Natascha Wodin: "Die späten Tage"

Vom unerwarteten Glück einer Altersliebe

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Buchcover des neuen Buches von Natascha Wodin "Die späten Tage"
© Rowohlt Verlag

Natascha Wodin

Die späten TageRowohlt, Hamburg 2025

288 Seiten

24,00 Euro

Von Ursula März |
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Ihr literarischer Erfolg kam spät: Mit 72 Jahren gewann Natascha Wodin den Preis der Leipziger Buchmesse. In ihrem neuen Buch beschreibt die 80-Jährige schonungslos die Plagen des Alters: Schmerzen, Existenzängste, Körperscham, aber auch späte Liebe.
Kein Sachbuch war in den vergangenen Jahren so erfolgreich wie Elke Heidenreichs schmaler Essay "Alter". Das hatte zum einen mit der Popularität der Autorin zu tun, zum anderen aber auch mit der tröstlichen Sinngebung des Textes. Man solle, so die Kernbotschaft, dem Alter mit heiterer Gelassenheit begegnen und nicht allzu viel über seine hinderlichen Begleiterscheinungen klagen.

Ohne falschen Trost

Heidenreichs Bestseller taucht unter den literarischen Referenzen, auf die sich Natascha Wodin in ihrem neuen Buch "Die späten Tage" bezieht, nicht auf. Und doch wirkt es wie ein Gegenentwurf, der es sich zur Aufgabe macht, das Alter in unbeschönigter, ja bisweilen fast gnadenloser Radikalität abzubilden.
Der in locker verbundene Skizzen gegliederte Prosatext lässt nichts aus, was den Alltag der 80-jährigen Schriftstellerin belastet: Von Stimmungsverdunkelungen und Existenzängsten über wiederkehrende Schmerzen und den schrumpfenden Bewegungsradius bis zur weiblichen Körperscham.
Noch, schreibt Wodin, sei sie in der Lage, ihren Beinen die Schritte zur Bank an dem mecklenburgischen See abzutrotzen, an dessen Ufer sie wohnt. Aber sie sähe dem Tag entgegen, an dem auch das nicht mehr ginge. Was sie am Leben hielte, sei das Schreiben und die Verantwortung für Friedrich, dem seinerseits von Krankheiten geplagten Mann, in dem sie eine leidenschaftliche, wenn auch nicht unkomplizierte Altersliebe fand.

Späte Liebe

Leichte Kost ist diese autofiktionale Selbst- und Altersstudie wahrhaftig nicht. Die Autorin schont sich selbst so wenig wie ihre Leserschaft. Wie in vielen Büchern Wodins kommen auch die Schrecken ihrer Kindheit zur Sprache. 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in einem Lager für Displaced Person bei Nürnberg geboren, wuchs Natascha Wodin später in einem katholischen Mädchenheim auf.
Als sie elf Jahre alt war, nahm sich ihre Mutter das Leben. Die Suche nach deren Lebensspuren verarbeitete sie in dem Meisterwerk "Sie kam aus Mariupol", das ihr 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse und späten literarischen Ruhm einbrachte – und eine unerwartete Liebesgeschichte. Der sechs Jahre ältere Friedrich, wie er in "Die späten Tage" heißt, nahm Kontakt zu Wodin auf, nachdem er ihren Bestseller gelesen hatte. Und sie, die zurückgezogene, wohl auch eigenbrötlerische Schriftstellerin ließ sich auf das rauschhafte Herzensabenteuer ein, trotz der Fremdheit der äußeren Lebensumstände und der recht verschiedenen Biografien.

Mit leiser Komik

Eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es in den "Späten Tagen" nicht, wohl aber ein Motiv, das sich durch den Text zieht und ihn trägt: Das Ineinander des Unglücks schwindender Vitalität und des Glücks, von der vielleicht schlimmsten Altersplage, der Einsamkeit, verschont zu sein.
Dieses Glück ist nicht frei von einer leisen Komik. Etwa dann, wenn der schlaflose Friedrich mitten in der Nacht sein Bett verlässt und ins Zimmer der Lebensgefährtin geht, die es gewohnt ist, ihre Nächte am Schreibtisch zu verbringen und erst in den Morgenstunden schlafen zu gehen. Stumm sitzen sie beieinander, sie vor dem Computer, er im Sessel in ihrer Nähe.
Natascha Wodins Buch ist reich an solchen intensiven Bildern. Vor allem aber besticht es in der Verbindung aus scharfsinniger Reflexion und prägnanten Schilderungen. Es hinterlässt ein eindrückliches Lektüreerlebnis, das lange nachhallt.
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