Nachrichtenfieber
Nachrichten können Anlass für Gerede sein, Gerede über Leute, tot oder lebendig, über Sieger und Besiegte, über Lottogewinne oder Erdbeben inklusive der nach oben immer offenen Richterskala. Wetternachrichten können uns veranlassen, einen Schirm mitzunehmen, Verkehrsnachrichten, einen Umweg zu fahren. Zurzeit sind Nachrichten in eigener Sache im Gerede als wichtiges Ferment der Kommunikation.
Heutzutage geht es dabei anders als in der langen Geschichte der Nachrichten nicht mehr um deren Übermittlungsgeschwindigkeit. Schneller als mit Lichtgeschwindigkeit im Live-Fernsehen, Radio oder Internet geht es nicht.
Bei der letzten Bundesversammlung wurde das demonstriert. Wer die Zeichen am Bildschirm richtig zu deuten wusste, war schnellstens informiert. Blumensträuße plötzlich im Plenum und Musiker in Bereitschaft für die Nationalhymne, dazu die Gesichter einiger Hauptakteure, sagten alles, was man wissen wollte: Horst Köhler war im ersten Wahlgang wiedergewählt. Das Privileg der exklusiven Nachrichtengebung war dem Bundestagspräsidenten mit Lichtgeschwindigkeit abhanden gekommen.
Nachrichten sind eine leicht verderbliche Ware. Ihre Verfallsgrenze kann sehr schnell erreicht sein, ärgerlich besonders, wenn die Konkurrenz noch schneller war. Nicht umsonst heißen Nachrichten im Englischen News, also Neues oder Neuigkeiten. Alte Neuigkeiten gibt es nicht.
Wer exklusiv eine Neuigkeit kennt, der hat Herrschaftswissen, kann damit bessere Geschäfte machen als die Konkurrenz oder wenigstens für kurze Zeit seine Umgebung beeindrucken. Als es noch keine Funkverbindungen über den Atlantik gab, auch noch keine Überseekabel, da verstand man sich auf folgende Lösung: Die amerikanischen Preise für Rohstoffe oder Wertpapiere wurden den Atlantikkreuzern mitgegeben. Die Zahlen wurden auf winzige Zettel notiert und Brieftauben um den Hals gehängt. Etwa 100 Kilometer vor der irischen Küste wurden die Tauben in die Lüfte entlassen. Von ihren Sinnen gesteuert überbrachten sie die News der Telegrafenstation, die durch das einzige Land-Seekabel mit dem europäischen Festland verbunden war.
Heute – wie gesagt - ist nicht die Nachrichtenübermittlung das Problem, heute müssen sich Nachrichteninhalte hinterfragen lassen. Im Nachrichtenfieber der Gegenwart bei scharfer Konkurrenz und neuen Möglichkeiten im Internet wird paradoxerweise bei der Nachrichtenbeschaffung gespart. Renommierte Verlage verzichten auf die Grundausstattung ihrer Nachrichtenredaktionen mit dem erprobten Material der Deutschen-Presseagentur dpa. Korrespondentennetze werden zusammengestrichen. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen werden wichtige Berichte in die Randzonen des Programms verlagert, damit die "Wildecker Herzbuben" und andere Quotenbringer noch vor der Schlafenszeit ihr Liedgut verbreiten können.
Noch fragwürdiger sind Versuche, mit Scheinnachrichten Interessen von Unternehmen zu fördern. Die Bahn AG war nicht der einzige Sünder. Es ist bekannt, dass gut finanzierte PR-Abteilungen großer Unternehmen vorsätzlich Nachrichten mit Werbung verwechseln und manchmal journalistische Handlanger finden.
Viel schlimmer für das Nachrichtenverständnis insbesondere heranwachsender Generationen ist die Flut von banalen Nachrichten, die Sendezeit, Zeitungs- und Internetseiten füllen oder besser abfüllen sollen. Einem unkritischen Publikum wird vorgegaukelt, dass bestimmte Inhalte von Gesellschaftsklatsch unverzichtbar seien.
Dabei geht es um die Pseudowelt von Starlets und Fußballerbräuten sowie deren Marketingwert. Die wechselnden Standorte einer Paris Hilton verdrängen Nachrichten über die lebensbedrohliche Krise in Dafur. Und neulich in der U-Bahn wurde ich in einem Programm mit Werbung und Nachrichten unter der Zeile "Dementi" darüber informiert, das brasilianische Fotomodel Giselle Bündchen sei nun doch nicht schwanger. Vor einigen Tagen war noch von einem erwarteten Baby die Rede. Dieses Spiel lässt sich mit Meldung und Dementi noch einige Zeit werbeprächtig fortsetzen. Spätestens in neun Monaten haben wir Klarheit.
Peter Frei, Jahrgang 1934, war zunächst Redakteur bei der NRZ. 1962 ging er zum Deutschlandfunk und 1967 nach Baden-Baden zum SWF. Er war zehn Jahre lang Korrespondent in London, danach in Bonn, von 1991 an Chefredakteur des SWF und von 1993 bis 1998 sein Hörfunkdirektor.
Bei der letzten Bundesversammlung wurde das demonstriert. Wer die Zeichen am Bildschirm richtig zu deuten wusste, war schnellstens informiert. Blumensträuße plötzlich im Plenum und Musiker in Bereitschaft für die Nationalhymne, dazu die Gesichter einiger Hauptakteure, sagten alles, was man wissen wollte: Horst Köhler war im ersten Wahlgang wiedergewählt. Das Privileg der exklusiven Nachrichtengebung war dem Bundestagspräsidenten mit Lichtgeschwindigkeit abhanden gekommen.
Nachrichten sind eine leicht verderbliche Ware. Ihre Verfallsgrenze kann sehr schnell erreicht sein, ärgerlich besonders, wenn die Konkurrenz noch schneller war. Nicht umsonst heißen Nachrichten im Englischen News, also Neues oder Neuigkeiten. Alte Neuigkeiten gibt es nicht.
Wer exklusiv eine Neuigkeit kennt, der hat Herrschaftswissen, kann damit bessere Geschäfte machen als die Konkurrenz oder wenigstens für kurze Zeit seine Umgebung beeindrucken. Als es noch keine Funkverbindungen über den Atlantik gab, auch noch keine Überseekabel, da verstand man sich auf folgende Lösung: Die amerikanischen Preise für Rohstoffe oder Wertpapiere wurden den Atlantikkreuzern mitgegeben. Die Zahlen wurden auf winzige Zettel notiert und Brieftauben um den Hals gehängt. Etwa 100 Kilometer vor der irischen Küste wurden die Tauben in die Lüfte entlassen. Von ihren Sinnen gesteuert überbrachten sie die News der Telegrafenstation, die durch das einzige Land-Seekabel mit dem europäischen Festland verbunden war.
Heute – wie gesagt - ist nicht die Nachrichtenübermittlung das Problem, heute müssen sich Nachrichteninhalte hinterfragen lassen. Im Nachrichtenfieber der Gegenwart bei scharfer Konkurrenz und neuen Möglichkeiten im Internet wird paradoxerweise bei der Nachrichtenbeschaffung gespart. Renommierte Verlage verzichten auf die Grundausstattung ihrer Nachrichtenredaktionen mit dem erprobten Material der Deutschen-Presseagentur dpa. Korrespondentennetze werden zusammengestrichen. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen werden wichtige Berichte in die Randzonen des Programms verlagert, damit die "Wildecker Herzbuben" und andere Quotenbringer noch vor der Schlafenszeit ihr Liedgut verbreiten können.
Noch fragwürdiger sind Versuche, mit Scheinnachrichten Interessen von Unternehmen zu fördern. Die Bahn AG war nicht der einzige Sünder. Es ist bekannt, dass gut finanzierte PR-Abteilungen großer Unternehmen vorsätzlich Nachrichten mit Werbung verwechseln und manchmal journalistische Handlanger finden.
Viel schlimmer für das Nachrichtenverständnis insbesondere heranwachsender Generationen ist die Flut von banalen Nachrichten, die Sendezeit, Zeitungs- und Internetseiten füllen oder besser abfüllen sollen. Einem unkritischen Publikum wird vorgegaukelt, dass bestimmte Inhalte von Gesellschaftsklatsch unverzichtbar seien.
Dabei geht es um die Pseudowelt von Starlets und Fußballerbräuten sowie deren Marketingwert. Die wechselnden Standorte einer Paris Hilton verdrängen Nachrichten über die lebensbedrohliche Krise in Dafur. Und neulich in der U-Bahn wurde ich in einem Programm mit Werbung und Nachrichten unter der Zeile "Dementi" darüber informiert, das brasilianische Fotomodel Giselle Bündchen sei nun doch nicht schwanger. Vor einigen Tagen war noch von einem erwarteten Baby die Rede. Dieses Spiel lässt sich mit Meldung und Dementi noch einige Zeit werbeprächtig fortsetzen. Spätestens in neun Monaten haben wir Klarheit.
Peter Frei, Jahrgang 1934, war zunächst Redakteur bei der NRZ. 1962 ging er zum Deutschlandfunk und 1967 nach Baden-Baden zum SWF. Er war zehn Jahre lang Korrespondent in London, danach in Bonn, von 1991 an Chefredakteur des SWF und von 1993 bis 1998 sein Hörfunkdirektor.

Peter Frei© SWR