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Religionen / Archiv | Beitrag vom 05.05.2019

Muslimische Therapeuten"Der kennt unsere Religion, das ist viel einfacher"

Von Ita Niehaus

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Muslime stehen am 03.10.2017 in Hamburg in der Centrum Moschee. Acht Einrichtungen in Hamburg öffnen am bundesweiten Tag der offenen Moschee zum Thema "Gute Nachbarschaft _ Bessere Gesellschaft".  ( dpa/Axel Heimken)
Leben zu zweit, ein Lernprozess - wenn muslimische Paare dabei Unterstützung suchen, kann es helfen, wenn Therapeuten mit ihrer Religion vertraut sind. ( dpa/Axel Heimken)

In Rüsselsheim praktiziert ein muslimisches Therapeutenpaar. Besonders junge muslimische Frauen wenden sich an den Psychiater und die Paartherapeutin, weil sie ihnen religiöse Regeln nicht erklären müssen.

Bei Ibrahim Rüschoff steht das Telefon nicht still. Der Psychiater und Psychotherapeut hat langjährige Erfahrung. Mit seiner Frau Malika Laabdallaoui, einer Paar- und Familientherapeutin, führt er eine gemeinsame Praxis in Rüsselsheim bei Frankfurt. Hauptsächlich kommen muslimische Frauen zu ihnen.

"Wie hole ich meinen Mann ins Boot?"

"Wie geht es Ihnen, wie ist die letzte Woche verlaufen?" Rüschoff begrüßt seine Klientin Ceylan Yilmaz (Name geändert). "Thema war ja, wie Sie Ihre Rollen aufteilen mit den Kindern." Die selbstbewusste junge Speditionskauffrau lebt mit Mann und zwei Kindern in einer kleinen Stadt in der Nähe.

Manchmal wird ihr alles zu viel, sagt sie. Sie möchte Familie, Beruf und Partnerschaft noch besser unter einen Hut bekommen, wünscht sich unter anderem von ihrem Mann mehr Unterstützung bei der Kindererziehung: "Wie kann ich meinen Mann da mit ins Boot holen?  Ich war jetzt immer die Strenge von uns beiden gegenüber unseren Kindern. Und mein Mann war eher so der lockere, macht nix, hier mal was Süßes, da mal was Süßes. Wie manage ich das - einfach auch mal Rollen zu verteilen, und dass wir da eine Einheit finden?"

Ibrahim Rüschoff wurde ihr von einer Freundin empfohlen, sagt die junge Frau und fügt hinzu: "Für mich war eine Therapie nichts Schlimmes. Viele sagen ja dann: Was, Therapie? Natürlich gibt es die beste Freundin oder die Mutter, aber der kann man nicht alles erzählen. Ich brauche jemand, der dann einfach ein offenes Ohr hat, der Tipps gibt oder sagen kann, warum das jetzt so ist, warum du dich so fühlst."

Weniger Vorurteile, besseres Verständnis

Ibrahim Rüschoff konvertierte vor vielen Jahren zum Islam. Ceylan Yilmaz hat sich bewusst für einen muslimischen Therapeuten entschieden. "Es gibt vieles in der Ehe, oder bei uns Muslimen, wo ein nichtmuslimischer Therapeut vielleicht nicht so ganz verstehen würde, warum das so ist", sagt sie. "Deswegen habe ich gedacht, ich nehme einen muslimischen Therapeuten. Der kennt unsere Religion, unsere Tradition - das ist viel einfacher."

Ibrahim Rüschoff macht diese Erfahrung häufiger: "Die meisten sagen, dass sie nicht so viel erklären müssen. Aber auch, dass wir weniger Vorurteile haben, denen sie natürlich hier und da begegnen. Und dass wir einfach besser verstehen, was bei ihnen los ist zuhause, in ihrem Umfeld. Das ist so das Wesentliche."

Was steckt hinter den Konflikten?

Einige der Patientinnen und Patienten seien sehr fromm, sagt Ibrahim Rüschoff,  andere dagegen weniger religiös. Die meisten haben Probleme mit dem Partner, mit der Familie oder bei der Arbeit. Viele leiden an Ängsten oder Depressionen, sagt der Therapeut: "Letztendlich machen wir nichts anderes als andere Therapeuten auch. Von der Art der Therapie helfen wir ähnlich oder gleich."

Ibrahim Rüschoff und Malika Laabdallaoui arbeiten gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten in Gesprächen heraus, was zum Beispiel tatsächlich hinter ihren Beziehungskonflikten steckt. "Der Patient muss verstehen, warum er zu dem Menschen geworden ist, der er ist", erklärt Malika Laabdallaoui . "Das  kann er nur verstehen, indem wir mit ihm seine Biografie aufarbeiten, seine Traumata, seine Erlebnisse und seine Psychodynamik. Und das andere ist: Wie führt  der Patient sein Leben im Hier und jetzt? Und da sind dysfunktionale Beziehungsmuster, Verhaltensmuster - daran arbeiten wir ganz direkt."

Auch nach dem Kopftuch kann er fragen

Der gemeinsame Glaube spielt keine entscheidende Rolle. Er trägt aber unter anderem dazu bei, Berührungsängste abzubauen. "Das ist natürlich für uns leichter, weil wir ein gewisses Vertrauen genießen, dass das, was wir sagen, so verkehrt nicht sein kann", sagt Ibrahim Rüschoff. "Dazu kommt noch, wenn ich jetzt die Frage stelle: Haben Sie denn schon mal überlegt, ihr Kopftuch abzusetzen? - dann denkt sie nicht gleich, ich will ihr das Kopftuch wegdiskutieren. Das denkt sie bei nichtmuslimischen möglicherweise sehr schnell."

Und seine Ehefrau ergänzt: "Wenn ich merke, das passt, dann bringe ich es schon rein. Wenn jemand eine schwere Krise hat, dann auch zu sprechen von Prüfungen des Lebens, einem höheren Sinn. Wenn man den Dingen einen Sinn gibt, dann kann man sie auch viel besser ertragen, einordnen."

Die Ablösung von den Eltern ist oft Thema

Immer wieder kommt es vor, dass sich die Hilfesuchenden Sorgen machen, ob das, was sie tun, auch islamisch erlaubt ist, haben Ibrahim Rüschoff und Malika Laabdallaoui festgestellt. Und es gebe durchaus Themen, mit denen sich Muslime besonders auseinandersetzen. Das ausgeprägte Rollendenken etwa oder die starke Bindung an die Herkunftsfamilie.

Es falle vielen ihrer Patientinnen und Patienten nicht leicht, sich von den Eltern zu lösen, sagt Laabdallaoui: "Dass Verbote zum Beispiel so hochgehalten werden - ich darf meinen Eltern nicht widersprechen. Aber im Hintergrund sind da natürlich die Ängste, die Eltern zu verlieren, oder die Angst vor Konflikten. Da machen sie alles mit und begründen das mit religiösen Überzeugungen, was aber, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt, verpufft."

Häufig würden auch Tradition und Kultur mit Religion vermischt, stellt sie fest: "In der Therapie geht es daher oft darum, zu lernen, Grenzen zu setzen. Und dann heißt es: Wie? Ich kann doch nicht meinem Mann solche Grenzen setzen, oder meinen Eltern und so. Und dann nutze ich schon die Religion, um den Patienten diese Schuldgefühle zu nehmen."

Religiöse Vorbilder können helfen

Das wichtigste Ziel: die Patienten sollen zu einem inneren Gleichgewicht finden und ihr Leben selbstbestimmt führen können. Ibrahim Rüschoff hat die Erfahrung gemacht, dass Beispiele aus der islamischen Überlieferung diesen Prozess unterstützen können:

"Khadija, die erste Frau des Propheten ist eine extrem selbstständige Frau gewesen, die ihn angefragt hat, ob er sie heiratet, die Geschäfte gegründet hat - das ist ein Vorbild für alle Frauen. Das ist natürlich leicht gesagt, das Problem ist: Die psychologischen Ängste gibt es dann doch noch. Aber es macht Mut."

Ceylan Yilmaz versucht jetzt, Dinge zu verändern und erprobt neues Verhalten im Familienalltag. Zum Beispiel hat sie gelernt, auch mal Verantwortung abzugeben an ihren Mann: "Ich bin viel lockerer geworden. Dass ich sage, nee, mach du mal, oder wir machen das zusammen. Das ist auf jeden Fall viel besser geworden."

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