mich. Man ist hier einfach viel näher dran. Vielen in Australien ist Ernst Toller überhaupt kein Begriff, und auch hier ist er vielleicht nicht so bekannt, aber als Name sagt er den Leuten doch schon etwas, auch wenn sie vielleicht seine Werke nicht kennen. Die Dinge liegen hier einfach näher und die Leute ehren hier sehr die Bewegung des 20. Juli oder die Geschwister Scholl als Widerstandskämpfer gegen die Nazis.

Aber warum sollte man sich nicht auch einmal die frühen Widerstandskämpfer angucken, die sehr zeitig schon sehr klug agiert haben, sehr kluge Menschen, diese Mitglieder des Widerstands, die schon 1936 ins Exil gegangen sind und dann von London aus versucht haben, sich gegen Hitler zur Wehr zu setzen, sehr tapfere, sehr mutige Menschen, die linke jüdische Fraktion sozusagen, eine Bewegung, die es versucht hat? Die Linke war ja nicht tot, das progressive, fortschrittliche Denken war ja nicht tot in Deutschland, es war nur unterdrückt. Und wir sollten eben diejenigen ehren, die sagen: Rettet uns vor uns selbst!

von Billerbeck: Anna Funder war bei uns zu Gast, die australische Schriftstellerin ist derzeit auf Lesereise in Deutschland. Heute Abend liest sie in der Berliner Kulturbrauerei aus ihrem Buch "Alles, was ich bin". Frau Funder, herzlichen Dank für das Gespräch, das Marei Ahmia übersetzt hat.

Funder: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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