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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.02.2019

Nachhaltigkeit im TabakanbauWarum es kein Fair-Trade-Siegel für Zigaretten gibt

Von Josephine Schulz

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Eine Arbeiterin während der Tabak-Ernte in Youyang, China. (EPA / Michael Reynolds)
Tabak-Ernte mit bloßen Händen - ein Gesundheitsrisiko: Felder im chinesischen Youyang. (EPA / Michael Reynolds)

Zigaretten sind gesundheitsschädlich, das ist bekannt. Aber auch die Produktion schadet Menschen. Im Tabakanbau dominieren Ausbeutung und Kinderarbeit. Nach Fair-Trade-Alternativen können Raucher lange suchen. Es gibt sie nicht. Warum eigentlich?

"Es kommen schon verschiedene Leute, die sich dann auch erkundigen, wo der Tabakanbau stattgefunden hat, in welchem Land, überwiegend natürlich bei Zigarren, bei der Zigarette nicht so oft, allerdings dann schon beim Feinschnitt."

Die Verkäuferin in einem traditionsreichen Berliner Tabakladen hat die Erfahrung gemacht, dass auch Rauchern nicht egal ist, woher die dunklen Blätter in ihren Zigaretten stammen. Aber: Fair gehandelten Tabak oder solchen mit Bio-Siegel wird man in keinem noch so gut gefüllten Geschäft finden. Denn: Es gibt ihn schlicht nicht.

Marie-Luise Abshagen vom Forum Umwelt und Entwicklung erklärt, "dass ein Produkt, was schadet oder tötet in der richtigen Anwendung, einfach nicht fair oder bio sein kann".

Rauchen und Umweltbewusstsein gehen nicht zusammen

Andere Entwicklungsorganisationen sehen das genauso. Auch die Verantwortlichen hinter dem Fair-Trade-Siegel haben entschieden, dass Tabak für sie nicht infrage kommt. Claudia Brück, Vorständin bei Transfair sagt:

"Wir haben uns vor rund zehn Jahren in der Mitgliederversammlung und auch im Vorstand mit dem Thema beschäftigt und die einhellige Meinung und dann auch Abstimmung war, dass wir unsere Zeit nicht für ein solch ungesundes Produkt einsetzen sollen."

Arbeiter in einer Tabakfabrik in Harare, Simbabwe. (imago/Xinhua)Oft verstärkt der Tabak-Anbau die Armut: Arbeiter in einer Tabak-Fabrik in Harare, Simbabwe. (imago/Xinhua)

Rauchen und ein gutes Gewissen gegenüber Umwelt und Produzenten geht nicht zusammen. Das ist kein Zufall, sondern so gewollt. Dabei ließe sich im Tabakanbau einiges verändern. Die Bedingungen für Tabakpflanzer in Malawi, Brasilien, Indien oder Bangladesch gehören zu den schlimmsten überhaupt.

Marie-Luise Abshagen: "Die Produktion von Tabak ist zu 80 bis 90 Prozent basierend auf ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, auf Umweltverschmutzung und auf unfairen Bedingungen."

Tabakanbau laugt die Böden aus

Tabakanbau ist besonders arbeitsintensiv. Deshalb wird der Großteil in Ländern mit sehr niedrigen Einkommen angebaut. Marie-Luise Abshagen hat an einer Studie mitgeschrieben, die die Bedingungen im Tabakanbau unter die Lupe nimmt.

"Der Tabakanbau führt eben dazu, dass die Menschen zum einen eben in diesem sehr lohnintensiven Sektor arbeiten und dann eben sehr wenig Zeit oder Geld haben, um beispielsweise in Bildung oder Gesundheit zu investieren und eben auch keine Nahrungsmittel anbauen können, weil eben Tabak auf den Feldern ist. Es gibt sehr, sehr viel Kinderarbeit noch im Tabaksektor."

In Ländern wie Malawi, wo über 70 Prozent der Menschen in extremer Armut leben und Hunger leiden, verdrängt die Tabakpflanze den Anbau von Nahrungsmitteln. Und wo einmal Tabak gepflanzt wurde, sind die Böden nach einigen Jahren so ausgelaugt, dass dort nichts mehr wächst.

Fünfjährige Kinder arbeiten auf den Feldern

Kinder arbeiten oft schon mit fünf Jahren auf den Tabakfeldern, bis zu zwölf Stunden am Tag. Das verhindert nicht nur, dass sie zur Schule gehen, sondern setzt sie auch großen Gesundheitsgefahren aus.

"Man muss sich das so vorstellen: Ganz viele Tabakbauern ernten mit bloßen Händen. Es gibt sowas, dass nennt sich Green Tobacco Sickness, also wird das Nikotin, direkt über die Haut aufgenommen. Jetzt kann man sich vorstellen, dass das für Erwachsene schon sehr gefährlich ist, aber für Kinder natürlich noch umso mehr", so Marie-Luise Abshagen.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller war Anfang dieses Jahres in Malawi und hat Unterstützung beim Aufbau der Landwirtschaft zugesagt. Vor allem der Anbau von Maniok, Erdnuss und Soja soll mehr Bauern ein Auskommen bieten. Die Entwicklungsorganisationen fordern von der Bundesregierung, ihre Mittel noch gezielter in den Umstieg von Tabak auf andere Produkte einzusetzen.

Denn der Tabakanbau führt Kleinbauern nicht aus der Armut heraus, sondern im Gegenteil immer tiefer hinein. Unternehmen und Landlords schließen mit den Bauern Knebelverträge. Sie geben Kredite für Saatgut und Pestizide und erwarten dafür enorme Erträge. Weil die Preise für den Tabak so niedrig sind, machen die Bauern selten Gewinn, sondern rutschen immer tiefer in die Verschuldung und Abhängigkeit.

Keine Lobby für die Tabak-Bauern

Höhere Preise für ihre Ernte wären für die Bauern eine Hilfe. So haben Fair-Trade-Organisationen kleinen Produzenten von Kaffee, Zucker oder Wein geholfen. Auch das sind Produkte, die nicht unbedingt gesund sind. Claudia Brück von Transfair sieht dennoch einen Unterschied: 

"Ich glaube in der Einschätzung, wie gesundheitsschädlich Tabak ist. Zucker in geringen Maßen ist durchaus zu vertragen, ebenso Alkohol."

Ein bisschen ungesund kann also trotzdem fair sein. Aber was hat das eine eigentlich mit dem anderen zu tun? Immerhin nehmen Raucher das Gesundheitsrisiko bewusst in Kauf. Haben die Bauern in Malawi oder Brasilien, die meist aus Mangel an Alternativen für diese Nachfrage anbauen, deshalb keine würdigen Arbeitsbedingungen verdient, oder zumindest eine Lobby, die sich für ihre Menschenrechte einsetzt?

"Bio-Werbung" für Tabak verboten

Doch es sind nicht nur die Entwicklungsorganisationen, die sich gegen die Idee von nachhaltigem Tabak sträuben. 2010 hat der Bundesgerichtshof ein wichtiges Urteil gefällt und Tabakkonzernen untersagt, mit Wörtern wie "bio" oder "öko" zu werben. Dieses Verbot ist auch in der EU-Tabakrichtlinie festgelegt, die alle Staaten umsetzen müssen.

Das ärgert vor allem den Verband deutscher Tabakpflanzer. Mit dem Billigtabak aus Afrika oder Südamerika können die deutschen Bauern nicht konkurrieren. Bio-Tabak hätte für sie eine lohnenswerte Nische sein können. Geschäftsführer Sven Plaeschke sagt:

"Es gibt in der Tat eine Reihe von Anfragen, die mich jede Woche erreichen, wo Privatpersonen fragen, könnten sie mir bitte eine Zigarettenmarke nennen, von der ich weiß, dass dort wirklich deutscher Tabak enthalten ist oder eben auch die Frage nach bio. Es gibt Bio-Tabak, der in der Pfalz angebaut wird. Das sind rund 30 Tonnen im Jahr, das ist eine vergleichsweise kleine Menge, dennoch wurde die stark nachgefragt, für ein in Deutschland ansässiges Tabakunternehmen, was Zigaretten hergestellt hat."

Bis das Gerichtsurteil kam. Denn ohne Werbung haben Konzerne kein Interesse an dem viel teureren Bio-Tabak.

Deutschland ist großer Zigaretten-Exporteur

Eine echte ethische Alternative zum Tabak aus Entwicklungsländern können die deutschen Pflanzer aber ohnehin nicht bieten. Mittlerweile gibt es nur noch 130 von ihnen. Seit die EU 2010 die Subventionen für Tabakanbau stoppte, fiel die Zahl rapide. Der Anbau lohnt kaum noch.

Mit der Produktion von Zigaretten dagegen werden in Deutschland jährlich über 20 Milliarden Euro erwirtschaftet. Auch Tabak aus Malawi wird verarbeitet. Die Bundesrepublik gehört zu den größten Zigaretten-Exporteuren weltweit. Dominiert wird der Markt von einer Handvoll Global Playern.

Eine Plakatwerbung für Zigaretten: Auf dem weißen Plakat steht "Maybe forward", das erste Wort ist mit einem roten Kreuz durchgestrichen. (Wolfram Steinberg / dpa)Deutschland ist das einzige EU-Land, das solche Großplakat mit Werbung für Zigaretten noch erlaubt. (Wolfram Steinberg / dpa)

Marie Luise Abshagen ist auch deshalb gegen Fair-Trade oder Öko-Siegel für Tabak weil sie meint, dass davon zuallererst diese Megakonzerne profitieren. In anderen Branchen habe man gesehen, dass "sobald es eine zertifizierte Marke gibt, da natürlich auch große Konzerne drauf anspringen, und dann Nischenprodukte produzieren, was bedeuten würde, dass sich das Gros des Sektors nicht verändern würde, was dann eben so für die, sag ich mal, urbane Lifestyle-Schicht eine mini-kleines Nischenprodukt geben würde, aber sich an dem Sektor selber nichts ändert".

Sicher würden die Tabakriesen einzelne Fair-Trade- oder Ökomarken für ihr Image und Marketing nutzen. Dass Fair-Trade-Organisationen großen Konzernen mit ihren Siegeln zum Greenwashing verhelfen, ist aber fast in allen Branchen ein Dilemma.

CDU blockiert komplettes Werbeverbot für Tabak

Die Entwicklungsorganisationen appellieren an den Gesetzgeber. Ein komplettes Werbeverbot für Tabak solle es geben, um den Konsum zu reduzieren. Deutschland ist das letzte Land in der EU, das Tabakwerbung auf der Straße oder im Kino erlaubt. Grüne und Linksfraktion haben im vergangenen Jahr Entwürfe für ein Verbot eingebracht. Ein solches scheiterte bisher an CDU-Politikern. Nun beraten die Fraktionen erneut über das Thema.

Das Ziel ist also: Kein Tabak statt vermeintlich nachhaltiger Nischenprodukte. An alle Raucher hat Marie Luise Abshagen die Botschaft: "Langfristig ist leider ein fairer oder ökologischer Tabak-Konsum nicht möglich."

Dass die Nachfrage nach Tabak verschwindet, hält Interessenvertreter Plaeschke schlicht für unrealistisch. "Und mir ist es lieber, dass ein gut regulierter Tabakanbau und auch eine Tabakproduktion die Nachfrage nach Tabak befriedigt, als dass es komplett in der Illegalität passiert."

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