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Buchkritik | Beitrag vom 10.04.2021

Nastassja Martin: "An das Wilde glauben" Dem Bär verzeihen

Von Sigrid Brinkmann

Zu sehen ist das Cover des Buches "An das Wilde glauben" von Nastassja Martin. (Deutschlandradio / Matthes & Seitz)
Die Anthropologin Nastassja Martin verlässt nach einem "Zusammenstoß" mit einem Bären den Wald als "Befreite". (Deutschlandradio / Matthes & Seitz)

Ein Bär zerbiss Nastassja Martin in Sibirien das Gesicht und brach ihre Schädelknochen. In ihrer tagebuchartigen Erzählung "An das Wilde glauben" rekonstruiert die Anthropologin das Geschehen und die Etappen ihrer Heilung.

Nastassja Martin liebt das ursprüngliche Leben in kalten, menschenleeren Regionen. Es zieht sie in die Berge und noch mehr in tiefe Wälder, denn dort spürt sie, dass es ein "Wollen außerhalb der Menschen" gibt und wir nicht die Einzigen sind, die im Dickicht "fühlen, denken, hören". Martin ist Anthropologin. Als Studentin beobachtete sie in Alaska den Alltag des Stammes der Gwich’in.

Mit 29 Jahren brach sie nach Kamtschatka in Nordostasien auf, um eine Weile bei ewenischen Rentierzüchtern zu leben. Die Ewenen sind Animisten. Den Kopf voller Geschichten von Tieren, deren Geister Menschen für eine Begegnung mit ihnen auserwählen, streifte Martin am 25. August 2015 über die Hochsteppe der vulkanischen Halbinsel. Dann geschah etwas, dass sich jeder Vorstellbarkeit entzieht.

Der Bär wollte nicht töten

Nur zwei Meter entfernt von ihr tauchte plötzlich ein Bär auf. Er zerriss das Gesicht der jungen Frau. Erst krachte ihr Kiefer, dann der Schädel. Sie erinnert sich an die Dunkelheit im Maul des Raubtieres und das plötzliche Nachlassen des Drucks. Der Bär, auf den sie blind mit einem Eispickel eingeschlagen hatte, lief verletzt davon.

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Martin wurde von Ewenen und russischen Chirurgen gerettet. 2017 kehrte sie zu "ihrer ewenischen Familie" zurück. Mit ihr über die "archaische Begegnung" zu reden, war die wichtigste Etappe des langsamen Heilungsprozesses.

Noch auf Hilfe wartend, immer bei Bewusstsein, hatte die Forscherin klar gespürt, dass der Bär sie nicht töten wollte. Niemals würde sie also sagen, er habe sie angefallen. Martin spricht von einem "Zusammenstoß". Die Ewenen baten sie, dem Tier zu verzeihen. Sie notiert: "Ich bin das Raubtier".

Das Buch der 35-jährigen Autorin ist ein zutiefst berührendes, sehr persönliches Dokument. Sie spricht von ihrer "inneren Melancholie", die auch die weiteste Expedition nicht heilen konnte, und von der Trauer, die Welt überall zusammenbrechen zu sehen.

Martins tagebuchartige Erzählung bezeugt die Anstrengung, den archaischen "Zusammenstoß" psychisch und mental in ihr Leben zu integrieren, und macht uns Lesende vertraut mit einem Denken, das sich mit der Wildnis verschwistert. Die Ewenen glauben an die Existenz "vermischter Seelen". Für sie ist die wahlverwandte Französin vom Bären "gezeichnet" worden und fortan dazu bestimmt, "zwischen den Welten" zu leben.

Versöhnliche Gedanken 

In Frankreich wurde Martins Buch ein Bestseller. Nur der geniale Geograf, Abenteurer und Reiseschriftsteller Sylvain Tesson zieht mit seinen klugen, sinnlichen Texten eine noch größere Leserschaft in den Bann. Tesson ist emotional ergriffen vom Erscheinen der Raubtiere, denen er in Asien aufgelauert hat.

Nastassja Martin geht weiter: Sie öffnet unsere Sinne für den Glauben daran, dass Menschen wie auch Tiere sich an "kopräsente Wesen" erinnern. Sie ist überzeugt davon, dass der wilde Bär in ihren Augen seinen "menschlichen Anteil" erblickt hatte und zubiss, weil er diesen Teil nicht habe anschauen wollen.

Ein Jahr vor dem schmerzvollen Zusammenstoß hatte Martin bereits einen versöhnlichen Gedanken aufgeschrieben, den sie durch ihre Erfahrung bestätigt sah:"Das Zusammentreffen ihrer Blicke erhält sie am Leben."

Als Martin den Wald wieder verlässt und auf unbestimmte Zeit nach Frankreich zurückkehrt, fragt sie ihre "ewenische Mutter", ob sie traurig sei. Die verneint und antwortet: "Hier zu leben, bedeutet, auf die Wiederkehr zu warten. Die der Blumen, der Wandertiere, derjenigen, die zählen. Du gehörst dazu. Ich werde auf dich warten."

Die "matucha", Bärin, gerufene Nastassja Martin verlässt den Wald als "Befreite". Mit dieser schlichten, wahren Erkenntnis beschließt sie ihr wunderbares Buch: "Die Ungewissheit: ein Versprechen von Leben."

Nastassja Martin: "An das Wilde glauben"
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 20121
139 Seiten, 18 Euro

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