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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 10.10.2005

Nähe zur Macht oder engagierte Einmischung?

Schriftsteller Matthias Politycki und Politologe Herfried Münkler über Verhältnis Politik und Literatur

Moderation: Holger Hettinger

Der Schriftsteller Matthias Politycki (Barbara Niggl Radloff)
Der Schriftsteller Matthias Politycki (Barbara Niggl Radloff)

Der Schriftsteller Matthias Politycki wünscht sich mehr gesellschaftliches Engagement der Schriftsteller in Deutschland. Doch zugleich verwahrt er sich dagegen, von Parteien politisch vereinnahmt zu werden. Der Politologe Herfried Münkler sagte, Literaten hätten eine seismographische Funktion.

Hettinger: Wie politisch können Schriftsteller sein und wie politisch sollen Sie sein? Ich begrüße heute morgen im Studio von Deutschlandradio Kultur den Schriftsteller Matthias Politycki und den Politologen Professor Herfried Münkler, schönen guten Morgen. Herr Politycki, ein Großteil Ihrer Kolleginnen und Kollegen scheint sich zurückgezogen zu haben, die politische Realität ist hier sehr selten auf dem Schirm. Warum ist das so?

Politycki: Na ja, wir haben ja selber alle eine starke Vorgängergeneration, die 68er, gehabt, die uns lange vorgemacht hat, wie es geht, in der Schulzeit, während des Studiums, so dass eigentlich fast alle, die ich kenne und in Erinnerung habe, gesagt haben "also das wollen wir auf keinen Fall". Wir haben uns ganz bewusst damals zurückgezogen aus diesen Feldern und erstmal "unser Ding" gemacht, wir wollten irgendwie zurück zu den Realia, nicht immer nur alles ausdiskutieren und das hat einfach eine Weile gedauert.

Ich meine, die Zeit ist einfach auch reif. Inzwischen sind die Zustände, die wir hier haben, nicht mehr so, dass man einfach nur sein Ding machen kann. Da haben sich eben unlängst ein paar Autoren zusammengetan, die nicht nur das übrigens auf ihre Fahne schreiben, die auch grundsätzlich für eine andere Literatur einstehen, aber eben auch für eine gesellschaftliche Vernetzung wieder von Autoren.

Was nicht heißt, dass wir politische Literatur schreiben, aber wir wollen mit unserem Spielbein eben auch das eine oder andere Mal eingreifen in das Gespräch, jetzt nicht als beständig mahnend oder uns schämend für irgendetwas, da gibt es andere, die das erfolgreich durchgeführt haben. Aber einfach im Versuch, einfach wieder mit gesellschaftlichen Gruppen ins Gespräch zu kommen, um vielleicht auf neue Ideen zu kommen.

Hettinger: Sie selbst sind Angehöriger dieses Netzwerkes. Also wenn ich Sie hier quasi in kollektive Haft nehme für dieses Versäumnis Ihrer Kollegen, bin ich bei Ihnen im Prinzip an der komplett verkehrten Adresse, weil Sie sich ja engagieren. Herr Professor Münkler, was halten Sie davon, wenn Schriftsteller dazu übergehen, sich zu konkreten politischen Fragen, zu drängenden Problemen des politischen Alltagsgeschäfts zu äußern?

Münkler: Ich denke, das Engagement von Literaten und Intellektuellen verläuft auch in Zyklen, und wenn es einen Punkt einer sehr großen Nähe zur Politik lange Zeit gegeben hat, ist es fast zwangsläufig so, dass sie sich dann für ein, zwei Jahrzehnte auch wieder auf eine Distanz zur Politik begibt, weil natürlich durch die Nähe zum politischen Geschäft, also jetzt nicht nur zur Beobachtung der Gesellschaft und dem, was sich da tut, sondern wirklich zum politischen Betrieb, gibt es natürlich auch Mechanismen des Verbrauchs und des Abschleifens und des Festgelegtwerdens.

Und die im Prinzip luxuriöse Distanz, die man als Literat und Intellektueller hat, die Fähigkeit dadurch auch neue Beobachtungen machen zu können, verbraucht sich damit natürlich auch. Das ist gewisser Maßen die Kostenseite eines hohen Engagements. Es gibt freilich auch eine Kostenseite der Distanz und des sich Heraushaltens, nämlich doch auch das Gefühl von Einflusslosigkeit, der Verlust an Bedeutung. Und insofern, denke ich, ist es jetzt schon an der Zeit, dass es eine Zurückbewegung gibt, nachdem sehr lange eigentlich sehr distanziert beobachtet wurde.

Hettinger: Es verbraucht sich, sagt Herr Münkler. Herr Politycki, wenn man konkret Stellung nimmt zu politischen Problemen, ist dann nicht auch die Gefahr, dass man direkt in den Slot gesteckt wird einer parteipolitischen Präferenznahme? Das Maß an Zwischentönen an Botschaft, meinetwegen auch Utopien, das man zu verbreiten hat, geopfert wird auf dem Altar der parteipolitischen Zuordnung?

Politycki: Das scheint mir sowieso ein Grundsatzproblem unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzung geworden zu sein, dass man sehr schnell irgendwelchen Lagern zugeordnet wird, egal zu welchem Thema man sich äußert, ist man entweder links oder rechts. Das finde ich unheimlich altmodisch, aber es funktioniert nach wie vor und gerade in diesem Bereich.

Natürlich, da muss man höchst subtil sich immer wieder vor Vereinnahmungen retten. Ein Schriftsteller, der für eine Partei Wahlkampf macht, möchte ich nicht sein, und möchte auch keiner derjenigen sein, mit denen ich mich um politisches Engagement im weiteren Sinne bemühe. Der Punkt des Autors ist zwischen allen Stühlen und deswegen wird er sicherlich auch immer wieder von allen anderen angefeindet. Aber nur da kann Erkenntnis stattfinden.

Und wir haben tatsächlich im Vorfeld uns vor Vereinnahmungen gerade seitens der SPD-Wahlkampfmaschine auch verwarnen müssen. Nichts liegt näher, komischerweise in Deutschland, als einen Schriftsteller der SPD zuzuordnen. Das ist ein Automatismus, der hier recht erfolgreich einige Jahrzehnte betrieben wurde oder zumindest simuliert.

Hettinger: Ist ja auch ganz schick, so im Fahrwasser von Grass?

Politycki: Finden wir ehrlich gesagt nicht. Wir sind alt genug, inzwischen alle so um die 50, um ohne Fahrwasser auskommen zu wollen und das klappt ja auch ganz gut.

Hettinger: Herr Münkler, in welchen Bahnen könnte das denn geschehen? Sie haben eben gesagt, es ist die Zeit für einen Rückbesinnung, wieder für eine stärkere Annäherung, die Schriftsteller sollen die Politik wieder stärker auf den Schirm bringen. Die Rahmenbedingungen haben sich auch ein wenig geändert: Der Glaube, der hehre Glaube an die historische Vernunft oder an so etwas wie meinetwegen ein Geschichtsziel, so etwas hat sich ja weitestgehend erledigt.

Münkler: Nun war das vielleicht nicht unbedingt auch in der Vergangenheit die Rolle der Schriftsteller, sondern die Geschichte und ihre klare Richtung haben eher die Philosophen bewirtschaftet und entsprechend unter die Leute gebracht. Ich denke, Schriftsteller, Literaten haben eine seismographische Funktion. Sie bleiben auch immer auf einer größeren Distanz zur praktischen Politik, wohingegen die Kollegen aus der Wissenschaft sehr viel näher rangehen, auch praktische Vorschläge machen, wie man ein Problem lösen können muss.

Und was das Problem der Bundesrepublik in den letzten zehn, 20 Jahren gewesen ist, ist, dass dieses Wechselspiel nicht geklappt hat. Wir haben beobachtet, wie gewissermaßen der Politikbetrieb dominiert worden ist von Kommissionen über Kommissionen und Kommissionen, die aber kein Gegengewicht mehr in einer Außenbeobachtung gehabt haben wie das, wenn es gut läuft und wenn die Kollegen von der Literatur tüchtig sind, genau deren Rolle ist.

Politycki: Darf ich mich da ganz konkret mal einschalten. Mir wurde das so klar, als die Sprachreform verabschiedet wurde, von Leuten, die eher sekundär mit Sprache zu tun haben, also Didaktiker. Da war kein einziger Autor an Bord, auch übrigens kein Kritiker oder Journalist, überhaut Leute, die viel mit Sprache zu tun haben und ich habe das wie ein Verrat empfunden: Hier wird über eine Sache befunden, wo doch die Kompetenz zu ganz anderen Ergebnissen gekommen wäre und übrigens auch derjenige, der von Schönheit der Sprache ausgeht, kommt zu einem anderem Ergebnis.

Und da habe ich mir gedacht, hier läuft doch irgendetwas schief, wenn immer irgendwelche Gremien im Dunkeln tagen, bis sie irgendwann mal durch einen Eklat auffliegen, und dann ist es schon zu spät, um hier noch das Ruder rumzuwerfen. Und die ziehen mir meinen eigenen Teppich eigentlich unter den Füßen weg, dann stimmt etwas in diesem gesellschaftlichen Miteinander nicht, dann habe ich zu lange sozusagen nur um mein Sondereigentum und nicht um das Gemeinschaftseigentum.

Das meine ich mit "über den Tellerrand raus" und rechtzeitig vielleicht auch mal an die entscheidenden Köpfe herankommen. Es muss ja nicht immer über den Rundfunk laufen, das kann ja auch mal beim Kaffeetrinken miteinander gehen. Also einfach den Kontakt nicht von vorne herein scheuen mit Einflussträgern auf dieser anderen Ebene, das stelle ich mir für die Zukunft vor.

Hettinger: Herr Münkler?

Münkler: Ja, ich stimme dem völlig zu, das ist ein ganz gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn gewissermaßen die Kompetenzvermutungen allein in diese Kommissionen und Expertenkreise abwandern. Das ist das Beispiel der Rechtschreibreform, es sind aber natürlich auch die Beispiele von Hartz und Rürup und wie auch immer, das heißt, da ist es, denke ich, wichtig, dass diese sehr stark expertogratisch operative Seite ausbalanciert wird, möchte ich mal sagen, durch Beobachtungen von Leuten, die nicht im engen Sinn Experten dafür sind, sondern die eher Spezialisten fürs Allgemeine sind.

Hettinger: Diese Kommissionen, das ist ja auch ein sehr direkter Hinweis darauf, dass sich der politische Betrieb auch verkapselt hat in einer gewissen Weise. Die seismographische Funktion, Herr Münkler, die Sie den Schriftstellern attestieren, die sich wünschen von ihnen, ist das nicht oft nur Beiwerk, ist das der Petersilie auf einer Suppe, die längst von anderen gekocht ist?

Münkler: Na ja, das kommt darauf an. Gut, Petersilie kann für den Geschmack einer Suppe auch schon von einiger Wichtigkeit sein. Das wollen wir jetzt nicht ganz runterreden aber, nein, ich meine damit, dass auf dieses Weise auch eine Form des Eingreifens stattfindet, aber natürlich kein Eingreifen in der Form, wie das diese Expertenkommissionen haben. Sie müssen balanciert werden. Sie sind auch diejenigen, also die Literaten und Intellektuellen, die diese Problem in eine größere Öffentlichkeit hineinvermitteln und dort spiegeln.

Politycki: Darf ich ein Beispiel aus meiner Branche geben. Es gab auch in der Literatur bis Mitte der 90er Jahre eigentlich eine ziemliche Arroganz gegenüber dem gemeinen Leser. Es entstand sehr viel Literatur-literatur. Man war irgendwie nur mit seinesgleichen beschäftigt oder mit wichtigen Kritikern und es ist ein Binnengespräch entstanden, das nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem traditionellen Lesevergnügen zu tun hatte.

Und da erst, in den Schlachten der 90er Jahre, wo sich die neue deutsche Lesbarkeit auch durchgesetzt hat, kam wieder raus, "Moment mal, wir sind ja eigentlich Dienstleister, wir schreiben, weil wir auch Leser haben wollen, für die wir schreiben". Und so ähnlich sehe ich das mit der Literatur. Da hat sich auch im Laufe der letzen Jahre etwas wunderbar ins Kreiseln und Abkapseln gebracht und Politik ist ja eigentlich eben nicht nur für Leser, sondern für die ganzen anderen (...), die den Bezug wieder jetzt von sich aus einklagen müssen.

Und selbstverständlich kann man nicht auf Augenhöhe über Sachfragen diskutieren, denn da ist man immer außen vor, und deswegen ist Petersilie gar nicht mal so schlecht für den Anfang, also die kleine Pointe auf der Suppe des Gespräches, aber die macht, wie Herr Münkler ja auch zu Recht sagt, oft den Geschmack aus.

Hettinger: Der Schriftsteller Matthias Politycki und der Politologe Professor Herfried Münkler im Gespräch bei DeutschlandRadio Kultur: Wie politisch können, wie politisch sollen Schriftsteller sein? Heute Abend erörtert eine Runde, zu der auch meine beiden Studiogäste gehören, folgendes Thema: "Wunder der Demokratie oder die Zuständigkeit von Prosa in unserer Zeit". Eine Diskussion heute abend in der Literaturwerkstatt in Berlin.

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