Autorin und Künstlerin Nahid Shahalimi

Mit Widerstandsfähigkeit geboren

74:17 Minuten
Nahid Shahalimi fühlte sich in Kanada schnell heimisch, erst in Deutschland als Ausländerin.
Nahid Shahalimi © Getty Images
Moderation: Katrin Heise · 01.01.2022
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Nahid Shahalimis Kindheit in Kabul war lange unbeschwert, bis der Vater starb und die Familie schließlich aus Afghanistan flüchten musste. Heute kämpft die Autorin für die Rechte afghanischer Frauen – umso mehr, seit die Taliban wieder an der Macht sind.
Schon als Elfjährige fasste Nahid Shahalimi den Entschluss, eines Tages nach Afghanistan zurückzukehren – da war sie gerade mit ihrer Familie zu Fuß auf der Flucht über die Berge nach Pakistan. Erst 2011, 25 Jahre später, war es schließlich soweit. Seitdem reist die Autorin, die mittlerweile in Deutschland lebt, immer wieder in das Land ihrer Geburt.

„Wir sind noch da!“

„Ich habe nur Schönheit gesehen“, sagt sie über ihren ersten Besuch seit der Flucht. Das Land war von Jahrzehnten der Kriege gezeichnet, und trotzdem: „Es war wie ein Traum.“ Beeindruckt haben sie auf ihren Reisen immer wieder die Frauen des Landes, die auch unter schwierigsten Bedingungen versuchen, ihre Freiheit zu wahren.
Buchcover zu "Wir sind noch da. Mutige Frauen aus Afghanistan" von Nahid Shahalimi.
"Wir sind noch da" ist Nahid Shahalimis zweites Buch über Frauen aus Afghanistan.© Elisabeth Sandmann Verlag
Zwei Bücher hat Nahid Shahalimi über die Frauen Afghanistans geschrieben: „Wo der Mut die Seele trägt“ und in diesem Jahr „Wir sind noch da! Mutige Frauen aus Afghanistan“. Das aktuelle Buch, in dem sie 13 unterschiedlichste Frauen – von der politischen Aktivistin bis zur Pilotin – porträtiert, erschien kurz nach der Machtübernahme der Taliban und dem Abzug der internationalen Truppen im Sommer 2021. Die Tage nach dem 15. August, in denen sie versuchte, mit ihren Freundinnen, Kolleginnen, den interviewten Frauen Kontakt zu halten, seien „die emotionalsten Wochen in meinem Leben gewesen“, dabei habe sie schon einiges erlebt.
Innerhalb von sieben Wochen und oft mit nur wenigen Stunden Schlaf sei das Buch entstanden, das Einblick in das Leben afghanischer Frauen gibt, wie er aus europäischer Distanz in der Form selten zu sehen ist.

Das Trauma der Flucht bleibt

Nahid Shahalimi hat früh gelernt, was es heißt, sich seine Freiheit zu bewahren – nicht zuletzt von ihrer Mutter, die „wahrscheinlich stärkste Frau, die ich in meinem Leben kennengelernt habe“. Geboren 1973 in Kabul, ist Shahalimi unbeschwert mit drei Schwestern in einer 37-Zimmer-Villa aufgewachsen. Große Feiern, Sport, Privatlehrer, das alles gehörte zu ihrer Kindheit dazu. Dem Vater, einem Minister, Botschafter, später politischem Berater lag – wie seiner Frau – die Bildung der Töchter am Herzen. Er sei „ein Visionär“ gewesen.
Doch 1981, zwei Jahre, nachdem die sowjetischen Truppen in Kabul einmarschiert waren, starb ihr Vater und mit ihm der männliche Schutz der Familie. „Es ist auf einmal ganz dunkel geworden.“ Nach Drohungen gegen die Familie und Einschüchterungen floh die Mutter 1985 mit ihren Töchtern zunächst nach Pakistan, bis die Familie einige Monate später ein Visum für Kanada erhielt. Der Zusammenhalt der Familie habe ihr in all der Zeit Trost gegeben, „aber das Trauma bleibt“.

In Deutschland das erste Mal Ausländerin

Sie habe sich „von Anfang an als Kanadierin gefühlt“, sagt die Autorin heute über ihre Ankunft in Montréal. Von der Schulsekretärin über die Lehrerin bis zur Volleyballtrainerin: Alle hätten ihr und ihrer Familie mit viel Geduld alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nahegebracht. Sie kam in den Genuss der oft gerühmten kanadischen Integrationsprogramme und hatte dabei doch nie „das Gefühl, ich muss meine afghanische Identität abgeben.“
Ganz anders in Deutschland, wo Nahid Shahalimi nach ihrem Studium der Bildenden Kunst und internationalen Politik eine Familie gründete. „Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben als Ausländerin gefühlt.“ Das sei, sagt die Wahl-Münchnerin, die zuvor schon auf der ganzen Welt unterwegs war, „eine Watsche“ gewesen. Schnell hat sich die Künstlerin, die etwa schon die deutsche Männer-Fußballnationalmannschaft porträtiert hat und sechs Sprachen fließend spricht, aber auch in Deutschland eingelebt.

„Wir bauen unsere eigene Zukunft, wie wir das wollen“

Heute setzt sich die 48-Jährige auf unterschiedlichen Ebenen für die Rechte von Frauen in Afghanistan ein. Nicht nur mit ihren Büchern will sie ein wahrhaftigeres Bild des Lebens dort zeichnen – von Dirigentinnen, Unternehmerinnen, Skateboarderinnen und einer Generalin –, auch in politischen Prozessen müssten Frauen sichtbarer werden, fordert Shahalimi. Das gelte nicht nur in Verhandlungen mit den Taliban, die aus ihrer Sicht nur unter der Voraussetzung stattfinden sollten, dass die Freiheit der Frauen gewahrt werde, sondern auch in Gesprächen mit internationalen Vertretern, bei denen oft ebenfalls nur Männer am Verhandlungstisch säßen.
Nahid Shahalimi über "Wir sind noch da! Mutige Frauen in Afghanistan"
10:29 Minuten
Es gehe darum, den Mädchen von heute weibliche Vorbilder zu liefern, „Sheroes“, die ihnen zeigten: „Wir bauen unsere eigene Zukunft, wie wir das wollen“. Der Kampf gegen bestehende Strukturen mache „ab und an schon müde“, aber ihr Ziel, das Leben der Afghaninnen zu verbessern, sei „fest in Stein gebohrt“.
„Diese Widerstandsfähigkeit“, sagt Nahid Shahalimi, „ich glaube, ich bin damit geboren. Und viele Afghaninnen und Afghanen sind damit geboren.“
(era)