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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 15.04.2016

Mythos WundervitaminVitamin C und die Mär vom Skorbut

Von Udo Pollmer

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Das Gold der Region: Zitronen aus Sorrent (Jan-Christoph Kitzler)
Das Gold der Region: Zitronen aus Sorrent (Jan-Christoph Kitzler)

Skorbut raffte einst zahlreiche Matrosen dahin. Die Seeleute hatten über Monate von Pökelfleisch, Schiffszwieback und Rum gelebt. Der Mangel an Vitamin C habe die Krankheit ausgelöst, hieß es damals. Diese These sei widerlegt worden, sagt Lebensmittelchemiker Udo Pollmer - und er stößt das berühmte Vitamin vom Thron.

Der NDR hat sich des Essens auf Rädern angenommen. Er ließ ein paar Menüs auf Vitamin C untersuchen - und wurde nicht mal beim Gemüse fündig. Weil die Speisen lange warm gehalten werden müssen, geht das empfindliche Vitamin flöten. Letztlich ist der Befund belanglos, denn die Kunden trinken auch mal Saft oder essen Salami. Säfte werden durch Vitamin C-Zusätze haltbar und Wurst bekommt so ihre stabile rote Farbe. Jahr für Jahr werden weit über 100.000 Tonnen Vitamin C verkauft. Da wirkt die Warnung des NDR vor einem drohenden Mangel etwas deplatziert.

Spannender ist die Frage: Wie lebenswichtig ist das lebenswichtige Vitamin wirklich? Die meisten kennen ja das Heldenepos: Einst erkrankten auf den Schiffen reihenweise Matrosen an Skorbut und nicht wenige verstarben daran, weil sie über Monate keinen frischen Salat serviert bekamen, sondern nur Pökelfleisch, Schiffszwieback und Rum. Das änderte sich 1747, als der britische Kapitän James Lind Zitrusfrüchte als Heilmittel empfahl. Prompt sei die Krankheit aus der christlichen Seefahrt verschwunden. Dass die Ursache ein Mangel an Vitamin C war, gilt heute als gesichertes Wissen.

Skorbut – Geißel der Seefahrt

Doch ein Detail irritiert: Zitrusfrüchte taugen nicht für lange Schiffspassagen, ohne Konservierung verschimmeln sie ratzfatz. James Lind presste deshalb die Früchte aus, dampfte den Saft ein, bis er einen Sirup erhielt und füllte ihn in Flaschen. Der Inhalt blieb nach seinen Worten über Jahre wirksam. In Wirklichkeit dürfte da noch weniger Vitamin C drin gewesen sein als im Essen auf Rädern.

Konsultieren wir in dieser Frage den namhaftesten Vitaminforscher des letzten Jahrhunderts, Casimir Funk. Er schreibt 1922, dass auch seine Arbeitsgruppe mit Limonensaft experimentiert habe, weil er "als vorzügliches Antiskorbutikum bekannt war". Doch der "Limonensaft erwies sich als unwirksam". Dumm gelaufen. Funk hat dafür eine nette Ausrede parat: Die westindischen Zitrusfrüchte, die Captain Lind verwendet hatte, seien generell vitaminfrei, während die Früchte vom Mittelmeer stets reichlich Vitamin enthielten.

1935 bestätigt ein anderer Vitaminforscher, der Schweizer Hans Guggisberg, dass Vitamin-C-freies Futter trächtige Meerschweinchen zwar schädigen könne, aber "niemals Skorbut" hervorrufe. Je mehr Versuche desto größer die Verwirrung. In den 70er Jahren wurden zur endgültigen Klärung in einer Klinik in Iowa sechs Freiwillige 99 Tage lang Vitamin C-frei ernährt. Doch die blieben gesund. So ein Pech aber auch!

Woher kommt dann der Schiffs-Skorbut? Vor gut 30 Jahren entdeckten britische Forscher, dass ein Stoff namens Threonsäure skorbutartige Symptome verschärft. Wie es der Zufall will, entsteht die Säure bei der Herstellung von Schiffszwieback. Das hat vermutlich zur Misere auf See beigetragen.

Besser bleifrei

Auch Polarexpeditionen vertrauten auf die Kraft der Limone. Doch trotz reichlichem Proviant an Zitrussirup wurden sie schnell vom Skorbut dahingerafft. Der mutmaßliche Grund: Das stocksaure Konzentrat wurde in Dosen sterilisiert, die mit Blei verlötet waren – so bildete sich eine Bleilösung. Die führte zu einer Vergiftung, die wie der Zufall so spielt, an das Spektrum der damaligen Skorbutsymptome erinnert. Das Ganze ist umso bedrückender, als sich andere Polarforscher nicht um das Vitamin scherten und prompt heil zurückkehrten. Wir dürfen annehmen, dass dies dem Umstand geschuldet war, dass sie statt Schiffszwieback und verbleiten Säften beispielsweise reichlich Fleisch mit sich führten.

So wirr die Meinungen, Experimente und Erfahrungen mit dem Vitamin auch ausfielen, in einem Punkte herrschte Einigkeit: Das Wirksamte aller Heilmittel gegen Skorbut war Milch – deshalb galt sie als besonders Vitamin C-reich. Wie wir heute wissen, ist sie arm an Vitamin C. Wie es der berühmte "Zufall" will, wurden damals Bleivergiftungen stets mit Vollmilch behandelt.

Was wird nun aus dem Wundervitamin? "Lebenswichtig" ist es vor allem für die Händler, ansonsten bleibt es ein spottbilliger Zusatzstoff, um Lebensmittel haltbar zu machen. Mahlzeit!

Literatur

Sprotte R, Dubielzig S: Essen auf Rädern: Salzig und kein Vitamin C. NDR 3.4.2016

Pollak P: Fine Chemicals: The Industry and the Business. Hoboken, Wiley 2011

Halliday S: Our Troubles With Food: Fears, Fads and Fallacies. History Press, Gloucestershire 2009

McDowell L: Vitamin History, the Early Years. University of Florida, Florida 2013

Nares G, Feilden HW: Narrative of a Voyage to the Polar Sea During 1875-6. Cambridge University Press 2012

Lind G: A Treatise of the Scurvy. Sands, Murray & Cochran, Edinburgh 1753

Freidenberg ZB: Medicine under Sail. Naval Institute Press, Annapolis

Funk C: Die Vitamine. Bergmann, München 1922

Guggisberg H: Die Bedeutung der Vitamine für das Weib. Urban & Schwarzenberg, Berlin 1935

Hanke H: Vitamine und Chirurgie. Thieme, Leipzig 1943

Thomas M, Hughes RE: A relationship between ascorbic acid and threonic acid in Guinea pigs. Food & Chemical Toxicology 1983; 21: 449-452

Davies JEW et al: Dietary ascorbic acid and life span of guinea-pigs. Experimental Gerontology 1977; 12: 215-216

Fahrner R et al: Metabolomic markers for intestinal ischemia in a mouse model. Journal of Surgical Research 2012; 178: 879-887

Baker EM et al: Metabolism of Ascorbic-1-14C acid in experimental human scurvy. American Journal of Clinical Nutrition 1969; 22: 549-558

Odumosu A: Metabolic availabilty of ascorbic acid in female guinea-pigs. British Journal of Pharmacology 1971; 42: 637P

Barnes MJ et al: Mortality rate in male and female guinea-pigs an a scorbutogenic diet. Nature 1973; 242: 522-523

Legge TM et al: Bleivergiftung und Bleiaufnahme. Springer, Berlin 1921

Nobel E: Über die Beeinflussung des experimentellen Meerschweinchenskorbuts durch die Gravidität. Zeitschrift für experimentelle Medizin 1923; 38: 528- 536

Grosse-Brockhoff F: Pathologische Physiologie. Springer, Berlin 1969

Langstein L, Schittenhelm A: Ergebnisse der Inneren Medizin und Kinderheilkunde 1929; Bd 35

Glatzel H: Sinn und Unsinn der Vitamine. Kohlhammer, Stuttgart 1987


 

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