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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 14.10.2016

NahrungsergänzungDie Renaissance des Lebertrans

Von Udo Pollmer

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Lebertran in Kapselform. (imago/View Stock)
Lebertran in Kapselform. (imago/View Stock)

Generationen von Kindern haben den Geschmack von Lebertran gehasst. Nun feiert das Öl ein Comeback. Mit seinem hohen Vitamingehalt werden vor allem Mütter umworben. Doch Udo Pollmer warnt vor den Gefahren des vermeintlichen Wundermittels.

Wer hätte das gedacht? Der einst bei Kindern so ungeliebte Lebertran feiert inzwischen fröhliche Urständ als "natürliche" Nahrungsergänzung. Längst gehört der früher abstoßend tranige Geschmack der Vergangenheit an, auch wenn das Produkt nach wie vor aus der Leber von Kabeljau, Schellfisch oder Hai gewonnen wird.

Früher bekamen ihn die meisten Kinder automatisch ohne Bestimmung ihres tatsächlichen Vitamin D-Spiegels gegen die damals weit verbreitete Rachitis verabreicht.

Die Ärzteschaft stütze sich auf Versuche ihres Londoner Kollegen Sir Edward Mellanby. Der hatte 1919 den therapeutischen Nutzen von Dorschleberöl, von Butter und von Rindernierenfett bei rachitischen Hunden nachgewiesen.

Schwächer wirksam waren Fleisch, Fleischextrakt und Rindertalg. Ausdrücklich warnte er vor pflanzlicher Ersatzmilch für Kinder. Ursache der Rachitis waren damals Unterernährung, ein Mangel an tierischer Kost sowie ein Mangel an Licht, bedingt durch die oftmals unsäglichen Wohnverhältnisse – man denke nur an das Arbeiterproletariat oder an die im letzten Weltkrieg zerstörten Städte. Sonnenlicht fördert die Bildung von Vitamin D in der Haut.

Die Vitamine sind teilweise synthetischen Ursprungs

Jetzt, wo diese schlimmen Zeiten vorbei sind, erlebt das Produkt eine Wiedergeburt: "Lebertran ist ein Wundermittel", schallt es aus dem Internet.

Das tolle Fischöl-Image und der natürliche Vitamingehalt sollen offenbar gesundheitsbewusste Mütter ansprechen. Doch mit der Natürlichkeit ist das so eine Sache: Die Vitamine im Lebertran sind teilweise synthetischen Ursprungs, sie werden zur Standardisierung zugesetzt, um den ausgelobten Vitamingehalt zu erreichen.

Vor 100 Jahren war der Tran eine segensreiche Arznei, doch was bewirkt er heute? Lebertran enthält nicht nur Vitamin D, sondern auch reichlich Vitamin A. Da Vitamin A bekanntermaßen Missbildungen verursachen kann, wird Schwangeren geraten, vor der Einnahme von Tran sicherheitshalber den Arzt zu fragen, oder lieber gleich die Finger davon zu lassen.

Zu allem Überfluss hat sich das Naturprodukt in einer isländischen Studie völlig unerwartet als Ursache von Präeklampsie erwiesen – also hohem Blutdruck während der Schwangerschaft. Die Zahl der Patientinnen hat sich mit Lebertran beinahe verfünffacht. Als Ursache werden die als besonders gesund geltenden Fischfettsäuren vermutet.

Knochenschäden, Asthma, Nierenversagen

Ebenso überraschend wie dieser Befund kam die Nachricht, Lebertran könne durch das viele Vitamin A die Knochen schädigen. Die Nord-Tröndelag-Gesundheits-Studie mit 3.000 älteren Norwegerinnen ergab, dass Frauen, die als Kinder Lebertran geschluckt hatten, im Alter brüchigere Knochen aufwiesen.

In einer weiteren Studie mit 30.000 Norwegern stieg mit Lebertran die Asthmarate um beinahe zwei Drittel. Als Ursache wird auch hier das Vitamin A angesehen. In Norwegen wurde deshalb der Vitamin A-Gehalt von Lebertran um 75 Prozent gesenkt.

Man hätte längst gewarnt sein können: Denn bereits vor 100 Jahren wurden Vergiftungen durch Lebertran beobachtet. Schon damals deuteten die Tierversuche auf eine Überdosis an Vitaminen hin. Das Risiko ist bis heute präsent: In Italien wurden unlängst Lebertran-Kapseln verkauft, deren Gehalt an Vitamin D tausendmal höher lag als auf der Packung angegeben.

Aufgefallen ist der Dosierungsfehler italienischen Ärzten aufgrund mehrerer Fälle von unerklärlichem Nierenversagen.

Was wird aus dem historischen Wundermittel?

Auch können die Präparate – weil aus der Natur gewonnen – unerwünschte Naturstoffe enthalten. Fische nehmen seit jeher aus dem Meer Arsenverbindungen auf, die sich dann in der Leber anreichern. Arsenvergiftungen durch überreichlichen Konsum von Fischölkapseln sind dokumentiert.

Gerade der Dorsch sammelt diese Substanzen in seiner Leber – bis zu einem viertel Gramm Arsen pro Kilo wurden schon angetroffen.

Wie geht es weiter mit diesem historischen Wundermittel? Erst flog die Überdosis Vitamin A raus, vermutlich werden eines Tages die Gehalte an Vitamin D-Verbindungen gesenkt und schließlich wird wohl das Leberöl ersetzt. Dann ist das Produkt so unbedenklich wie eine Fischsemmel. Mahlzeit!

Wohlfahrtszentrum, Aufnahme aus dem Jahr 1900: Mütter erhlaten hier Trockenmilch, Orangensaft und Lebetran. (imago/United Archives International)Wohlfahrtszentrum, Aufnahme aus dem Jahr 1900: Mütter erhlaten hier Trockenmilch, Orangensaft und Lebetran. (imago/United Archives International)

Literatur

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Mellanby E: An experimental investigation on rickets. Lancet 1919; I: 407-412

Barton AL, McLean B: An unusual case of peripheral neuropathy possibly due to arsenic toxicity secondary to excessive intake of dietary supplements. Annals of Clinical Biochemistry 2013; 50: 496–500

Olafsdottir AS et al: Relationship between high consumption of marine fatty acids in early pregnancy and hypertensive disorders in pregnancy. BJOG 2006; 113: 301–309

Michaelsson K et al: Serum retinol levels and risk of fracture. New England Journal of Medicine 2003; 348: 287-294

Sele V et al: A study of lipid- and water-soluble arsenic species in liver of Northeast Arctic cod (Gadus morhua) containing high levels of total arsenic. Journal of Trace Elements in Medicine and Biology 2015; 30: 171-179

Werler MM et al: Maternal vitamin A supplementation in relation to selected birth defects. Teratology 1990; 42: 497-503

Forsmo S et al: Childhood cod liver oil consumption and bone mineral density in a population-based cohort of peri- and postmenopausal women: the Nord-Trondelag Health Study. American Journal of Epidemiology 2008; 167: 406-411

Melhus H et al. Excessive dietary intake of vitamin A is associated with reduced bone mineral density and increased risk for hip fracture. Annals of Internal Medicine 1998; 129: 770–788

Binkley N, Krueger D: Hypervitaminosis A and bone. Nutrition Reviews 2000; 58: 138–144

Mai XM et al: Cod liver oil intake and incidence of asthma in Norwegian adults—the HUNT study. Thorax 2013; 68: 25–30

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