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Interview | Beitrag vom 16.04.2019

Nach dem Brand von Notre-DameVom Patchwork-Bau zum Nationalsymbol

Valentin Groebner im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Zwei Skulpturen auf dem Dach der Pariser Kathedrale Notre-Dame (2017).  (picture alliance / dpa / Xinhua/ Chen Yichen)
Die unterschiedlichsten Baustile lassen sich an der Pariser Kathedrale Notre-Dame erkennen. (picture alliance / dpa / Xinhua/ Chen Yichen)

Im Mittelalter war die Pariser Kathedrale Notre-Dame "ein großes Patchwork", das politische Programme verschiedener französischer Könige widerspiegelte, sagt Historiker Valentin Groebner. Erst im 19. Jahrhundert wurde sie zum Nationalsymbol Frankreichs.

"Das ist nicht das erste Mal, dass der Kathedrale von Notre-Dame Beschädigungen passieren. Die Kathedralen des Mittelalters haben in den vergangenen 700 Jahren alles Mögliche überstanden", sagt Historiker Valentin Groebner, Professor für mittelalterliche Geschichte an Universität Luzern, mit Blick auf den in der Pariser Kathedrale ausgebrochenen Brand. "Wir dürfen zuversichtlich sein, dass Notre-Dame auch dies übersteht."

Ein Bildschirm verschiedener politischer Programme

Schon immer war die Kathedrale ein "politischer öffentlicher Räume und gleichzeitig ein riesenhafter Bildschirm für religiöse und politische Programme", so Groebner. Ihr Bau begann im Jahr 1163 und dauerte Jahrhunderte: "Jeder ehrgeizige französische König hat sich an der Kirche verewigt. Das heißt:  Was bis zur Französischen Revolution gestanden hat, war ein ganzes Konglomerat an unterschiedlichen Baustufen."

Zwar würden wir Notre-Dame nun der Einfachheit halber als die mittelalterliche Kathedrale bezeichnen, so  Groebner, "aber sie ist ein großes Patchwork" aus Stilen des 12. bis 16. Jahrhunderts.

Ein Buch macht Notre-Dame zum Nationalsymbol

Zum nationalen Wahrzeichen wird die Kathedrale aber erst im 19. Jahrhundert. "Vorher war sie einfach ein sehr große und sehr wichtige Kirche", sagt Groebner.

Der Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" des französischen Schriftstellers Victor Hugo aus dem Jahr 1831 habe die Kathedrale zum Mythos werden lassen. Das Werk stilisiere die Kirche zu einer Art "Nationalkörper", sagt Valentin Groebner,  und zwar einem Nationalkörper, "der wieder hergestellt werden muss nach den großen Verwüstungen der Französischen Revolution. Ab dann wird das Mittelalter die große Nationalerzählung."

Dies sei nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland so gewesen. Dort erhalten beispielsweise die allermeisten gotischen Kathedralen erst im 19. Jahrhundert ihre Türme. Die Industrialisierung schuf sich die Kathedrale als nationales Symbol.

Notre-Dame als Bild unserer Mediengeschichte

Heute erinnern die Bilder der Flammen, die aus Notre-Dame schlugen, uns vor allem an brennende Kathedralen während des Ersten und Zweiten Weltkriegs, so Groebner. "Das heißt, Notre-Dame wirkt auf uns heute nicht als mittelalterliche Wahrzeichen, sondern als Bild unserer eigenen Mediengeschichte des letzten Jahrhunderts."

(lkn)

Interview mit Thomas Gaethgens (Autor von "Die brennende Kathedrale"):
Thomas Gaethgens ist Gründungsdirektor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris. Sein Buch "Die brennende Kathedrale" handelt von der Kathedrale in Reims, die im Ersten Weltkrieg brannte. Im Gespräch mit Sigrid Brinkmann berichtet er, welche Stellung die Notre Dame de Paris unter den Kathedralen in Frankreich hat und welche Kunstgegenstände durch den Brand zerstört worden sind. Außerdem geht es um die Frage, ob die Notre Dame de Paris ein europäisches Symbol ist.

Interview mit Architekturkritiker Jürgen Tietz: 
Jürgen Tietz schreibt als Architekturkritiker für die Neue Zürcher Zeitung und hat unter anderem das Buch "Monument Europa. Wie Baukultur europäische Identität stiftet" verfasst. Mit Liane von Billerbeck spricht er über die besondere Strahlkraft der Kathedrale Notre-Dame.

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