Nach der verhängnisvollen Affäre

12.09.2007
Die junge Stewardess und Mutter Lilly hat eine Affäre mit ihrem Nachbarn. Es folgen Gewissensbisse und Angst. Angst vor der Rache der betrogenen Ehefrau des Geliebten und Angst davor, dass die eigene Familie zerbrechen könnte. Geradezu grotesk erscheinen Lillys Bemühungen, ihre kleine heile Welt doch noch zu retten.
"Fräuleinwunder", "Popliteratin". Unter diesen Labels verbuchte der Literaturbetrieb die junge Autorin Alexa Hennig von Lange (Jahrgang 1973) Ende der 90er Jahre, als ihr Debütroman "Relax", ein rasanter, im Jugendjargon-Staccato wiedergegebener Drogentrip durch die Berliner Techno-Szene, fast gleichzeitig mit Benjamin von Stuckrad-Barres Debüt "Soloalbum" und Benjamin Leberts Roman "Crazy" erschien.

Aus dem Popliteratur-Business mit seinen Subkultur- und Musik-Zitaten ist Alexa Hennig von Lange längst ausgestiegen. Doch um das zentrale Thema von "Relax" drehen sich seitdem alle ihre Romane: Die Sehnsucht einer jungen Frau nach Liebe und Sicherheit, Ehe und Familie - und all die emotionalen Schiffbrüche, die das Einlaufen in diesen sicheren Hafen noch gefährden können, wenn man – wie eigentlich alle Hennig-von-Lange-Protagonistinnen – nicht nur wertkonservativ, sondern auch leicht neurotisch und ziemlich ratlos ist.

In ihrem neuen Roman "Risiko" wird dieses Thema wie folgt variiert: Lilly, eine junge Stewardess, gefährdet ihre Ehe durch eine verhängnisvolle Affäre. Sie hat einen Mann, der seine Kinder im Garten beim Überlebenstraining drillt und im Keller einen Schutzbunker für "den Ernstfall" einrichtet. Eine siebenjährige Tochter, die jeden Morgen nach dem Aufwachen als erstes fein säuberlich Blöcke und Radiergummis auf ihrem Schreibtisch sortiert. Einen vierjährigen Sohn, der mit seinem Vater über den Vornamen der strafenden Gerechtigkeit diskutiert. Kurz: Sie hat ein buntes Treibhaus der Zwangsneurosen. Aber sie will: "Klare Struktur. Familiären Zusammenhalt. Keine Verliebtheit. Kein Risiko". Und kann es doch nicht lassen, mit dem verheirateten Nachbarn, ihrer Jugendliebe Helge, anzubandeln. Folgen des Seitensprungs sind nicht nur Gewissensbisse, sondern auch ein Rachefeldzug von Helges Ehefrau, der dem Wüten der kaltgestellten Geliebten in Adrian Lynes 80er-Jahre-Kinohit "Eine verhängnisvolle Affäre" in punkto Wahnsinn und Mordlust nicht nachsteht.

Was sich nicht nur für die Hauptfigur, sondern auch für den Leser dieses Romans als quälend erweist, ist eine Atmosphäre der Angst, zu deren Urgründen die Autorin nicht vordringt: Es ist eine fast panische Angst vor dem Scheitern der eigenen Ehe, vor dem Verlust des eigenen Heims, vor dem Zerbrechen der eigenen Familie – mag diese so neurotisch sein wie sie will. Gleich in der Anfangsszene liefert die Autorin für diese Angst ein Bild wie aus einem Albtraum: Lillys Kinder stehen am Rand eines Steilhangs. Hinter ihnen dichter dunkler Wald. Und der kleine Junge flüstert: "Sie kommt!" Es ist ein Märchenmotiv: Hänsel, Gretel und die böse Hexe. Und wie in jedem Märchen geht es auch hier um nichts anderes als um den Kampf des Guten gegen das Böse, das in die Welt der Ordnung und der Sicherheit eingebrochen ist. Die gute Ordnung: Das ist in Alexa Hennig von Langes Geschichten immer die Ordnung der Familie. Und das Böse eigentlich alles, was diese bedroht.

All das könnte man als beklemmende Auseinandersetzung mit der Familie als Trutzburg lesen – deren Fundamente sich ja schließlich erst näher betrachten lassen, wenn Mauern und Schutzwälle fachgerecht vom Autor aufgesprengt wurden. Leider machen Anlage und Entwicklung der Figuren eine derart wohlwollende Lesart in diesem Fall unmöglich: An keinem Punkt werden die Gründe für Angst und Handlungsunfähigkeit der weiblichen Hauptfigur deutlich. Diese schleppt sich hier von Albtraum zu Ohnmacht – die Zahl ihrer Ohnmachten bietet in der Tat einen verlässlichen Indikator für den praktisch nicht vorhandenen Handlungsspielraum. Glaubensgewissheiten werden dagegen an keinem Punkt erschüttert - Gott, Ehe und Familie, sie alle bleiben bis zum Ende letzte Zuflucht und einziger Schutzraum, etwa wenn die Protagonistin ein Vaterunser betet, um den Kindern die Qual des Überlebensdrills durch den Vater zu ersparen. Man müsste all das für eine Groteske halten – wüsste man nicht, dass die Autorin im deutschen Feuilleton schon mit vollem Ernst erklärt hat, dass bei ihr zu Hause gern der Mann die Hosen anhaben dürfe, dass sie sich durch diverse Backrezepte unentbehrlich für diesen zu machen wisse und dass im übrigen längerfristige eheliche Untreue die eigene innere Ausgeglichenheit gefährde.

Auch die Sprache bietet dem Leser keine Ebene der Distanzierung oder Reflektion von Zwängen und Ängsten der Figuren: Vielmehr liefert Alexa Hennig von Lange eine rührend naive Darstellung von Schuldgefühlen der untreuen Ehegattin, die beim Lesen geradezu peinlich berührt: "Sie war verheiratet. Sie liebte ihren Mann, und es gab keinen, aber auch wirklich gar keinen Grund, in Helge verliebt zu sein." Und wenn die Autorin beschreibt, wie ihre Protagonistin sich im Haus durch einen dunklen Flur bewegt, wo "irgendwo unter der Treppe ihre Ehe lag", dann ist es keineswegs der Gedanke an die zerrüttete eheliche Gemeinschaft, der dem Leser Schauer über den Rücken treibt.

Das Werk ist klüger als die Autorin, denn das Mitleid mit der völlig hilflosen Hauptfigur nimmt während der Lektüre ebenso zu wie das Bedürfnis zu erfahren, worin diese Hilflosigkeit begründet ist. Und trotzdem: Wenn das die Tiefe ist, die Alexa Hennig von Lange zu bieten hat, dann sehnt man sich nach der Oberflächlichkeit ihres Pop zurück.