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Tonart | Beitrag vom 05.02.2020

Nach Inhaftierung in der TürkeiIranischer Sänger Amir Tataloo wieder frei

Bamdad Esmaili im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Screenshot aus dem Video "Pile" von Amir Tataloo. (Screenshot / Amir Tataloo / YouTube )
Sänger Amir Tataloo. "Er ist ein Phänomen", sagt Journalist Bamdad Esmaili. (Screenshot / Amir Tataloo / YouTube )

Mehrere Tage lang saß Amir Tataloo, einer der bekanntesten iranischen Popstars, in der Türkei im Gefängnis. Er wurde in Istanbul festgenommen, offenbar hatte offenbar der Iran einen Haftbefehl bei Interpol beantragt.

Bamdad Esmaili verfolgt die Karriere von Amir Tataloo seit Langem. Er beschreibt den Musiker als "bunten Kanarienvogel, der schön singen kann und täglich für Skandale sorgt".

Tataloo sei am ganzen Körper tätowiert, sogar im Gesicht, habe Ohrringe und Piercings. "Er fällt einfach auf", sagt Esmaili. Er habe viele Fans im Iran, obwohl er seine Musik offiziell gar nicht veröffentlichen und auch keine Konzerte geben dürfe. Trotz dieser Hindernisse sei er einer der bekanntesten Künstler im Land. "Er ist ein Phänomen", sagt Esmaili. Allein auf Instagram hat er 2,8 Millionen Follower. 

"Er hat aber auch viele Kritiker und Gegner - und er war und ist immer ein Dorn im Auge der Machthaber im Iran gewesen", sagt Esmaili. Nach seiner Freilassung schrieb er bei Instagram: "War das alles? Ich habe abgenommen, aber mich nicht gebeugt."

Petition mit 500.000 Unterschriften

Offenbar wurde er mir einem Interpol-Haftbefehl auf Inititiave von Teheran gesucht. Ein Sprecher der iranischen Polizei sagte, so Esmaili, dass Tataloo "Bürger, insbesondere junge Menschen zum Drogenkonsum und zur Verbreitung von Korruption ermutigt" habe. Er sei auch zu zehn Jahren Haft verurteilt wegen Verbreitung von Korruption und Prostitution – wobei mit Prostitution gemeint sei, dass ihn weibliche Fans in einem Restaurant umarmt hätten. Diese Strafe sei noch nicht vollstreckt gewesen, als er das Land verlassen hatte.

Die türkische Polizei habe indes gesagt, es habe aufenthaltsrechtliche Probleme gegeben, berichtet Esmaili. 

Warum er nach einigen Tagen wieder freigekommen ist, sei nicht ganz klar. Esmaili stellt aber fest: "Er hatte viele Unterstützer, drei Anwälte und Fans, die innerhalb von ein paar Tagen bei einer Online-Petition mit dem Titel 'Free Tataloo' knapp 500.000 Unterschriften gesammelt haben." Auch hätten ihn bekannte iranische Exil-Politiker, Aktivisten, Journalisten unterstützt.

Skandal um Skandal

Tataloo mache Songs am laufenden Band, aber produziere auch einen Skandal nach dem anderen, erklärt Esmaili, der auch verschiedene politischen Aktionen Tataloos aufzählt. 

Bei Wahlen 2009 habe er für Oppositionsführer Mir-Hossein Mousavi einen Song gesungen. 2015 allerdings habe er auf einem iranischen Kriegsschiff ein Video mit einem Lied aufgenommen hat, in dem er das Recht auf den Besitz von Atomwaffen erklärte. Die Regierung war damals gerade in Wien, um bei den 5+1-Verhandlungen über ihr Atomprogramm zu verhandeln. 

Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2017 habe er dann wieder den Gegner von Präsident Rohani, Ebrahim Raisi, unterstützt. 

"Das heißt, immer dann, wenn ein beliebter und bekannter Sänger gebraucht wurde, dann wurde Tataloo dazu politisch missbraucht", meint Esmaili und mutmaßt dann über Tataloos Motive: "Er dachte natürlich, dass er dadurch endlich die Erlaubnis für seine Musik bekommt."

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