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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.08.2014

Naher Osten"Die Juden wissen genau, wer sie angespuckt hat"

Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung über den aktuellen Antisemitismus

Moderation: Philipp Gessler

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Demonstration gegen die israelischen Angriffe im Gazastreifen in Stuttgart. (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Maurer)
Demonstration gegen die israelischen Angriffe im Gazastreifen in Stuttgart. (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Maurer)

Seit dem Gaza-Krieg nehmen die Übergriffe auf Juden in Deutschland zu. Mit dem Ende der Kampfhandlungen gehen diese zwar zurück, sagt die Vorsitzende der Amadeu Antonio Anetta Kahane. Die antisemitische Haltung vieler bleibe aber bestehen.

Philipp Gessler: Drei Männer haben in der Nacht zum Dienstag mehrere Molotowcocktails auf die Synagoge in Wuppertal geworfen. In Berlin wurde vergangene Woche ein 18-jähriger Mann im Stadtteil Charlottenburg völlig unerwartet von einem Unbekannten auf offener Straße geschlagen – ganz offensichtlich nur, weil er eine Kippa trug. Am gleichen Tag wurde im nordrhein-westfälischen Herne ein Mahnmal für Holocaustopfer beschädigt. Meldungen wie diese häufen sich, seitdem die israelische Armee den Gazastreifen bombardiert. Aber was hat der Krieg im Nahen Osten mit den hier lebenden Juden zu tun? Warum fühlen die sich plötzlich bedroht? Und was kann man gegen Judenfeindlichkeit überhaupt tun?

Vor der Sendung habe ich darüber mit Anetta Kahane gesprochen. Sie ist die Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation Amadeu Antonio Stiftung. Die 1998 gegründete Stiftung – Schirmherr ist der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse – versucht, die Zivilgesellschaft in ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu stärken. Die Stiftung sammelt seit Jahren Meldungen über antisemitische Vorfälle in Deutschland. Meine erste Frage an Anetta Kahane war, wo ihrer Meinung nach Israelkritik in Antisemitismus abrutscht.

"Ich verstehe das Wort Israelkritik überhaupt nicht"

Anetta Kahane: Ich bin ein bisschen müde von der Frage, ehrlich gesagt, weil ich verstehe das Wort Israelkritik überhaupt nicht. Es gibt einen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern und zwischen Israel und der arabisch-muslimischen Welt, und da kann man natürlich Partei ergreifen, muss man aber nicht. Die Frage, ob es Israelkritik gibt, stellt sich mir deshalb nicht, weil es auch keine Ägyptenkritik gibt oder keine Hamaskritik oder keine Syrienkritik oder irgend so was. Und in dem Zusammenhang – ich meine es ganz ernsthaft, ich hab darüber sehr lange nachgedacht – in diesem Zusammenhang kommt mir das Wort Israelkritik immer so absurd vor. Das Wort allein zeigt schon, dass in dem Konflikt auf eine Seite ganz besonders kritisch geguckt wird, nämlich auf Israel. Wann Israelkritik in Antisemitismus umschlägt, ist ganz klar.

Es gibt einen Item, der immer erhoben wird, wenn man über sekundären Antisemitismus nachforscht, und der lautet: So, wie die Israelis sich den Palästinensern gegenüber verhalten, kann man gut verstehen, dass einem die Juden unsympathisch sind. Da wird eine direkte Verbindung zwischen Juden und Israel hergestellt. Diese Verbindung ist ja vorhanden, natürlich haben alle Juden in irgendeiner Weise was mit Israel zu tun, weil das Wort Israel in jedem Gebet vorkommt. Aber wenn man Juden, also säkulare Juden und überhaupt Juden, mit Israel, mit dem Staat Israel gleichsetzt, dann kann man das natürlich sofort übertragen auf die Frage, ob die zu uns gehören oder nicht. Und dann ist es antisemitisch.

Gessler: Wenn Israel einen Krieg führt wie im Augenblick, wird der Antisemitismus offenbar oder offener geäußert, der sonst eher im Verborgenen bleibt. Ist das richtig?

Kahane: Das ist richtig, das haben auch alle Studien gezeigt, die immer, wenn es zufällig gerade in der Situation war, dass Israel Krieg geführt hat, dann erhoben wurden, dann gingen immer die Werte rapide hoch. Das geht dann wieder runter, wenn sozusagen der Krieg nicht gerade akut ist, aber in solchen Situationen gehen die Werte immer total hoch. Also zum Beispiel, dass Israel einen Vernichtungskrieg führt, also eine Terminologie, die den Nazis gehört, das geht dann ganz schnell, ganz hoch, bis zu 70 Prozent der Bevölkerung, die dann sagen, dass Israel einen Vernichtungskrieg führt und solche Sachen. Das ist erwiesen.

Die Frage ist, wo bleibt diese Art von Antisemitismus, wenn es gerade keinen Krieg gibt? Geht die dann weg, geht die woanders hin, vergessen die Leute das, oder ist es dann noch da? Und das ist das, was Juden beunruhigt, die, egal wie sie zu Israel stehen und zu dem Krieg, der da gerade geführt wird, immer sozusagen in Haftung genommen werden und immer identifiziert werden und der Hass sich immer auch auf sie richtet. Und diese Leute, wenn sie Angst haben, die vergessen das nicht so einfach. Also wenn der Konflikt vorbei ist und der Hass abebbt, dann wissen die Juden, die in Europa, in Deutschland rumlaufen, immer noch ganz genau, wer sie vor ein paar Tagen noch angespuckt und angeschrien hat. Und das, glaube ich, bleibt dann auch so, das ist dann eben nur noch wieder verborgen.

Gessler: Ist denn die These richtig, dass Antisemitismus zwar in allen Schichten in Deutschland vorkommt, handgreiflich gegen Juden aber werden in Zeiten wie diesen vor allem muslimisch geprägte junge Männer aus Migrationsfamilien. Ist das richtig?

"Jeder Mensch hat die Möglichkeit zu entscheiden, wie er handelt"

Kahane: Ja, es ist zum Teil richtig, ich hab das selbst auf Demonstrationen erlebt. Es gibt da so eine Art von Gruppendynamik, die entsteht, die gerade dann besonders hochkocht und dann auch sehr gewalttätig sein kann, sehr aggressiv wird, was über das hinausgeht, was man normalerweise von Demonstrationen kennt – da gibt's immer eine Dynamik und da ist immer viel Aggression dabei, wenn es in Konfrontationen geäußert wird. Aber da wird es dann so, dass man das Gefühl hat, dass es nicht zu kontrollieren ist, also die Tatsache, dass einem auch das Gefühl gegeben wird, die Leute können sich auch selber nicht kontrollieren, es ist die Masse, die da plötzlich so agiert. Und wenn die Leute sich selber nicht kontrollieren können, können sie es auch sozusagen außerhalb des Demonstrationskontextes nicht.

Ich finde, das ist ein bisschen eine kulturalistische Haltung, ich finde das nicht gut, wenn man sagt, die Muslime sind halt so, die neigen dann zu Gewalt, die haben sich dann nicht unter Kontrolle. Ich finde, jeder Mensch hat die Möglichkeit zu entscheiden, wie er handelt und wann er wie handelt, aber ich habe das auch erlebt, ganz genau so, bei nicht muslimischen biodeutschen Demonstranten. Biodeutsche Demonstranten reagieren da manchmal genauso, die im Hintergrund so ein bisschen sind, aber dann auch sehr gewalttätig und sehr aggressiv werden, im Schatten des muslimischen Furors, der vorne vorgemacht wird, und die da zum Teil sehr hinterhältig reagieren.

Also ich hab auf Demonstrationen schon erlebt, dass dann einer von den Leuten, die aus dem deutschen Kontext sind, zum Beispiel mich gesehen haben und dann mit dem Finger gezeigt haben und "da ist ne Zionistin" geschrien haben und dann das so laut gebracht haben, dass diese scheinbar nicht zu kontrollierenden Hamasjünger darauf aufmerksam, auf so eine Person wie mich dann aufmerksam werden und dann die Gefahr besteht, dass es eskaliert oder dass da auch körperliche Gewalt angewendet wird. Das hab ich ein paar Mal erlebt, das ist eine Symbiose aus verschiedenen Schichten und Gruppierungen. Und dass man die einen das ausagieren lässt und für die anderen als Stichwortgeber fungiert, das zeigt, dass es wirklich ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist.

Gessler: Sind denn antisemitische Klischees auch wegen einer fast 2000-jährigen antijudaistischen Tradition des christlichen Abendlandes so sehr Teil unserer Kultur, dass wir sie auch unbewusst weitertragen, ohne es vielleicht sogar zu wollen?

Kahane: Fragen Sie mich nicht, ich weiß das nicht, ich bin Jüdin. Also ich hab diese Bilder nicht – ich kann sie mir vorstellen, aber es ist tatsächlich, es bedarf einer gewissen Anstrengung, mir das vorzustellen von außen. Aber ja, ich beobachte das schon. Also es gibt immer diesen großen Vorbehalt, diese große Distanz gegenüber Juden – wegen ihrer Verfolgung, aber auch wegen ihrer sogenannten Eigenart. Um ehrlich zu sein, es gibt ja eine Theorie zum Antisemitismus, die sagt, der Antisemitismus selbst hat mit Juden gar nichts zu tun – die können machen, was sie wollen, die werden einfach immer gehasst, weil man jemand braucht, auf den man alles abschieben kann. Ich finde, das stimmt nur zum Teil.

Das heißt nicht, dass die antisemitischen Klischees recht haben, sondern dass Eigentümliche, was Juden haben, auch das ist, was andere Menschengruppen unheimlich provozieren. Zum Beispiel der Freiheitsbegriff, der Individualitätsbegriff und der Eigenverantwortungsbegriff, der im Judentum fest verankert ist, der Grundessenz des Judentum bildet, kann sowohl auf Sympathie als auch auf große Ablehnung stoßen. Und meiner Meinung nach ist diese momentane antisemitische Bewegung auch eine, die sehr antifreiheitlich ist. Also die setzt auf Bewegungen wie die Hamas, die ja nun alles andere als eine demokratische und zivile Bewegung ist, sondern im Gegenteil sich das Mittelalter herbeiwünscht. Und dass man sich damit identifiziert und das als eine Freiheitsbewegung betrachtet, die einen befreit von der Last eines demokratischen Systems, in dem man Verantwortung übernehmen und selber Entscheidungen treffen soll, das ist das, was mich so sehr beunruhigt. Und meiner Meinung nach ist da auch ein Stück Antisemitismus als Kern einer Sehnsucht nach Unfreiheit, wenn Sie so wollen.

Gessler: Gerade in Deutschland – und das passt ja dazu – ist die Neigung groß, die Israelis in Kriegen mit, Sie haben das ja angedeutet, mit den Nazis zu vergleichen, also so eine Art Schuldumkehr, die Opfer von einst sollen die Täter von heute sein, um sich selbst als Deutscher zu entlasten. Sehen Sie diese Tendenzen auch derzeit?

"Schuldumkehr ist die Lieblingssportart aller Israelkritiker"

Kahane: Ja, sicher. Schuldumkehr ist sozusagen die Lieblingssportart aller sogenannten Israelkritiker. Das ist das, was als Allererstes gemacht wird, endlich sagen zu können oder sagen zu dürfen, was man angeblich nicht sagen darf, weil ja die Juden überall die Macht haben und überall zensieren. Das ist sozusagen die wahnhafte Annahme, die dahintersteckt, dass man erstens Israel nicht kritisieren darf und zweitens, dass man die Juden nicht kritisieren darf, weil sie ja wie gesagt überall die Hände im Spiel haben. Aber das Erste, was dann aus den Bäuchen herauskriecht sozusagen, ist, dass man endlich sagen kann: Siehste, die sind auch nicht besser, im Gegenteil, die sind noch viel schlimmer, als unsere Großväter das waren. Und wenn die sich so benehmen, ist es ja vielleicht auch nicht so schlimm, was unsere Großväter gemacht haben. Ich meine, klar, man soll jetzt nicht Menschen maschinell umbringen und so, das ist schon richtig, aber man sieht ja, dass die auch nicht besser sind. Also das ist natürlich auch eine Form von Entlastung. Und dieses ständige Vergleichen, dieses ständige sich entlasten, dieses ständige Umdrehen von Tatsachen und Schuld ist sozusagen einer der treibenden Mechanismen des Antisemitismus. Das ist seine modernste Funktion. Der Antisemitismus von heute ist eine Ideologie der Schuldentlastung, der immer sozusagen auch politisch versucht, sich aus einer Verantwortung rauszunehmen.

Gessler: Wie kann man denn Antisemitismus überhaupt zurückdrängen – nur durch Erziehung?

Kahane: Es gibt ja viele Leute, die sagen, man kann Antisemitismus nicht zurückdrängen – ich bin davon nicht überzeugt. Ich glaube, was die Migranten betrifft, ist es auch eine Frage des Zusammenhalts und der Gleichberechtigung, die da eine Rolle spielen muss. In dem Maße, wo junge Leute Teil der deutschen Gesellschaft ohne Wenn und Aber werden, können sie sich auch mehr distanzieren von elterlichen Auffassungen, die mitunter da eine große Rolle spielen. Das eine, was mich auch sehr besorgt, ist die sogenannte Antirassismusszene, also Leute, die für die Rechte von Einwanderern und Flüchtlingen kämpfen, oftmals einen sehr brutalen Antizionismus und Antisemitismus vor sich hertragen und gar nicht sich darüber klar sind, in welches anti-emanzipatorische Fahrwasser sie sich da begeben. Also das ist etwas, was mich wirklich erschüttert und wo ich mir dauernd den Kopf zerbreche, was man dagegen machen kann.

Andererseits haben wir als Amadeu Antonio Stiftung schon Anfang der 2000er-Jahre angefangen, Fortbildungen zu machen für Leute, die in Antirassismus- und Antirechtsextremismus-Projekten arbeiten, um denen zu erklären, was eigentlich Antisemitismus ist und wie das funktioniert mit Israel und der Stellvertreterrolle, die Israel hat. Und wir haben versucht, das auszudifferenzieren und zugänglich zu machen als Thema, und das hat auch funktioniert ganz gut. Wir haben gerade jetzt in Ostdeutschland festgestellt, dass viele Leute, die in Zusammenhang mit der Bewegung, wie wir sie aufgebaut haben gegen Rechtsextremismus, arbeiten, dass sehr, sehr viele in Bezug auf Antisemitismus eine sehr klare Haltung haben. Das finde ich total ermutigend, und das bedeutet, dass sich zeigt, dass man mit Bildung was machen kann. Die Frage ist nur, wie man das macht und mit wem man das macht und auf welcher Grundlage.

 Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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