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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.04.2010

Mythische Veredelung des Alltäglichen

Die polnische Künstlerin Alicja Kwade zeigt ihre erste Einzelausstellung in Hannover

Von Volkhard App

Man traut seinen Augen kaum, welche ungeahnten Kräfte die Materie in dieser Ausstellung entfaltet: Glas- ,Granit- und Stahlplatten sind in der Mitte gebogen, als wollten sie sich aufbäumen, auch Kupferrohre und eine Haltestange aus einem Linienbus haben diese eigenartige Krümmung.

Alicja Kwade hat sich vorgenommen, der Welt, die in der Theorie und der täglichen Erfahrung fest verortet scheint, Geheimnisse zu entlocken und so die Wahrnehmung des Betrachters zu erweitern. Mögen all diese Objekte zunächst auch wie "ready mades" erscheinen, so sind sie doch bearbeitet - sie stammen allerdings aus ganz gewöhnlichen Quellen. Kwade:

"Das sind zum größten Teil Fundstücke, aber auch Elemente des alltäglichen Gebrauchs, zum Beispiel aus Baumärkten oder handelsüblichen Großmärkten. Es sind aber lapidare Gegenstände, die erst in der Summierung und im Kontext mit dem Raum zur Skulptur werden."

An anderen Orten hat Alicja Kwade auch mit Kieselsteinen von der Fahrbahn, mit Transportpaletten oder mit Briketts gearbeitet, die mit goldglänzender Farbe überzogen wurden. Eine Hervorhebung und mythische Veredelung des Alltäglichen.

Neonröhren sind in Ausstellungshallen wegen ihrer malerischen Wirkung beliebt. Für Alicja Kwade ist auch das Geräusch der beiden an verschiedenen Wänden angebrachten Röhren wichtig, es wird über Lautsprecher verstärkt.

Geht es also bei diesen im Grunde wieder recht banalen Objekten vor allem um diese Geräusche, um die Signale aus einer mysteriösen Röhren-Innenwelt?

"Mich interessiert diese Koppelung von Licht und Geräusch - in dem Moment, wenn das Licht erzeugt wird. Das ist ja der Ausgangspunkt für jegliche Forschung, zum Beispiel über den Urknall. Es sind immer diese beiden Dinge, auf die man sich bezieht: das Licht, also die Lichtgeschwindigkeit, und die elektromagnetischen Effekte, das Geräusch."

Die Bandbreite ihrer Arbeiten ist beachtlich. Auffällig bleibt ein Grundzug: Denn die Besucher sehen bei Kwade die weithin erforschte Welt in ihren Bestandteilen und Möglichkeiten noch einmal neu und kommen so vielleicht ins Staunen. Kuratorin Kathrin Meyer:

"Es ist ein utopischer Gedanke, der über die Realität hinausreichen will und damit der Imagination einen Raum öffnet, Neugierde fordert und Spaß am Experiment. Es ist eher so wie bei der Pataphysik, die mit wissenschaftlichen Methoden gearbeitet, aber eher das Zufällige und Unnütze zelebriert hat und dabei eigene neue Formen gefunden hat."

Aber Alicja Kwade generiert manchmal aus der vorhandenen Welt auch eine parallele - ansatzweise zumindest, wenn einem Fundstück aus der Natur, einem großen Ast, etwas entfernt ein fast genaues, aber seitenverkehrtes Ebenbild gegenübergestellt wird. Kwade:

"Dieser Ast, das Fundstück, wurde eingescannt mit einem sehr aufwendigen 3D-Verfahren, die Datei wurde im Computer umgedreht, und dann wurde das neue Stück aus Holz gefräst. Es geht jetzt aber nicht darum, herauszufinden, welches Stück echt ist und welches nicht. Es geht viel eher um Symbole, um die Unmöglichkeit der Überprüfung, und um zwei Exemplare im selben Raum, die man aber nicht gleichzeitig nebeneinander sehen kann."

Die 1979 in Kattowitz geborene, vielversprechende Künstlerin hat nach der Ausreise ihrer Familie aus Polen Ende der 80er-Jahre lange Zeit in Hannover gelebt und dann in Berlin studiert.

Die Facetten ihres Werks werden in der Kestnergesellschaft mit Kostproben allenfalls angedeutet. Denn die traditionsreiche Einrichtung hat für diese "erste institutionelle Einzelausstellung", wie es vollmundig heißt, nur einen einzigen, unscheinbaren Raum im hinteren Gebäudeteil zur Verfügung gestellt, in dem allerdings neue, teils eigens für diese Schau entstandene Objekte präsentiert werden. Aber man hätte sich weitaus mehr gewünscht. Und nach einigen in den Materialien abgebildeten reizvollen Stücken sucht man vergeblich.

Die attraktiveren Hallen des Hauses, in denen Kunst in bestem Licht erscheint, sind durch zwei andere Ausstellungen belegt. Wer will, kann aber vom 24. April an nach Münster in den Westfälischen Kunstverein fahren, wo - in enger Kooperation mit Hannover - ein paar weitere Arbeiten von Alicja Kwade gezeigt werden: darunter Videos, in denen Kieselsteine durch die Luft fliegen – die aber so gefilmt sind, als würden sich Asteroide gemächlich durchs All bewegen.

Eine Künstlerin buchstäblich mit Weitblick, die von einem breiten Publikum noch zu entdecken ist.

Service:
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