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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.12.2015

Nach Brandunglück in Papenburg "Das ist unglaublich, dass die Meyer-Werft das zulässt"

Von Godehard Weyerer

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Arbeiter der Meyer-Werft bei einer Betriebsversammlung unter freiem Himmel. (picture alliance / dpa)
Arbeiter der Meyer-Werft bei einer Betriebsversammlung. (picture alliance / dpa)

Zwei Jahre ist es her, da kamen rumänische Arbeiter der Meyer-Werft in Papenburg bei einem Brand in ihrer Massenunterkunft ums Leben. Nach dem Unglück sollten die Arbeits- und Wohnbedingungen der Werkvertragsarbeiter verbessert werden. Was hat sich seitdem getan?

"Oh, Spätsicht, sorry. Ich stehe gerade bei dir vor der Tür. Hast du eben Zeit? ..."

Nikolaus Schütte kennt so gut wie jeder in Papenburg. Knapp zwei Meter groß, breites Kreuz, braungebrannt, kahl geschorener Kopf, stets im Anzug und meist ein Handy am Ohr. Er ist Mitglied bei den Grünen, er sitzt im Stadtrat und im Kreistag des Landkreises Emsland. Keiner in Papenburg kennt so viele bulgarische und rumänische Werkvertragsarbeiter wie Nikolaus Schütte. Seine Freundin stammt aus Rumänen.

"Leg dich noch mal hin schlafen, dann sprechen wir die Tage noch mal drüber. Ja. O.K.?"

Circa 900 Rumänen seien in Papenburg derzeit angemeldet, dazu kommen noch 200 Bulgaren. Viele wohnen außerhalb.

"Ja, ich habe gerade mit einem Mitarbeiter gesprochen einer Zulieferfirma der Meyer-Werft. Bei denen ist es so, dass sich für ihn die Situation deutlich gebessert hat. Er verdient aktuell, das sagte er mir gerade, 11,80 Euro brutto. Für ihn wäre die Situation völlig in Ordnung, er hätte einen deutschen Vertrag, deutsche Krankenversicherung, alles so wie es sein sollte. Aber wüsste halt auch, dass es eben noch Kollegen geben würde, wo entsprechend noch nicht alles so in Ordnung ist."

300 Euro pro Bett

Neben dem Haustarif für Werkvertragsarbeiter, der die Arbeitsbedingungen auf der Werft regelt, gibt es neuerdings soziale Standards für die Unterkünfte: zehn Quadratmeter pro Bewohner, davon entfallen sechs Quadratmeter auf den Schlafraum. Nikolaus Schütte steht in einem Hinterhof. Ein zweistöckiges Haus mit Flachdach und einfach verglasten Fenstern und Türen. 35 bis 40 Werkvertragsarbeiter würden hier wohl wohnen, vermutet Schütte.

"Sind Sie der neue Hausmeister hier? Hier soll jemand sein, der einen Arbeitsunfall hatte, der im Rollstuhl sitzt."

"Welcher Name hat dieser Kollege?"

"Weiß ich nicht. Aber er sitzt im Rollstuhl."

"Ach so, Madalov.

"Er ist Bulgare. Wissen Sie, wo er ist."

"Telefonnummer, ich hole."

Das heruntergekommene Gebäude gehört einem Werkvertragsunternehmer aus Emden. Im Stadtgebiet besitzt die Firma noch mehrere Unterkünfte, sagt Nikolaus Schütte. Die seien aber mittlerweile renoviert worden – neu gestrichen, neu möbliert, neue Sanitäranlagen und Küchen.

"Die Tür ist gerade auf. Ist nur ein Raum. Moin. Dürfen wir ganz kurz reingucken? Kleine Küche, Badezimmer, Wohnzimmer. In der Regel ist es dann so, dass hier zwei Personen wohnen. Hier muss noch etwas gemacht werden, die neuen Wohnungen sind renoviert."

"Wissen Sie, wo der Preis hier in dieser Wohnung pro Bett ist"?

"300 Euro." 

Durch Aufhebungsverträge weniger Krankengeld

Nikolaus Schütte verabschiedet sich. Er steht vor der Rückseite der Geschäftshäuser, passiert einen Durchgang und steht nach ein paar Schritten auf dem Boulevard, der sich an beiden Seiten des alten Kanals durch die Innenstadt von Papenburg zieht. Er greift zum Handy.

"Hallo, spreche ich mit Venzislav. Hier ist Nikolaus Schütte. Ich habe Ihre Nummer bekommen von Ion."

Nikolaus Schütte hat den Bulgaren, der im Rollstuhl sitzt, ausfindig gemacht. In einem Hinterhaus teilt er sich ein Zimmer mit einem Landsmann. Nikolaus Schütte betritt die Wohnung. Der Bulgare begrüßt ihn, er sitzt im Rollstuhl. Der operierte Fuß ist hochgestellt und bis über den Knöchel mit Mullbinden verbunden.

"Man kann ja deutlich erkennen, dass ein Stück von Fuß wohl fehlt."

"Hier sind alle Dokumente."

"Das ist von der Berufsgenossenschaft. ... "

"Also Problem, Maschine nix stopp, drei Operationen."

"Alles, was zu stark beschädigt war, haben sie weggenommen. Die haben alles auf ein Maß gebracht, sauber geschnitten."

Nikolaus Schütte überfliegt die Papiere und Lohnabrechnungen. Zurzeit erhält der Bulgare 1.300 Euro Verletztengeld von der Berufsgenossenschaft Metall und Holz. 18 Monate lang. Bis Juli 2016. Ob er danach eine Einmalzahlung erhält oder eine Invaliditätsrente: Er weiß es nicht.

"Ich lese gerade, dass eine Vereinbarung geschlossen worden ist seitens seiner alten Firma, da geht es um einen Aufhebungsvertrag seines Arbeitsverhältnisses, den Herrn Madalov auch unterschrieben hat, er wusste wohl nicht, was er da unterschreibt. ... Das ist unglaublich, dass die Meyer-Werft das so zulässt."

Schütte wird den Betriebsrat über den Fall in Kenntnis setzen. Grobe Verstöße gegen den Tarifvertrag können in gemeinsamer Entscheidung mit der Geschäftsführung zur Kündigung der Werkvertragsfirma führen. So steht es im Tarifvertrag..

"Warum haben die das gemacht. ...Warum wird das Verhältnis aufgehoben mit dem alten Arbeitgeber und nun kommt ein neuer Arbeitgeber dazu. Warum ist das so? Das ist dieselbe Firma, nur mit einem anderen Sitz. "

Im Aufhebungsvertrag liegt der Stundenlohn bei 10,61 Euro – immerhin, das ist deutlich über dem Mindestlohn. Allerdings wurden sämtliche Zuschläge für Schichtarbeit oder Sonntag- und Feiertagsarbeit gestrichen. Die Folge: Der Bulgare erhielt nach dem Unfall sechs Wochen lang deutlich weniger Krankengeld, als ihm nach seinem ursprünglichen Arbeitsvertrag zugestanden hätte. Nikolaus Schütte will das abklären.

"Gut, wir versuchen zu helfen. Vielen Dank, dass Sie uns reingelassen haben. Alles Gute."

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