Nagellack bei Männern

    Statement oder nur gut gegen Nägelkauen?

    07:54 Minuten
    Bunte Fingernägel an einer Männerhand.
    Rocker mit Nagellack aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren wollten wohl eher ihre Männlichkeit unter Beweis stellen. Heutige „Rolemodels“ stehen für mehr Gleichberechtigung ein.  © Getty Images / Claudio Lanvenia
    Von Niko Nowak · 02.12.2021
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    David Bowie, Steven Tyler, Kurt Cobain haben es vorgemacht und jetzt erleben die farbigen Fingernägel an Männerhänden ein Revival. Ein Zeichen dafür, dass Geschlechternormen aufbrechen, ist das aber nur bedingt.
    Eines gleich vorneweg. Männer, die sich die Fingernägel lackieren, sind n‘ alter Hut: David Bowie, Steven Tyler, Kurt Cobain… Bemalte Fingernägel – vorzugsweise in schwarz – haben einfach dazugehört zum Bild des exzentrischen Rockers der 70er, 80er und 90er.
    Und heute? Irgendwie scheinen farbige Fingernägel an haarigen Händen gerade ein Revival zu erleben. Aber was ist heute anders? Auch abseits des Rampenlichts nehmen scheinbar immer mehr Männer den kleinen Farbpinsel in die Hand.
    „Also so wirklich regelmäßig trage ich Nagellack erst seit einem Jahr, glaube ich. Davor habe ich mich noch nicht so ganz getraut“, erzählt Bao Pham, 23 Jahre alt, aus Berlin.

    Als Kind komisch angeguckt

    „Ich habe schon als Kind meine Mutter immer gefragt: ‚Kannst du mir Nagellack draufmachen‘. Da war ich superklein. Und dann irgendwann habe ich bemerkt, dass es in der Gesellschaft anscheinend nicht so gut ankommt, wenn Jungs Nagellack tragen. Deswegen habe ich das, glaube ich, für 10 bis 15 Jahre gelassen.“
    Inzwischen hat Bao Pham einen toleranten Freundeskreis, auch seine Familie akzeptiert seinen neuen Look, aber bei der Arbeit als Verkäufer im Einzelhandel hat er auch schon negative Erfahrungen gemacht.
    „Ich hatte mal einen Kunden gehabt – da habe ich schon mitbekommen, dass er die ganze Zeit über mich redet. Und irgendwann hat der Vater von der Familie mich dann angesprochen und gefragt: ‚Du Mann oder Frau?‘. Und da meinte ich: ‚Ich bin ein Mann.‘ Und da meinte der Vater: ‚Ja, aber wieso Nagellack?‘ Und da meinte ich so: ‚Weil’s mir gefällt.‘ Und das ist halt so krass, denn wenn man als Mann Nagellack trägt in unserer Gesellschaft, dann wird einem oft die Männlichkeit abgesprochen.“
    Wobei es auch ganz praktische Aspekte haben kann, wenn Männer sich die Nägel lackieren: Immerhin verhindert Nagellack Nägelkauen.

    Bemalte Fingernägel als Statement

    Bao Pham ist in den sozialen Medien sehr aktiv. Auf Youtube erzielen ein paar seiner Videos mehr als 10.000 Klicks.
    Mit seinen bemalten Fingernägeln möchte er auch ein Statement setzen.
    „Es hat auch eine Vorbildfunktion für andere Jungs, die sich eventuell nicht trauen. Ich weiß noch, in den letzten 10 bis 15 Jahren, wo ich keinen Nagellack getragen habe – ich habe da auch nie andere Jungs oder männliche Persönlichkeiten gesehen, die Nagellack getragen haben. Ich glaube, wäre das anders gewesen, hätte ich öfter mal Menschen gesehen, die Nagellack tragen, dann hätte ich mich eher getraut, weil ich Rolemodels gehabt hätte, bei denen ich mir was abgucken kann.“

    Rapper Lil Yachty als Rolemodel

    Von solchen Rolemodels – Vorbildern – gibt es immer mehr. Einer von ihnen ist Lil Yachty. Der US-amerikanische Rapper hat im Frühling eine eigene Nagellackkollektion für Männer kreiert, kurz nachdem ein texanischer Teenager wegen seiner bunten Fingernägel von der Schule verwiesen wurde.
    Vorbild möchte auch Harry Styles sein. Der britische Sänger hat erst vor wenigen Wochen eine ganze Linie an Kosmetikprodukten auf den Markt gebracht - natürlich inklusive Nagellack.
    „Unsere Mission: fröhliche Erfahrungen und Produkte schaffen, die die Sinne anregen und Grenzen sprengen“, verkündet Harry Styles im Werbevideo auf TikTok.
    Das Besondere seiner Marke ist nämlich: Sie ist explizit genderneutral. 

    Einstehen für mehr Gleichberechtigung

    Während die meisten Nagellack-Rocker der 70er-, 80er- und 90er-Jahre mit ihrem Stilbruch wohl eher ihre Männlichkeit unter Beweis stellen wollten, so stehen die heutigen „Rolemodels“ für mehr Gleichberechtigung ein. 
    „Ich finde, es ist überhaupt nicht nötig, dass man diese Geschlechtertrennung macht. Heute darf ein Mann genauso mit Highheels und einem Rock durch die Gegend laufen wie eine Frau in einem Hosenanzug oder einem Smoking“, sagt Unternehmerin Nicole Simon. Als sie vor fünf Jahren in Mönchengladbach ihr eigenes Nagellack-Label gegründet hat, hat sie eine Linie speziell für Männer gleich von Beginn an ins Sortiment genommen.
    „Das war mir sehr wichtig. Natürlich – das war 2016 – da wurde das noch nicht ganz so angenommen wie heute. Aber der gepflegte Mann gehört auch einfach dazu und dazu gehört auch, dass er ein eigenes Produkt bekommt. Und warum soll ein Mann, für den es für alles ein eigenes Produkt gibt, einen Nagellack für die Frau kaufen? Das macht für mich überhaupt keinen Sinn.“

    Industrien, die Vorstellungen verkaufen

    Lil Yachty, Harry Styles, Nicole Simon: Sie alle wollen mit Kosmetikprodukten Geschlechtergrenzen auflösen. Eigentlich ja ein löbliches Motiv. Aber kann das wirklich funktionieren?
    „Nur weil genderneutral konsumiert wird, heißt es noch lange nicht, dass wir eine genderneutrale Gesellschaft haben“, sagt Änne Söll, Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Uni Bochum und Männlichkeitsforscherin.
    „Konsum verkauft ja Träume oder Vorstellungen, die nicht unbedingt realisiert sein müssen. Ein schöner Spruch von einer amerikanischen Kollegin über Kosmetik heißt: ‚Cosmetic is hope in a jar.‘ – ‚Hoffnung im Tiegel‘. Also: Kosmetik – und dazu gehört ja auch der Nagellack – ist eine Industrie, die Vorstellungen verkauft und nicht unbedingt für Wandel steht, sondern ihn höchstens andeutet oder minimal reflektiert – wenn man positiv gestimmt ist.“

    Helfen, Geschlechternormen aufzubrechen

    Okay, die Kosmetikindustrie will Geld machen. Schon klar. Aber was bedeuten männliche lackierte Fingernägel für unsere Geschlechternormen? Bao Pham glaubt nicht mehr an die traditionelle Vorstellung von Männlichkeit.
    „Viele haben ja noch dieses alte Bild. Männlich ist, wenn du keine Gefühle zeigst. Männlich ist, wenn du trainieren gehst und die Person bist, die in der Familie das Geld macht und alles Mögliche. Und in meinen Augen – wenn man das jetzt neu definieren würde – wäre für mich Männlichkeit eher sowas wie, dass der Mann weiß, was er will, und dass er sich einfach traut, Sachen zu machen, ohne dass andere ihn dafür belächeln.“
    Können Männer mit lackierten Fingernägeln also ein Zeichen dafür sein, dass Geschlechternormen aufbrechen?
    „Ja und nein“, sagt die Männlichkeitsforscherin Änne Söll.
    „Meistens ist es ja so, dass Frauen sich eigentlich männliche Eigenschaften aneignen und sich dadurch emanzipieren. Man muss auch dazu sagen, dass die ganze Unisex-Mode eigentlich Männermode ist, die dann Frauen sich aneignen. Und es ist ja auch sehr begrüßenswert, wenn es mal in eine andere Richtung geht, also wenn Männer sich sowas wie Nagellack aneignen, das eigentlich weiblich konnotiert ist. Das hat aber erstmal keinen nachhaltigen Effekt, sondern nur einen provokativen Moment, der meiner Meinung nach darin sich auch verliert.“

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