Namibische Musiker

    Unterdrückt, zensiert - und wiederentdeckt

    10:16 Minuten
    Schwarz-Weiß-Aufnahme zweier Männer auf sandigem Boden. Der eine spielt Gitarre.
    Viel Kreativität, viel Unterdrückung: Musiker in Namibia 1987. © John Liebenberg
    Thorsten Schütte im Gespräch mit Mathias Mauersberger · 18.10.2021
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    Über Namibias Popmusik zwischen 1950 und 1980 wissen wir hierzulande: nichts. Systematisch wurden schwarze Bands durch das Apartheidsregime an Auftritten gehindert. Eine Ausstellung in Stuttgart zeigt nun, dass trotzdem jede Menge Musik gemacht wurde.
    Es muss eine Offenbarung gewesen sein: Sechs Jahre lang haben internationale Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen akribisch geforscht, Musikarchive durchstöbert und nach alten Aufnahmen namibischer Bands aus den 1950er- bis 1980er-Jahren gefahndet. Es sind Bands, die offiziell ihre Musik nie veröffentlichen durften.
    Die Forscher wurden fündig, und die Ergebnisse sind jetzt in der Ausstellung "Stolen Moments. Namibian Music History Untold" im Kunstverein Wagenhalle in Stuttgart zu sehen und zu hören.

    Ihre Bühne waren die Townships

    Die "untold history" bezieht sich etwa auf Bands wie The Ugly Creatures oder Children of Pluto, die wegen der durch das südafrikanische Apartheid-Regime auch in Namibia verfügten Rassentrennung nicht öffentlich auftreten oder Alben produzieren durften.
    Die Heimat dieser Bands waren die Townships. Die Ausstellung erzählt von Zensur und Unterdrückung, feiert aber auch die Wiederentdeckung, wie der Filmemacher Thorsten Schütte, künstlerischer Leiter der Schau, sagt.
    "Die Musik wurde nie kommerziell verwertet, sondern nur auf Tonband oder auch Vinyl gepresst und nur für den Eigengebrauch", sagt Schütte. "Die Musiker haben dafür auch nie Geld gesehen, geschweige denn Tantiemen."
    Der namibische Rundfunk sei vom südafrikanischen Apartheidsregime kontrolliert worden - schon mit Worten wie "Freiheit" in Songtexten hätten Musikerinnen und Musiker sich verdächtig gemacht.
    Vor ein paar Jahren wurde Schütte im namibischen Rundfunk zu seinem neuen Film interviewt. "Ich hörte im Nachbarstudio Musik, die mir sehr gefiel", erinnert er sich.
    Seine Neugier war geweckt. "Im Archiv, zu dem man mir Zugang gewährte, stieß ich dann auf jede Menge Schallplatten und Tonbänder, die allerdings nur sehr spärlich beschriftet waren, weiße Hüllen, keine Albumcover."

    Ein Musiker als Busfahrer

    Einer der Künstler war Ben Molazi, der zu der Zeit als Busfahrer seinen Lebensunterhalt verdiente. Schütte nahm Kontakt zu ihm auf und ließ sich seine Geschichte erzählen.
    Eine Halle mit bunten Längsstreifen steht mitten auf einem großen Platz, ganz oben steht in gelben fetten Lettern 'OK BAR'.
    Tanzhalle in Namibia: Die Bühne der schwarzen Bands waren die Townships.© Stephan Zaubitzer / Hans Lucas
    Ben Molazi hat die Ausstellung nicht mehr erlebt, er starb kurz vor der Eröffnung. Doch im Rahmen der Arbeit für die Schau sei es gelungen, seine Musik auf einem Album zu veröffentlichen, berichtet Schütte.
    Ab dem kommenden Jahr soll die Ausstellung dauerhaft in Namibia gezeigt werden. "Damit ist sie dann erstmals auch dem namibischen Publikum im großen Stil zugänglich. Und wir glauben, dass das dann noch mal einen ganz anderen Schub bekommt in der namibischen Bevölkerung. Und hoffen, weitere Tonträger veröffentlichen zu können."

    Die Ausstellung ist noch bis zum 21.November 2021 im Projektraum Kunstverein Wagenhalle in Stuttgart zu sehen.

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