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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.11.2007

Nachtgestalten

Philippe Besson: "Nachsaison", dtv Premium, 157 S.

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Ein Besucher schaut sich das Bild "Nighthawks" von Edward Hopper in der Ausstellung "Edward Hopper Retrospektive" im Museum Ludwig in Köln an (AP)
Ein Besucher schaut sich das Bild "Nighthawks" von Edward Hopper in der Ausstellung "Edward Hopper Retrospektive" im Museum Ludwig in Köln an (AP)

Der Roman "Nachsaison" erfindet eine Geschichte zu Edward Hoppers berühmtem Gemälde "Nighthawks". Besson siedelt die Erzählung von der Frau im roten Kleid, die sich mit drei Männern in einer amerikanischen Bar befindet, im Heute an. Eines haben Buch und Bild gemeinsam: eine Vorliebe für Menschen, die im Alltag eine Bühne brauchen.

Zu den vielen Franzosen, die uns nur noch via Taschenbuch erreichen und folglich leicht in der Versenkung verschwinden, gehört der 1967 in Barbezieux geborene Erzähler Philippe Bessson. In Frankreich ein vielgelesener Autor (wiewohl noch mit keinem der ganz großen Preise ausgezeichnet), ist er hierzulande durch Patrice Chéreaus Verfilmung seines Romans "Sein Bruder" bekannt geworden, der vom Aids-Tod eines Mittdreißigers erzählt, aufgezeichnet von seinem Bruder.

Geschwisterliebe ist überhaupt ein großes Thema bei Besson. Sein letztes Buch, "Brüchige Tage", schildert die letzten Tage des französischen Dichters und Enfant terrible Arthur Rimbaud, erzählt aus der Perspektive der ihn pflegenden Schwester. Einen sehr freien Umgang mit der Literaturhistorie pflog der Autor auch in "Zeit der Abwesenheit", in der er eine (fiktive) Liebe des alternden Proust zu einem koketten Sprössling der Pariser Hochbourgeoisie während des Ersten Weltkriegs zum Thema machte.

Mit seinem neuesten Buch, "Nachsaison", greift Besson nun abermals auf die Kulturgeschichte zurück. Allerdings ist es nicht ein literarischer, sondern ein malerischer Gegenstand, den er gestaltet. Genauer: Er erfindet eine Geschichte zu einem der berühmtesten Gemälde des 20. Jahrhunderts, eine Geschichte zu Edward Hoppers "Nighthawks".

Wieder ist der Umgang ungezwungen und fast etwas dreist, siedelt der Autor doch seine Geschichte von der Frau im roten Kleid, die sich vor nächtlicher Kulisse mit drei Männern in einer amerikanischen Bar befindet, wobei alles (Garderobe, Einrichtung, Architektur) an die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts erinnert, im Hier und Jetzt an. Louise nennt er die Dame in Rot. Sie ist eine erfolgreiche Theaterschriftstellerin, die ihr Leben auf der Boston vorgelagerten Halbinsel Cape Cod verbringt. Dort ist auch die Bar lokalisiert. In ihr stoßen nun ebenfalls drei Männer aufeinander, die alle für verschiedene Lebensphasen, aber auch Daseinsformen der Enddreißigerin stehen.

Ein reizvolles Kammerspiel entsteht auf diese Weise. Sehr dialoghaltig, nur unterbrochen von sehr zurückhaltenden, sehr behutsamen Erzählerkommentaren, entwickelt der Autor das Porträt einer gleichermaßen mondänen wie introvertierten Frau. Die abgrundtiefe Einsamkeit der bildnerischen Vorlage weicht einer sanften Melancholie, die mehr vom letzten Leuchtfeuer eines "indian summer" besitzt (der ja in Neuengland besonders ausgeprägt vorkommt) als vom Einsamkeits-Pathos eines Edward Hopper.

Nur eines haben die beiden Darstellungen, die von Hopper und die von Besson, gemeinsam: eine Vorliebe für Menschen, die auch "im wirklichen Leben" eine Bühne brauchen, einen Laufsteg, auf dem sie sich inszenieren. Und diese Bühne, dieser Laufsteg ist die Bar, die Spezialform der amerikanischen Bar, genauer gesagt, mit ihren langen Theken, die sich so gut zum Aneinanderkuscheln eignen, aber auch für den großen Auftritt aus der Tiefe des Raumes.

Ein herbstliches Buch ist da entstanden, eine kleine, wehmütige Moritat vom Wiedersehen einer Frau, die sich in ihren Männern im Grunde nur selber spiegelt. Ein Roman von dezenter Psychologie und erlesener Eleganz der Worte und Gesten!

Rezensiert von Tilman Krause

Philippe Besson: Nachsaison
Übersetzt von Caroline Volmann
dtv Premium, 2007
157 Seiten, 12€

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