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Religionen | Beitrag vom 15.11.2020

Muslimischer PopSuperstars, die den Propheten loben

Von Julia Ley

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Porträt des Musikers Sami Yusuf. (Getty/Redferns/Brandon)
Vom Lob des Propheten zum Beat für die Feiernden: Sami Yusuf, ein Star des Islamo-Pop, bei einem Konzert in London (Getty/Redferns/Brandon)

Sami Yusuf? Maher Zain? Mona Haydar? Einige dieser muslimischen Pop-Stars verkaufen Millionen CDs, haben mehr Facebook-Likes als Robbie Williams und spielen in ausverkauften Hallen – auch in Deutschland.

Zayn, Student aus München, zeigt auf dem Smartphone seine Playlist. Neben vielen bekannten westlichen Künstlern findet sich darin auch muslimisch geprägter Rap. "Vor allem Khaled Siddiq aus England, weil ich finde, dass er die normale, moderne Musikkunst sehr gut vereinbart mit religiöser Musik", sagt Zayn. Ihm sei es wichtig, sich mit den Werten der Musiker identifizieren zu können:

"Also, ich höre eigentlich alles Querbeet, aber ich merke halt schon, sobald ich mir dieses Genre so ein bisschen anhöre, dass viel mehr Mehrwert einfach am Start ist."

Arabische Traditionen treffen auf Rap und Pop

Ob Rap, Reggae, R&B, Pop oder klassische arabische Musik: Muslimische Stars haben in den letzten zwei Jahrzehnten auch den europäischen Musikmarkt erobert. Neben Geheimtipps wie dem eingangs erwähnten Khaled Siddiq finden sich darunter auch internationale Popgrößen wie Sami Yusuf oder Maher Zain.

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Hinter diesem globalen Phänomen steht vor allem ein Name, sagt der schwedische Islamwissenschaftler Jonas Otterbeck: das Londoner Musiklabel "Awakening Music". Dessen Gründer hatten Anfang der 2000er Jahre den richtigen Riecher. Sie erkannten, dass es bei professionell produzierter, islamischer Popmusik eine Marktlücke gab, erklärt Otterbeck:

"Sie machen – so nennen sie es selbst – Musik, die vom Glauben getrieben ist. Das ist ihre persönliche Motivation, sie sind tief gläubig und theologisch gut ausgebildet. Einer von ihnen hat einen Doktortitel in Islamwissenschaften. Aber sie sind deshalb nicht traditionell, sie sind einfach sehr interessiert an ihrer eigenen Tradition. Sie versuchen, neue Wege zu finden, neue Ausdrucksformen."

Wohlfühlmusik mit islamischer Botschaft

Der schwedische Popmusiker Maher Zain ist heute der größte Star des Labels. Auf Facebook folgen ihm etwa 25 Millionen Fans. Zum Vergleich: Robbie Williams hat auf Facebook fünf Millionen Follower. Zains Verkaufsschlager: Wohlfühlmusik mit islamischer Botschaft. Seine Songs heißen "Insha Allah", "Medina" und "Ramadan", aber auch "True Love" oder "For the rest of my life". Mal sind es Lobgesänge auf Allah oder den Propheten Muhammad, mal geht es um einen gottgefälligen Lebensstil, mal um die Liebe – und manchmal um alles gleichzeitig.

Im Video zu "For the rest of my life" ist zu sehen, wie Zain neben seinem eigenen noch einen zweiten Gebetsteppich ausrollt – für die Frau, mit der er sein Leben verbringen will. Ewige Liebe, Heirat, Familie, Schwiegersohn-Appeal: Würde Zain in seinen Songs nicht immer wieder ins Arabische wechseln, er wäre von vielen anderen westlichen Popmusikern kaum zu unterscheiden.

Lieder, in denen sich muslimische Fans wiederfinden

Der Islamwissenschaftler Otterbeck glaubt, dass Musiker wie Maher Zain eine Lücke schließen. Europäische Muslime wachsen heute zwar mit einer globalisierten Popkultur auf – lange waren sie darin aber nicht wirklich repräsentiert. Wie bedeutsam seine Musik für seine Fans ist, hört Maher Zain immer wieder:

"Ich denke, es geht um Alternativen. Die Menschen wollen Alternativen. Sie hören immer noch alles, aber wenn sie etwas Spirituelles wollen, das die Stimmung hebt, dann hören sie unsere Musik. Und die Fakten zeigen ja, dass diese Art von Musik vorher fehlte und dass sie sehr geschätzt wird."

Maher Zain bei einem Auftritt in Istanbul, 2019.  (Getty/Anadolu/Arif Hudaverdi Yaman)Superstar mit Schwiegersohn-Appeal: der schwedisch-libanesische Sänger Maher Zain (Getty/Anadolu/Arif Hudaverdi Yaman)

Als Zain Anfang des Jahres in der Berliner Verti Music Hall spielte, kamen Tausende, meist weibliche Fans. Und das, obwohl die Tickets mit mehr als 100 Euro pro Stück nicht gerade billig waren. Doch Zeitungsartikel, Radiobeiträge, Fernsehberichte zu dem Konzert? Fehlanzeige! Kein einziges Ergebnis findet sich auf Google News. Wie erklärt sich Zain selbst, dass er zugleich so berühmt und völlig unbekannt ist?

"Ich denke, die offensichtliche Antwort auf diese Frage ist, dass ich islamische Musik mache", sagt Zain. "Denn ich glaube, viele Leute im Mainstream, also in den Radio- und Fernsehsendern, haben ein bisschen Angst davor, sich mit etwas zu beschäftigen, das mit dem Islam zu tun hat, und ich glaube, das ist eine der Herausforderungen."

Die Ursprünge: Nashid-Gesänge

Zusammen mit Sami Yusuf, dem anderen Megastar des Islamo-Pops, hat Maher Zain einem alten islamischen Musikgenre zu einem neuen Leben im Westen verholfen: dem Nashid. Das Wort "Nashid" bedeutet auf Arabisch einfach: Lied. Es kann sich sowohl auf säkulare wie auch religiöse Musik beziehen. In religiösen Kreisen bezeichnet das "Nashid dini", das religiöse Nashid, meist gesungene Reime, mit denen Gott oder der Prophet Muhammad gelobt werden sollen.

Traditionell wurde das Nashid oft improvisiert und meist von Männern a capella vorgetragen. In den 1970er- und 80er-Jahren begannen revolutionäre, islamistische Bewegungen wie die Hamas oder die Hisbollah solche Gesänge für politische Propagandazwecke einzusetzen – meist ohne Saiten- und Holzblasinstrumente, die von besonders strengen Muslimen abgelehnt werden.

Parallel bestand jedoch auch das unpolitische, spirituelle Nashid weiter fort, und die besten Sänger konnten nun, mit dem Aufkommen einer globalen Musikindustrie, auch international Karriere machen, sagt Jonas Otterbeck:

"Als es dann im 20. Jahrhundert möglich wurde, sie aufzuzeichnen, nutzte man diese Chance und begann, Nashid-Sänger zu dokumentieren. Und schließlich begann man, die richtig guten aufzunehmen, die dann sehr berühmt wurden."

Religiös inspirierte Gesellschaftskritik

In einer ganz anderen Tradition steht Mona Haydar. Auch die Tochter syrischer Einwanderer in den USA versteht ihre Musik als religiös inspiriert. Doch statt an musikalischen Vorbildern orientiert sich die Rapperin dabei eher an der sozialrevolutionären Tradition des Islam. Denn auch der Prophet Muhammad habe sich gegen Missstände in seiner Gesellschaft ausgesprochen:

"Tatsächlich war es so, dass der Prophet kam, um die arabische Kultur infrage zu stellen und zu sagen: Ehrlich gesagt ist viel von dem, was ihr tut, schlecht. Menschen für die spirituelle und religiöse Pilgerfahrt nach Mekka zahlen zu lassen, ist falsch! Ein Wirtschaftssystem rund um religiöse Pflichten zu schaffen, um Wohlstand anzuhäufen, ist falsch! Eure neugeborenen Töchter zu begraben, ist falsch! Frauenmord ist falsch!"

Mona Haydar spricht hier bei: Syrian Humanitarian Crisis to benefit the International Rescue Committee and Medecins Sans Frontieres , 2017 in New York City.  (Getty/Krista Kennell/Patrick McMullan)Religion als Ansporn für soziale Gerechtigkeit: die amerikanisch-syrische Musikerin Mona Haydar (Getty/Krista Kennell/Patrick McMullan)

In ihren bildstarken Videos inszeniert sich die Kopftuch tragende junge Frau bewusst lasziv – und bringt damit weiße Nationalisten genauso gegen sich auf wie überfromme Muslime. Ein Kopftuch und starke Weiblichkeit, das geht für viele bis heute nicht zusammen.

Gegen fragwürdige Schönheitsideale

Dabei gehe es ihr aber nicht um den Blick der Männer, so Haydar, sondern vor allem darum, sich selbst von den Schönheitsidealen einer Gesellschaft freizumachen, in der Frauen wie sie – klein, mit dunklem Teint, großen Lippen und verhülltem Haar – lange nicht als begehrenswert galten.

"Ich mache es nicht, um die Blicke eines männlichen Publikums auf mich zu ziehen", sagt Mona Haydar. "Ich mache es nicht, damit ich sexyer bin, sondern weil ich Schönheit liebe. Ganz ehrlich, was soll daran verkehrt sein? Aber ich mache es nicht, um mich anzupassen. Ich mache es nicht, um einem Standard zu entsprechen, der für mich nicht natürlich ist."

In den USA wird Haydar gar nicht unbedingt als muslimische Rapperin wahrgenommen. Sondern eher als Künstlerin, deren Musik eine Form von Protest ist – gegen Rassismus, gegen Sexismus und gegen eine Kosmetikindustrie, die insbesondere nicht-weißen Frauen unerreichbare Schönheitsideale setzt.

Und vielleicht ist das genau das richtige Verständnis von Musikerinnen wie Mona Haydar. Denn eins sollten wir vermeiden, sagt der schwedische Forscher Otterbeck:

"Ich denke, man sollte die Tatsache, dass Muslime Popmusik machen, nicht exotisieren. Muslime machen Filme, Videospiele, Cartoons, Comicbücher, Romane. Aber auch Juden Christen, Hindus und Buddhisten machen das. Eigentlich wäre es eher komisch, wenn es keine muslimische Popmusik gäbe."

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