NABU: Plastikmüll im Meer "lange Zeit unterschätzt"

Ein Teil des Plastikmülls gelangt direkt an den Strand. © picture alliance / dpa - Nic Bothma
Kim Detloff im Gespräch mit Marietta Schwarz · 18.06.2012
Nach Einschätzung von Kim Detloff, Referent für Meeresschutz beim NABU, ist das Problem des Plastikmülls lange Zeit vernachlässigt worden. Deshalb müssten Abfallrecyclingstrukturen geschaffen werden, um künftig zu verhindern, dass ein solcher Müll ins Meer gelange.
Marietta Schwarz: Immer wieder werden die Weltmeere durch Umweltkatastrophen beeinträchtigt. Seien es Ölkatastrophen wie die Deepwater Horizon oder ein Schiffsunglück wie das von Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio. Es sind die großen Unfälle, die dann auch in die Medien finden. Weniger und seltener beachtet ist die ganz alltägliche Verschmutzung der Meere, die die biologische Vielfalt ebenso gefährdet durch Windkraft, Schifffahrt, Fischerei.

Und damit beschäftigt sich ab heute eine internationale Konferenz in Stralsund, organisiert vom Bundesamt für Naturschutz. Kim Detloff ist Referent für Meeresschutz beim NABU und beschäftigt sich vor allem mit der Verschmutzung durch Plastikmüll. Herr Detloff, erst mal guten Morgen!

Kim Detloff: Guten Morgen!

Schwarz: Im Vergleich zu einer Ölkatastrophe scheint Plastikmüll doch fast ein zu vernachlässigender Faktor bei der Umweltverschmutzung zu sein. Wie gefährlich ist Plastikmüll in den Meeren?

Detloff: Ja, das klingt immer so, als sei es zu vernachlässigen, und Plastikmüll oder insgesamt Müll im Meer ist auch kein neues Phänomen, aber es wurde lange Zeit unterschätzt und vernachlässigt. Aber inzwischen wissen wir, dass eben eine Vielzahl von Meerestieren und Funktionen im Meer durch Müll im Meer, durch Plastikmüll betroffen sind. Und ganz offensichtlich verfangen sich Tiere im Müll und ersticken und ertrinken. Oder sie verwechseln Müll mit ihrer eigentlichen Nahrung und verhungern mit vollem Magen oder ersticken daran.

Schwarz: Man denkt bei Plastikmüll eher mal an Länder Südosteuropas, Asiens oder Afrikas und hat ja auch die Bilder von verschmutzten Stränden dann im Kopf. Ist das Müllproblem auch an der Nord- und Ostsee vorhanden?

Detloff: Ja, leider ja. Und in der Tat, wenn wir die ganz bösen Bilder vor Augen haben, dann kommen die meist aus südostasiatischen Gewässern, aus der Karibik oder auch aus dem Mittelmeer. Aber unsere eigenen Untersuchungen, die Untersuchungen des NABU, die zeigen auch, dass auch die Nord- und die Ostsee Müllprobleme haben. Nur wird bei uns eben häufiger aufgeräumt und kümmern sich mehr Leute darum.

Schwarz: Woher stammt denn dieser Müll?

Detloff: Die Quellen sind diffus. Also global betrachtet, das sind Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, kommen circa bis zu 80 Prozent der Abfälle von Land. Also eingetragen über die Flüsse, über ungereinigte Abwasser oder über illegale Deponien. Aber auch über die Seeschifffahrt, über Aquakulturanlagen, über maritime Industrieanlagen, und über die Fischerei wird immer wieder Müll eingetragen.

Schwarz: Der Müll, der an den Stränden herumliegt und den man ja, ich sag’ noch mal, an Nord- und Ostsee eher selten sieht, scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Also da scheint das Plastik sich auch noch woanders, in den Tiefen der Meere zu bewegen.

Detloff: Das ist richtig. Denn nur ein Bruchteil des Mülls treibt wirklich an der Wasseroberfläche. Bis zu 15 Prozent, schätzt man. Weitere 15 Prozent werden irgendwann mal über Strömung, über Wind an die Küsten verteilt, und der Großteil des Mülls, also 70 Prozent etwa, liegt am Meeresboden und bleibt unseren Augen damit verborgen.

Schwarz: Verunreinigte Strände sind ein ästhetisches Problem. Welche Gefahren birgt der Plastikmüll denn für die Lebewesen im Meer? Sie haben es vorhin bereits ein bisschen angedeutet.

Detloff: Ich glaube, das Offensichtlichste, die emotionalsten Bilder, die haben wir dann im Kopf, wenn wir Robben, wenn wir Seehunde, wenn wir Kegelrobben oder Wale und Delfine sehen, die sich in alten Fischernetzen, sogenannten Geisternetzen verfangen. Oder in alten Langleinen mit Haken. Darin verheddern sie sich und ertrinken und sterben daran. Genauso gefährlich ist aber auch, dass Vögel, zum Beispiel Seevögel, die auf der hohen See nach Nahrung suchen, nach Tintenfischen, nach Krebstieren, Plastikmüll mit ihrer eigentlichen Nahrung verwechseln.

Sie schlucken diesen Müll runter, können ihn nicht verdauen, haben dann ein ständiges Sättigungsgefühl und verhungern mit vollem Magen. Oder sie erleiden innere Verletzungen. Und die größte Gefahr geht vermutlich, so schätzen Wissenschaftler, von Mikroplastik aus. Das heißt, Plastik im Meer zersetzt sich nach und nach, und die kleinen Teile, die finden sich überall im marinen Nahrungsnetz inzwischen.

Schwarz: Und wie kann man dem entgegenwirken? Als NABU zum Beispiel?

Detloff: Wir engagieren uns als NABU auch in dem Projekt "Meere ohne Plastik" und versuchen natürlich, lokal aufzuräumen. Wir beteiligen uns am Umwelt-, am sogenannten Spüsa-Monitoring, wir haben eine erste "Fishing-for-Litter"-Kampagne in Deutschland gestartet, wo Fischer helfen, Müll aus dem Meer zu entfernen. Aber wir müssen anerkennen, dass wir die Meere wahrscheinlich nicht mehr von allem Müll befreien können. Wir müssen deshalb Müll vermeiden. Wir müssen an Land ansetzen, wir müssen Abfallrecyclingstrukturen schaffen, die den Mülleintrag ins Meer verhindern. Und jeder Einzelne kann mit seinem eigenen Konsumverhalten beitragen, dass weniger Müll in die Meere gelangt.

Schwarz: Kim Detloff, Referent für Meeresschutz beim NABU über die Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll. Herr Detloff, vielen Dank für dieses Gespräch.

Detloff: Ich danke Ihnen.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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