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Studio 9 | Beitrag vom 13.10.2019

Nach dem Halle-AttentatTausende demonstrieren gegen Rassismus

Von Manfred Götzke

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Ein Mann auf der Berliner Unteilbar-Demonstration trägt einen riesigen hölzernen Davidstern durch die Menge. (Imago / epd / Christian Ditsch)
Nach dem rechtsextremen Terroranschlag mit zwei Toten in Halle an der Saale demonstrierten am Sonntag etwa 7000 Menschen in Berlin. (Imago / epd / Christian Ditsch)

Nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Halle sind erneut Tausende Menschen auf die Straßen gegangen. In Berlin demonstrieren sie unter dem Motto "Kein Fußbreit!" gegen Antisemitismus und Rassismus.

Lala Süsskind ist wütend, sie ist empört, dass die Demo überhaupt nötig ist, dass wieder Tausende zusammenkommen müssen – um gegen Antisemitismus Rassismus, Rechtsextremismus aufzustehen, weil ein Terrorist einen Anschlag auf eine Synagoge verübt hat.   

"Es macht mich sprachlos, dass Gedanken an die Nazizeit in mir wachwerden. Menschliche Bestien tyrannisierten schon einmal unser Land. Dazu dürfen wir es nie wieder kommen lassen. Aber: Wir lassen zu, dass Jugendclubs gesperrt werden und Rechtsextreme diese Lücken besetzen. Wir lassen zu, dass der Hess-Gedenkmarsch in Berlin passiert – in Wunsiedel ist das verboten."

Kritik an Politik, Polizei und Justiz

Süsskind ist Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus. Die NGO hat die Demo "Kein Fußbreit" gemeinsam mit dem Bündnis "Unteilbar" organsiert. Die Aktivistin muss ihr Mikro fest umgreifen, ihre Stimme bebt, als sie von den Schüssen gegen die Tür der Synagoge spricht.

"Ich bin nicht sehr religiös. Aber ich glaube, dass Gott in diesem Augenblick die Beterinnen und Beter beschützt hat."

Seit Jahrzehnten geht Süsskind zu Demonstrationen gegen rechts, organisiert sie, hält Reden – doch die Adressaten all dieser Worte hörten zu selten zu, sagt sie. Im Gegenteil. Trotz rechtsextremer Ausschreitungen, jetzt Terror von rechts, seien Politik, Polizei, Justiz allzu oft auf dem rechten Auge blind.

"Das NSU-Debakel, der Mord an Herrn Lübke, die Verhöhnung von Frau Künast, Merkel am Galgen und, und, und. Der laxen Handhabe dieser schrecklichen Ereignisse ist es zu verdanken, dass das Gedankengut des – nicht nur – braunen Mobs alle Antidemokraten beflügelt."

Israel-Flaggen als Zeichen

Der August-Bebel-Platz, wo die Nazis 1933 Bücher verbannten, er ist voll an diesem Sonntag. 13.000 Menschen sind nach Angaben der Organisatoren gekommen, um hier gegen Rechtsextremismus zusammenzustehen, die Wut, die Trauer in Worte zu fassen. "Af-Nee", "Lesben gegen rechts", "Muslime gegen rechts", steht auf den Transparenten. Viele schwingen Israel-Flaggen. Unter den Demonstrierenden sind einige Politiker der Linken, der Grünen, Vertreter der Religionsgemeinschaften wie der Berliner Bischof Markus Dröge.

"Ich bin gekommen, um zu zeigen, dass wir es nicht zulassen, dass der Nährboden für Terrorismus bereitet wird, durch antisemitische Parolen, Verschwörungstheorien. Und das geht ja bis in Funktionärskreise der AfD hinein, ich verstehe nicht, dass der Verfassungsschutz nicht konsequenter vorgeht – obwohl verfassungswidrige Thesen von der AfD vertreten werden."

Fast alle Redner sprechen an diesem Sonntagmittag über die geistigen Brandstifter rechten Terrors, die seit Jahren das Sagbare nach Rechtsaußen verschieben, die Hass säen, ob in den Landtagen oder im Netz: die AfD.  

Ein paar Meter hinter dem Bischof schwingt Ebba Hammerschmidt ihre Fahne. "Omas gegen rechts" steht da drauf.

"Ich diskutiere nicht mehr im Freundeskreis, sondern ich zeige einfach: Das wollen wir nicht nochmal, wir wollen für unsere Kinder und Kindeskinder, ich hab sieben Enkel und drei Urenkel, die sollen auch noch ein lebenswertes, sicheres, freies Leben haben."

Sich nicht einschüchtern lassen

Mischa Uschakow tritt auf den kleinen Bühnen-LKW. Der 21-Jährige leitet die jüdische Studierenden-Union. Als Jude in Berlin ist er mit Panzerglasscheiben und Polizeischutz aufgewachsen, erzählt er. Der Polizeiwagen gehöre für ihn zur Synagoge, wie der Davidstern über der Tür.

"Das erste Mal in 21 Lebensjahren bemerkte ich die Polizei, die Pistole im Revers der Security, weil ich wusste, wovor sie mich schützen. Kein Fußbreit bedeutet, Verantwortung, die jeder von uns hat. Ich als Jude, habe die Verantwortung, mich nicht einschüchtern zu lassen, denn ich bleibe hier, ich liebe diese Stadt, ich liebe diese Gesellschaft – ich liebe meine Heimat Europa." 

Am Ende der Kundgebung – kurz bevor die Demonstranten zur Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße ziehen, treten zwei junge Amerikanerinnen auf die Bühne. Beide leben in Deutschland, beide waren am Mittwoch in der Synagoge von Halle, als die Schüsse fielen.

"Alona und ich haben erlebt, wie es ist, Ziel zu sein. Viele haben das erlebt. Jetzt geht es darum, Brücken zu bauen, für Recht und Gerechtigkeit."

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